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Black Beauty

Smells like Metallica: Das Charleroi-Graffito zeugt von neuem Selbstbewusstsein

Der belgische Industrieort Charleroi wurde einst als „hässlichste Stadt der Welt“ gebrandmarkt. Aber die alten Fabriken, Halden und Gemäuer garantieren heute – dank der Popkultur – glänzende Aussichten.

24.10.2019
Text: RALF NIEMCZYK
Fotos: JULIA SELLMANN

Mit Techno lässt sich vieles vermitteln – etwa eine rekordverdächtige urbane Schussfahrt: In gut 100 Jahren von der „reichsten Stadt der Welt“ zur „hässlichsten Stadt der Welt“. Einfach gefilmte Schwarzweißoptik, Kamera aus dem Autofenster. Das wallonische Elektronik-Duo Kink und Fabrice Lig braucht im Song „Charleroi D.C.“ keine digitalen Tricks. Ihr Roadmovie rauscht mit treibenden Beats vorbei an den Schatzkammern von einst. Stahl und Kohle, das Walhalla für Flachglas und Keramik. Die erste Sodafabrik, die nach dem Solvay- Verfahren arbeitete. Verwitterte Kathedralen des Industriezeitalters werden zur Kulisse für Nischenkreative. Man kennt das aus Detroit, Manchester oder dem Berlin der Nachwendezeit. Tempi passati.

Eine Geschichte aus der aktuellen Ausgabe des Magazins der F.A.Z. „Frankfurter Allgemeine Quarterly“

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Bereits Mitte der Neunziger haben sie mitten in die vergammelte Werftenzone von Bilbao ein Guggenheim-Museum gestellt – als Startpunkt für die Umwidmung der baskischen Arbeiterstadt. Seitdem wird vom „Bilbao-Effekt“ gesprochen; wenn aus Grau-in-Grau tausend bunte Blumen sprießen. Diese Methode hat freilich nicht überall gezündet, wo man sie – so oder ähnlich – anwenden wollte. Das Ruhrgebiet etwa weiß trotz Euro- Kulturhauptstadt („Ruhr 2010“), wie schwer ein disruptiver Wandel zum Besseren ist. Manchmal dauert es eben. Viele Städte und ganze Regionen in Europa stehen weiterhin vor ihrer Neuerfindung. Und Charleroi als Superlativ der Hässlichkeit ist das Extrembeispiel. Seit das fiese „hässlichste Stadt der Welt“-Votum der holländischen Tageszeitung „de Volkskrant“ im Jahr 2008 die Gemeinde auf einen ungewollten Platz eins der internationalen Trostlos-Charts gesetzt hat, haben sie das Beste daraus gemacht. „Bad means good“ heißt ein Merksatz im Hiphop, man muss Negatives offensiv umdrehen. Charleroi lernt, sein brachiales Erbe zu lieben.

Moderne Bistros ergänzen heute das Angebot von alten Arbeiterkneipen
Wurde hier erfunden: Die weltberühmte Comicfigur Marsupilami von „Spirou und Fantasio“

