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Zur Sonne, zur Freiheit, zum Schreibtisch!

Corona könnte das Ende des klassischen Büros einläuten. Die Alternativen sehen heute schon verlockend aus.

10. Dezember 2020
Text: NIKLAS MAAK
Fotos: IWAN BAAN

Ich geh ins Büro: Mit diesem Satz verbinden sich bestimmte Bilder. Man sieht jemanden, der in die Stadt fährt, ins Foyer eines modernen Hochhauses tritt und mit dem Fahrstuhl in irgendeine Etage fährt, wo er sodann auf robuster Auslegware unter Neonröhren, vorbei am Kopierraum und an der Teeküche, begrüßt von einer Sekretärin, auf eine Glastür zusteuert, hinter der sich sein Arbeitstisch befindet, hinter dem er sich für den Rest des Tages verschanzt. So jedenfalls sah die Bürowelt in der Dienstleistungsgesellschaft des 20. Jahrhunderts aus, so konnte man sie in der Fernsehserie „Mad Men“ besichtigen, die vielleicht das größte Memorial einer gerade untergehenden Lebens- und Arbeitswelt der westlichen Konsumgesellschaft war: traditionelle Rollenverteilung, Mann fährt, Zigaretten wegquarzend, mit dem Straßenkreuzer morgens ins Büro, wo Sekretärinnen lange nach aller Kraft belästigt wurden, während die eigene Frau frustriert träumend in der Vorstadt auf der Waschmaschine hockte.   

Eine Geschichte aus der aktuellen Ausgabe des Magazins der F.A.Z. „Frankfurter Allgemeine Quarterly“

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Dass es mit dieser Art von Ehe- und Büroleben spätestens nach der Pandemie vermutlich endgültig vorbei ist, ist aber nicht einer gewachsenen Sensibilität in Sachen Sexismus und entfremdete Lohnarbeit zu verdanken, sondern wiederum kapitalistischem Effizienzstreben: Corona sorgt soeben unfreiwillig für den weltgrößten Feldversuch zu den Auswirkungen des Arbeitens von zu Hause. Viele Firmen sind schon jetzt zu dem Schluss gekommen, dass es insgesamt sehr gut so läuft und man sich die Anmietung von riesigen Büroimmobilien in teuren Innenstadtlagen sparen kann. Laut einer Studie der Stanford University steigt die Produktivität der Home-Worker um 13,5 Prozent, die Angestellten, heißt es, seien zufriedener und weniger krank. Die Beratungsfirma Global Workplace Analytics (GWA) rechnet vor, dass eine Umstellung aller Jobs, die von zu Hause erledigt werden können, auf Homeoffice und die damit wegfallenden Kosten für Bürofläche allein in den Vereinigten Staaten 700 Milliarden Dollar einsparen könnten. Auch der Effekt für die Umwelt wäre enorm – laut GWA entspräche er der dauerhaften Einmottung aller Autos des Staates New York.

Das spektakuläre Projekt der Architekten von Selgascano bringt das Büro in den Garten.
Das spektakuläre Projekt der Architekten von Selgascano bringt das Büro in den Garten.

Schon zu Beginn der Pandemie fragte Arch Daily, eine der wichtigsten Architekturplattformen im Internet, ob „Corona der Anfang vom Ende der Büros“ sei. Und vielleicht ist die Pandemie das wirklich. Natürlich dürfte es auch während und nach dieser Krise noch Büros geben – in denen das Arbeiten aber Stück für Stück anders organisiert werden wird: Gerade hat Architekt Rem Koolhaas in Berlin für den Springer-Konzern ein Bürohaus gebaut, wo kaum noch in intimen kleinen Einzelzimmern gearbeitet wird, sondern in einer Art lichter, abstrakter Großraumbüro-Landschaft mit verschiedenen Plateaus in einer 45 Meter hohen verglasten Halle, durch die die neuen Internetarbeiter wie Plankton treiben, sich mal hier niederlassen, dort mal plaudern, Dokumente verschicken und lesen und schnell wieder verschwinden.

Man kann lange diskutieren, was dieser Wandel von der Schreibstube zur Piazza Aperta in allen neueren Bürobauten bedeutet. Für einige, die ohnehin lieber im Café arbeiten, mag es eine Befreiung sein – zumal sie ihre Kinder mitbringen und in der amphitheaterhaften Sitzkissenanlage am Fuß der Halle spielen lassen können. Für andere, die Ruhe, Rückzug und abschließbare Türen brauchen, ist es eine Zumutung. Und man kann fragen, was es bedeutet, wenn das Homeoffice den klassischen White-Collar-Worker aus dem Zentrum verschwinden lässt. Denn die Geschichte der Stadt ist von der Geschichte der Arbeit nicht zu trennen. Erst die Konzentration von Produktionsmitteln und Arbeitern in Fabriken in der Industrialisierung führte zum Wachstum der modernen Metropole, die ein Ergebnis der Anpassung des Lebens an die Bedürfnisse der Fabrik war. Dazu gehörten auch die Abschaffung der Siesta, der Mittagspause, die lange den Rhythmus der Städte bestimmte. Der Schlafforscher Roger Ekirch hat darauf hingewiesen, wie erst die Industrialisierung den Menschen zu ungesunden Lebensrhythmen zwang, zum frühen Aufstehen und zum Durcharbeiten, das uns heute ganz selbstverständlich erscheint.

Es gibt Einzelplätze, Meetingräume, transparente Wände, draußen spielen die Kinder: Das ist Arbeit mal ganz anders.
Es gibt Einzelplätze, Meetingräume, transparente Wände, draußen spielen die Kinder: Das ist Arbeit mal ganz anders.

