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New Yorks Upper Westside : West Side Glory

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Luftblick auf New Yorks Upper Westside: Wer es sich leisten kann, hier zu leben, der hat es geschafft. Häufig genug handelt es sich um Prominente aus dem Showbusiness Bild: mauritius images

Kein New Yorker Stadtteil zieht die Reichen und Berühmten so sehr an wie die Upper West Side. Was ist an diesem Viertel bloß so attraktiv? Zwei Hausbesuche in der Prominenten-Hochburg.

          5 Min.

          Prominente lieben New York. In keiner anderen Stadt können sie so gut untertauchen und trotzdem mittendrin sein. Niemand gafft, stalkt oder fragt nach Selfies oder Autogrammen – es sei denn, er ist Tourist aus Europa.

          Ein Stadtteil hat es den bekannten Gesichtern ganz besonders angetan: die Upper West Side. Das zeigte jetzt eine Studie des New Yorker Verbraucherportals für Wohnungssuchende, „AddressReport“, das bestimmte Lagen auswertet, etwa in Bezug auf Kriminalität, Verkehrsanbindung, Ratten- oder eben auch Prominentendichte.

          Keine New Yorker Neighborhood zählt mehr bekannte Namen als diese 50 Querstraßen westlich des Central Park zwischen Columbus Circle und Cathedral Parkway, wo einst John Lennon lebte, wo Bernsteins „West Side Story“ spielt und Woody Allen seine Mia Farrow besuchte, damals, als alles noch gut war. Heute leben hier Schauspieler wie Robert DeNiro, Al Pacino, Denzel Washington, Matt Damon, Michael J. Fox und Musiker wie Bono, Cyndi Lauper und Sting.

          Woran liegt der Reiz der West Side?

          Was macht diese Lage so beliebt bei den Stars? Sind es die schicken Restaurants? Kaum, denn angeblich ist die Upper West Side eine kulinarische Wüste. Ist es die Nähe zur größten Grün-Oase Manhattans, dem Central Park mit über 20.000 Bäumen? Dann wäre die Upper East Side, das Pendant auf der östlichen Seite des Parks, genauso prädestiniert. Hier leben jedoch laut „AddressReport“ weit weniger Celebrities als im Westen. Ist es der exklusive Wohnraum? Die edlen Boutiquen?

          Wo die Promis wohnen
          Wo die Promis wohnen : Bild: F.A.Z.

          Steve Leaphy lebt seit 25 Jahren in der Upper West Side. Er ist nicht prominent, sondern Angestellter der Stadt New York. Seinen richtigen Namen möchte der 58-Jährige dennoch nicht nennen, daher ist dieser geändert. Sein Apartment in der West 94th Street, Ecke Broadway liegt zehn Fußminuten vom Central Park entfernt. Dass sein Viertel die höchste Promi-Dichte in ganz New York City hat, überrascht ihn nicht. „Wenn man eine Familie mit Kindern hat, ist das hier oben ein angenehmes Lebensumfeld. Breite Fußwege, viele Bäume, um die Ecke der Park. Künstler und Schauspieler würden sich nicht in der Upper East Side niederlassen wollen. In der West Side ist einfach mehr los“, sagt er.

          Eine Markise ziert den Eingangsbereich seines 1929 erbauten Apartmentblocks mit 147 Wohnungen. „Norman Mailer stach hier 1960 mit dem Taschenmesser auf seine Frau ein“, erzählt Steve Leaphy. Wenn er durch das mondäne Foyer geht, nickt er dem Empfangsportier in Livree zu. Dann steigt er in einen von drei Fahrstühlen und lässt sich in den 17. Stock befördern. Dort lebt er in einem bis zur Decke mit Büchern gefüllten „Classic Six“-Apartment, einem New Yorker Wohnungstyp aus der Vorkriegszeit mit Wohn,- Ess- und Dienstmädchenzimmer, zwei Schlafzimmern und Küche. Zwei Bäder und ein WC im einst für die Hausangestellte vorgesehenen Zimmer, das praktischerweise an die Küche angrenzt, gibt es auch. Im Wohnzimmer erinnert ein alter Steinway-Flügel an seine verstorbene Frau, die darauf spielte.

          Opfer der Gentrifizierung

          „Als unser zweiter Sohn unterwegs war, wurde unsere Wohnung in Chelsea zu klein für uns“, erinnert sich der studierte Jurist. „Wir überlegten, nach Brooklyn, Park Slope oder innerhalb Chelseas umzuziehen. Aber die Wohnungen in der Upper West Side hatten einfach eine familienfreundlichere Größe. Es gab viele Parks, den Riverside Park am Hudson und den Central Park. Dazu ein paar gute öffentliche und viele private Schulen. Das war einfach ideal für uns.“

          Damals, 1989, wohnten noch viele Dichter, Verleger und Künstler im Haus. „Die Upper West Side galt als Zufluchtsort für Linksintellektuelle. Die Mieten waren erschwinglich, und der Ort war politisch und philosophisch aufgeladen. Die Künstler sträubten sich gegen die Unterwanderung durch mehr Kapital, durch Yuppies und Anwälte.“ Die Yuppies und Anwälte, das waren Leute wie Steve Leaphy. Sie brachten Geld mit und stellten entsprechend höhere Ansprüche an ihren Wohnraum. Das sorgte für Spannung. Auch weil es die Immobilienpreise in die Höhe trieb. Heute ist Leaphys Apartment an die zwei Millionen Dollar wert. „Ich kenne einen Anwohner aus dem 15. Stock, der von Anfang an dabei war und 36.000 Dollar für sein Apartment bezahlt hat. Jetzt könnte er es für fast vier Millionen verkaufen“, erzählt er.