Bereits der anfangs erwähnte Song „Charleroi D.C.“ ist optimistisch gestimmt. Eher upliftend als depressiv-düster. Wild entschlossen, den kruden Mix von Industriemonstern und Digitalmoderne, von Backsteinmauern und Shoppingmalls positiv zu drehen. Ganz ähnlich verhält es sich mit dem Schriftzug „Bisous M’Chou“, was so viel bedeutet wie „Küsschen, mein Liebling“, den jemand in riesenhaften Graffiti-Lettern auf den maroden Messepalast Palais des Expositions gemalt hat. Ein Dutzend Sprühdosen, ein ironischcharmanter Slogan – und schon hat das gebeutelte Gemeinwesen ein weit sichtbares Motto. Längst gibt es eine „Bisous“-Biersorte und allerlei Merchandising. Keine erdrutschartige Problemlösung, aber immerhin ein Lächeln. Eine wallonische Variante von „arm, aber sexy“. Auch die Stadtverwaltung von Charleroi, die lange Zeit mit den subversiven Aktionen der örtlichen Underground-Kultur nur wenig anzufangen wusste, setzt mittlerweile auf wirkmächtige Aufhellungsfaktoren. Offiziell kuratierte Street-Art etwa oder die riesenhafte Marsupilami-Figur aus der Comic- Serie „Spirou und Fantasio“, die als Kunststoffstatue auf dem Kreisverkehr am Square Jules Hiérnaux in Charlerois Oberstadt steht. Gesäumt von Bauten der belgischen Nachkriegsmoderne, verweist das gelbe Fabeltier auf die weltberühmten Figuren des Verlagshauses Dupuis, das bereits in den 1930er Jahren im Viertel Marcinelle gegründet wurde. Es sind jene Traditionen im frankobelgischen Comic-Markt, die den etablierten Kunsthändler Jean-Michel Filleul in die zentrale Rue de Marcinelle lockten. Er hat dort seine neue Galerie für Comicund Designobjekte eröffnet. Eine vier Meter hohe Rakete aus dem „Tim und Struppi“-Band „Reise zum Mond“ gehört zu den spektakulärsten Objekten für seine internationale Sammlerklientel. „Anfangs haben mich Freunde aus Brüssel angeschaut, als wollte ich in der Hölle investieren. Doch für mich stimmte der Zeitpunkt. Das Haus kostete nicht die Welt; seitdem hat sich das Umfeld deutlich gebessert“, sagt Filleul und verweist auf die geometrisch verkleidete Fassade schräg gegenüber. Das Kulturzentrum Le Vecteur veranstaltet Indie-Konzerte, zeigt Ausstellungen und Avantgarde-Filme. „Das brachiale Szenario hier lockt eine spezielle Klientel für Kunst und Design an. Die Agonie jedenfalls ist abgeschüttelt“, findet der Pionier des neuen Charleroi.

Hinter der Fassade verbirgt sich der Club „Rockerill“

Ein erster Blick des Besuchers vom Zentralbahnhof Gare du Sud fällt auf einen gigantischen Fabriktorso entlang des Flusses Sambre, der eingemauert ist wie ein Industriekanal. Teile des Komplexes mit seinen stillgelegten Kokereien und Stahlhütten werden noch genutzt. Der Energieversorger Nexans fertigt Starkstromkabel, der Schweizer Rohstoffkonzern Duferco betreibt ein Walzdrahtwerk. Und versucht ansonsten, die riesigen Flächen anderweitig zu vermarkten. Dieser Teil von Charleroi ist der eiserne Dschungel, den man mit dem alternativen Stadtplan „Boucle noire“ erforschen kann. Oder besser noch mit einem erfahrenen Guide mit Kennerblick für die Schönheiten im postindustriellen Nirvana. „Das war ursprünglich keine Stadt, sondern die größte Fabrikzone von Europa. Ein Silicon Valley des 19. Jahrhunderts“, sagt Nicolas Buissart. Die Wahl zur Welthauptstadt der Hässlichkeit war für ihn spontane Inspiration für seine industriellen Wanderrouten. Ursprünglich als subversive „Safari“-Intervention gedacht, ist daraus für ihn ein florierender touristischer Nebenerwerb geworden. Menschen aus der ganzen Welt hat der Künstler bereits an scheppernden Schrottgreifern vorbeigelotst. Er steigt mit seinen Kunden über begrünte Abraumhalden, rund 50 davon gibt es in der Gegend. Er zeigt ihnen urige Kneipen in schlichten Arbeiterwohnvierteln mit Carambol- Tischen und coolen Fotos von Billard-Legenden wie Raymond Ceulemans. Man lernt etwas über die Weltenläufe des ganz großen Geldes oder über das notorische Missmanagement in Belgien durch den schwelenden Nationenkonflikt zwischen Flamen und Wallonen. Wer sich für Zeitgeschichte jenseits von Sanssouci interessiert, ist hier bestens aufgehoben.

Vor dem Hintergrund vergangener Industriegröße wird es jung, chic, modern
Zugang zum Bahnhof an der neuen Uferzeile
Das Kulturzentrum Le Vecteur für Indie-Konzerte und Ausstellungen

Mit großem Einsatz wandelt De Biasio gerade das ehemalige italienische Konsulat, eine Villa mit düsterer Edelholztäfelung, in ein spartenübergreifendes Musikzentrum um. Ein Ort für künstlerische Projekte wie die Villa Massimo in Rom. De Biasios Schlaf- und Arbeitszimmer liegt inmitten der Baustelle, die ihr zur Herzensangelegenheit geworden ist. „Kaum jemand weiß, dass hinter dem kleinen Park des Konsulats das Musik-Konservatorium liegt. Ich würde den Eingangsbereich gerne zum neuen Fenster des Instituts machen und es damit wachküssen.“ Bereits im Herbst sollen die Studios im Dachstuhl eröffnen, die künftig komplette Musikproduktionen erlauben.