Zu den wenigen positiven Effekten der Pandemie gehörte es, dass die Kinder während der Schulschließungen nicht mehr in aller Herrgottsfrühe zur Schule mussten und tatsächlich lernbereiter und aufnahmefähiger waren, als wenn man sie normalerweise morgens verschlafen in die Klassen jagte. Man sollte vielleicht darüber diskutieren, ob ein späterer Schulbeginn nicht generell sinnvoll wäre – und dort, wo es geht, auch ein anderes Arbeiten.


Wenn die Firmen einen Teil ihrer teuren Flächen im Zentrum aufgeben, können sich dort Arbeit, Bildung und Leben neu sortieren.

Wenn Corona das klassische Büro tatsächlich zum Auslaufmodell machen sollte – und damit auch das Arbeiten in den Bürogebäuden, die Fahrt von zu Hause zur Arbeit, die beide auf ihre Weise unsere Städte prägen –, was würde mit der Stadt passieren, wenn aus ihr die Arbeit, wie wir sie kennen, verschwindet?

Und was, wenn man dort auch nicht mehr einkaufen geht, weil man das vor allem online tut; und wenn man, wie die Kinobetreiber fürchten, nach der Krise nicht mehr ins Kino geht, weil Netflix so viel mehr im Angebot hat? Was wäre dann ein Stadtzentrum – und was würden wir dort tun?

Sechzig Bürowaben in vier verschiedenen Größen, umgeben von einem Dschungel, kennzeichnen die „Second Home“-Anlage in East Hollywood.
Sechzig Bürowaben in vier verschiedenen Größen, umgeben von einem Dschungel, kennzeichnen die „Second Home“-Anlage in East Hollywood.

Man könnte folgern, dass wir durch die technologische Revolution und ihre Folgen auf die größte friedliche Ruinenproduktion der Geschichte zusteuern: Viele Postämter, Einkaufszentren, Parkhäuser, Bürobauten werden bald leer stehen. Das muss aber nicht bedeuten, dass die Zentren veröden. Es kann auch eine Chance sein: Die Ruinen, die die technologische Revolution hinterlässt, aber auch Straßen und Parkplätze, die hauptsächlich für die Organisation des individuellen Verkehrs von zu Hause zum Büro und zurück bestimmt sind, könnten neu gestaltet werden; als öffentliche Parks mit Pools, Tischtennisplatten und Theatern; in ehemaligen Bürobauten können, wie die Umnutzung des Berliner „Hauses der Statistik“ schon heute zeigt, kleine lokale Produktionen, dazu Orte für Bildung, Forschung und Pflege entstehen.

Man wird all diese leeren Flächen neu definieren können und neue Freiräume haben, die andere Arten fördern, Zeit miteinander zu verbringen, Kinder großzuziehen und mit Freunden außerhalb der Grenzen der Kernfamilie zu leben. Ein Leben, nicht mehr auf einen Nine-to-five-Rhythmus beschränkt, könnte in großen, offenen, bewohnbaren Landschaften stattfinden, in denen Arbeit, Bildung, Wissensproduktion und Zusammensein anders organisiert werden. Wie so etwas aussehen kann, das ist schon heute in Los Angeles zu sehen:


In Los Angeles wird die Zukunft des Büros schon gelebt. In hellen, naturnahen und transparenten Waben entsteht ein ganz neues Gefühl von Arbeit – allein oder mit anderen.

Dort hat das Architekturbüro Selgascano eine der spektakulärsten neuen Büro- und Wohnlandschaften errichtet – eine Art Zeltstadt aus kreisrunden kleinen Bauten, zwischen denen ein Dschungel wuchert. Niemand wäre darauf gekommen, diese warmgelben, verglasten Zellen als Büros zu identifizieren, aber genau das sind sie – und die Korridore, die hier unter freiem Himmel liegen, sind ein Park, aber auch eine Art kollektives Wohnzimmer. Das neue „Second Home“-Projekt liegt in East Hollywood auf einem 9000 Quadratmeter großen Grundstück mit zwei Bestandsgebäuden, die 1964 von dem legendären Architekten Paul Williams entworfen wurden und in dem sich über 200 Arbeitsplätze, Co-Working-Spaces, ein Café, ein Restaurant, Veranstaltungs- und Konferenzsäle und Ruhebereiche befinden.

„Second Home Hollywood“: Viel Grün, viel Glas, die Grenze zwischen drinnen und draußen verschwimmt.
„Second Home Hollywood“: Viel Grün, viel Glas, die Grenze zwischen drinnen und draußen verschwimmt.

Sensationell ist das, was die Architekten nebenan über einer Tiefgarage errichtet haben. Statt neue Büros zu bauen und sie mühsam zu begrünen, haben sie dort einen Park gebaut, in dem sich 60 ovale Einzelbüros und Besprechungsräume für fast 700 Menschen befinden. Während man hier arbeitet, können die Kinder in den Park-Zwischenräumen Fangen und Verstecken spielen; die Leute, die hier arbeiten, sparen sich so den Babysitter. Es gibt vier verschiedene Formen und Größen von Zellen, durch die transparenten, gebogenen Wände schaut man ins Grüne, als sitze man mitten im Urwald. Vor allem zeigt Second Home eine Alternative zum Großraumbüro: Hier hat jeder eine Zelle, in der er allein, für sich sein oder mit anderen arbeiten kann. Zusammen ergeben sie eine ganz neue Form von Bürozellen-Landschaft, in der Leben und Arbeiten neu sortiert werden können.

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Quelle: F.A.Z. Quarterly

Veröffentlicht: 17.12.2020 11:44 Uhr