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Ciani-Sophia Hoeder : Wie politisch können Haare sein?

  • -Aktualisiert am

Hat ein Medium für schwarze Frauen in Deutschland geschaffen: Ciani-Sophia Hoeder. Bild: Kasia Zacharko

Als Ciani-Sophia Hoeder merkte, dass sie in Deutschland Beauty- und Pflegetipps für schwarze Frauen nur aus dem Ausland bekommen konnte, gründete sie RosaMag. In dem Magazin geht es um Lifestyle und Politik. Ein Interview.

          6 Min.

          Warum haben Sie RosaMag gegründet, Frau Hoeder?

          Es ging mit einer Recherche über ein Produkt los: den Relaxer, ein chemisches Mittel, das schwarze Frauen zum Glätten ihrer Haare verwenden, eine weitverbreitete Methode. Ich benutzte den Relaxer, seit ich elf Jahre alt war. Obwohl das Mittel auf der Kopfhaut brennt und ganz offensichtlich nicht guttut. Ich fand Studien aus den USA, die belegten, dass das Mittel als ein Risikofaktor für Gebärmutterhalskrebs oder für die Entstehung von bösartigen Myomen erkannt wurde. Warum hatte ich darüber nie in einem deutschen Medium gelesen? Mir wurde bewusst, dass ich Informationen zu Pflege oder Beauty-Produkten für schwarze Frauen nur aus den USA oder Großbritannien bekommen konnte, aber auch: dass die natürliche Form meiner Haare in den Medien kaum abgebildet wird. So kam ich darauf, dass es keine Publikation für schwarze Frauen gibt, die Bereiche wie Lifestyle, Gesundheit oder Gesellschaft und politische Themen umfasst. Alles hängt miteinander zusammen.

          Auch das Thema Haare ist politisch?

          In gewisser Weise schon. Ich wollte meine Haare nicht mehr glätten, weil ich realisiert habe, dass ich so phänotypische Merkmale unterdrücke und damit letztlich verinnerlichten Rassismus lebte. Ich habe mich durch das Glätten selbst modifiziert.

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          Was heißt das?

          So wie es ein System gibt, das die Macht weißer Personen stärkt und ihre Privilegien ausweitet, so gibt es auch ein System, das schwarze Menschen und Gemeinschaften aktiv entmutigt und ihre Macht untergräbt. Wenn ich mein Äußeres verändere, um damit einem Schönheitsideal der weißen Mehrheitsgesellschaft zu entsprechen, und zudem meine Gesundheit schädige, habe ich verinnerlicht, dass das andere System das überlegene ist – und unterstütze es damit sogar. Das war der Schluss, zu dem ich kam. Oder: Man lacht als Schwarzer über rassistische Witze oder erzählt sie sogar selbst, um dem Gegenüber voraus zu sein. Das ist nicht souverän oder locker, sondern erhält Ungerechtigkeit.

          Was sagen Sie zu Popstars wie Beyoncé, die auf vielen Bildern mit glatten Haaren zu sehen ist – oder der ehemaligen First Lady Michelle Obama?

          Dass schwarze Frauen keine heterogene Gruppe sind. Ich würde mir nicht anmaßen, sie oder jemanden wie Meghan Markle zu beurteilen. Jemand wie Beyoncé setzt sich sehr stark in ihrer Musik und der Art, wie sie auftritt, für Gleichstellung ein: von People of Color, von Frauen. Mir geht es indes ganz grundsätzlich darum, auf die Frage hinzuweisen: Lebe ich in meinem Alltag internalisierten Rassismus? Warum tue ich bestimmte Dinge in meinem Leben? Die Antworten darauf sind individuell. So wie sich jede Frau fragen kann: Färbe ich mir die Haare nur blond, weil ich persönlich es schön finde? Inwieweit bin ich dabei beeinflusst von einem Schönheitsideal, das ein soziales Konstrukt ist? Michelle Obama trägt ihre Haare ja inzwischen oft wieder lockig. Eine sichtbare Botschaft.

          Sie zeigen viele Bildstrecken, auch Videoinhalte …

          Mir war wichtig, nicht nur eine thematische Auseinandersetzung zu vertiefen, sondern auch eine Bildsprache dazu zu finden, eine Art der Ansprache von Leser*innen, die positiv ist und dazu einlädt, sich zu identifizieren. Auch das war Teil meiner Überlegungen zur Gründung: Es gibt einfach zu wenig Positives, das Schwarze in Deutschland miteinander verbindet. An erster Stelle verbindet oft die Erfahrung von Diskriminierung und Ausgrenzung. Ich wollte positive Berührungspunkte schaffen.

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