          Und dennoch: Für die richtig großen Stars sei sein Wohnumfeld auch heute noch wenig reizvoll. Das Gebäude teilt er sich mit Berufseinsteigern, jungen Paaren und ein paar alteingesessenen Anwohnern. „Wer berühmt und gut betucht ist und in der Upper West Side leben möchte, würde sich eher am Central Park West niederlassen“, sagt er. Das ist die Straße, die direkt entlang der großen urbanen Oase führt und von der aus man einen Blick über den Park hinweg auf ein Panorama von Wolkenkratzern genießt, als wären diese weit entfernt und man selbst nicht auch von einem Häusermeer umgeben. Eine Illusion, die ihren Preis hat. Hier kosten Apartments ab zehn Millionen Dollar aufwärts. Einer aktuellen Studie der Immobiliengutachter Michael Samuel Inc. zufolge erzielt der Quadratmeter Wohnfläche 31.000 Dollar.

          „Gaffen ist für Touristen“

          In solch einem Luxus-Apartment wohnt Daniel Katz, Umweltaktivist und Mitbegründer der Rainforest Alliance, deren Regenwald-Frosch zahllose Kaffeepackungen besiegelt. In seinem sonnendurchfluteten Wohnzimmer könnte eine kleine Kindermannschaft gut Fußball spielen. Die Wandseite Richtung Central Park besteht ab Hüfthöhe durchweg aus Fenstern; spätestens zur Abenddämmerung ist der Ausblick magisch. „Ich wollte eigentlich nie in einem Fahrstuhlgebäude mit Portier wohnen“, erinnert sich Katz, „aber ich habe mich daran gewöhnt, und Portiers bieten auch eine Menge Sicherheit und Komfort.“ Der 53-Jährige lebte ursprünglich in Park Slope, Brooklyn, als er seine Frau kennenlernte, die Tochter eines Fernsehproduzenten, die bereits Upper-West-Side-Bewohnerin war. „Sie hat gewonnen! Jetzt leben wir schon 16 Jahre hier. Unglaublich.“

          Seine beiden Kinder sind mit den Spielplätzen im Central Park aufgewachsen. Auch heute noch vergnügen sie sich regelmäßig im „Arthur Ross Pinetum“, einem kleinen Kiefernwald mit Schaukeln für die Kleinen und Klimmzugstangen für die Großen.

          „Manchmal sieht man schon Prominente. Kevin Bacon und Kyra Sedgwick sind mir mal auf der Straße oder in der U-Bahn aufgefallen“, sagt Katz. „Es ist auch überhaupt nicht ungewöhnlich, wenn einem Jerry Seinfeld oder Dustin Hoffman im Central Park, im Restaurant oder bei einer Broadway-Aufführung über den Weg laufen. Aber die Schauspieler wollen ein normales Leben führen, und die meisten Leute verstehen das. Man mag vielleicht ein Gesicht erkennen, aber man gafft nicht. Gaffen ist für Touristen!“

          Die Promi-Karawane zieht weiter

          Alicia Schwartz ist Immobilienexpertin beim Portal „AddressReport“. Sie erklärt sich das der Upper West Side anhaftende Prestige mit der Exklusivität des angebotenen Wohnraums. „Die West und die East Side sind beide attraktiv für reiche Familien, mit dem Unterschied, dass die Westseite im Vergleich über weit weniger Immobilien verfügt. Das lockt Prominente an.“ Die Upper East Side – die 5th Avenue etwa, auf der Jackie Kennedy Onassis lebte – sei eher der Tummelplatz des alten Geldadels.

          Mittlerweile geht der Trend, zumindest für jüngere Promi-Generationen, aber in eine andere Richtung. „Wenn man sich mal anschaut, wer da in der Upper West Side lebt, dann sind das alles ältere Berühmtheiten über 40“, so Alicia Schwartz. „Was in den Neunzigern die Upper West Side war, ist heute Brooklyn.“ Die Szene ist also weitergezogen. Im vergangenen Jahr hätten sich Ethan Hawke, Keri Russell oder Anne Hathaway in Brooklyn niedergelassen. Auch die Brownstone-Häuser im quirligen West Village, von denen gerade der „Friends“-Schauspieler David Schwimmer eines erworben und renoviert hat, sind bei dieser Klientel längst angesagter als die heute vielleicht etwas spießig anmutende, familienorientierte Atmosphäre der Upper West Side.

          Heute überlegt auch Steve Leaphy, ob er vielleicht wieder nach Chelsea zieht, einem typisch gentrifizierten New Yorker Viertel mit heute über 300 Galerien. Früher joggte Leaphy in den Abendstunden an Prostituierten und Autowerkstätten vorbei. „Das Viertel hat sich komplett umgekrempelt. Es ist cooler.“ Sollte Daniel Katz sein Luxusapartment in der Upper West Side verlassen, würde er New York gleich ganz den Rücken kehren. „NYC ist ein phantastischer Ort, aber die Hundehäufchen auf den Fußwegen und die überfüllten U-Bahn-Züge gehen mir langsam auf die Nerven.“ Auch Leaphy meint: „Es ist nicht mehr hip hier in der Upper West Side. Wer heute richtig viel Geld hat und etwas cool sein möchte, würde sich einen Loft in TriBeCa kaufen oder ein Haus im West Village.“ Preisschild: zwölf Millionen Dollar.

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