„Diese etwas altbackene, sepiagetönte Atmosphäre passt zur Aura der Stadt. Ich bin überzeugt, dass eine neue Orientierung nur langsam gelingen kann. Mit Seele. Den Herzschlag des schnellen Geldes hatten wir hier lange genug“
De Biasio

sagt sie und führt an Farbeimern vorbei zum Gartenausgang. De Biasio weist auf das ehemalige Pförtnerhäuschen der Pass- und Visa-Abteilung. „Hier richten wir eine ständige Ausstellung mit Exponaten ein, die wir bei der Renovierung gefunden haben: Skurrile Formulare und Stempel, Uniformteile oder Reste von Artdéco- Bürolampen.“ Ohne Vergangenheit kommt die Zukunft von Charleroi nicht aus.

Die Kirche Sint-Christoffelkerk

Eine moderne Fußgängerbrücke führt hinüber vom Bahnhof auf die neu gefasste Uferzone. In der putzigen Altstadt befanden sich früher Arbeiterkneipen und der Rotlichtbezirk. Jetzt künden große Baulücken von der Komplettsanierung. Die zentrale Place Verte ist mit Einkaufspassage, Businesshotel und Außengastromonie bereits neu gefasst. Noch etwas schüchtern brettern Skateboard-Fahrer über die hier ungewohnte, fast schon heitere Aufgeräumtheit. An der neuen Uferzeile mit dem renovierten Art-déco-Rundbau des niederländischen Fabrikanten DeHays und dem stilsicher modernisierten Kino- und Gastronomiekomplex Quai 10 stehen Bierzelte und eine kleine Bühne für die örtlichen Trapund R-’n’-B-Newcomer. Hier ist mit konventionellen Sanierungsmaßnahmen eine Wende in eine hellere Zukunft geschafft. „Hollandisierung von Charleroi“, nennt Stadtarchäologe Buissart jene kleinteilige Renovierung der Alt- und Oberstadt mit autoarmen Zonen und heimeligen Pflastersteinen, die durchaus Lebensqualität in die Viertel jenseits der Restfabriken gebracht hat.

Blick von der Rue Turenne nach Charleroi-Ouest
Place Charles II: Authentizität ohne Show-Gedöns

Doch bislang kommen viele Charleroi-Gäste nicht nur aus dem flandrischen Landesteil genau wegen der harten Gegensätze. Als Alternative zur langweilig empfundenen Ordnung daheim. Etwa in das schattige Quartier, in dem der renommierte Elektro-Club „Rockerill“ an die Tycoons der Gründerjahre erinnert, standesgemäß untergebracht in einer derben Industriehalle mit meterhohen Wänden. Sie wurde aus dem Boden gestampft durch gezielte Mega-Investitionen der britischen Industriellen-Dynastie Cockerill. Ringsum rauchten und fauchten 20 Hochöfen. Gleich nebenan in der Straßenschlucht aus Betonstelzen und Brandmauern hat jemand den Schriftzug der amerikanischen Metalband Metallica in riesigen Lettern in „Charleroi“ umgewidmet.

Die weltberühmten belgischen Moules frites, hier aber ohne die Fritten

Gerade das Derbe, Authentisch-Morbide und Melancholisch-Geheimnisumwitterte wird zur Alternative zum handystickschwingenden overtourism in Venedig und anderswo. Und dieser besondere Vibe zwischen Untergang und kleinteiligem Aufbruch mit starken Pop-Elementen lockt immer mehr Gleichgesinnte an – und dürfte noch länger schwingen. Man kann auf der Restaurantmeile Rue De Dampremy schon solide Moules frites essen oder im Wirtshaus „Le Templiers“ am monumentalen Rathaus gepflegt regionale Trappisten-Biere trinken. Aber das böse Gespenst Gentrifizierung ist noch sehr fern.

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Quelle: F.A.Z. Quarterly

Veröffentlicht: 24.10.2019 15:42 Uhr