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Musikreise durch Amerika : Motown, Punk und Techno

Der Besuch von „Hitsville USA“, dem Motown Museum, ist ein Höhepunkt auf der Reise eines jeden Musikliebhabers. Bild: Picture-Alliance

So viele Musik-Metropolen wie in den Vereinigten Staaten gibt es nirgends. Und jede klingt anders. Unsere Autoren reisten in zehn Städte, die noch immer den Ton angeben. Zu Besuch in Detroit.

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          Wahrscheinlich gibt es keine Stadt, die so auf ihre Musik ausgestrahlt hat wie Detroit. Alle Musikstile, die hier erfunden wurden – Motown, Punk und Techno (was für ein Erbe!) –, gehen auf die Verbindung mit der Autoindustrie zurück. Protopunk-Rocker wie Iggy Pop mit seinen Stooges und Wayne Kramer mit den MC5 waren benzininfiziert und trafen die Erwartungen des hart arbeitenden Publikums, als sie den Rock immer härter und rotziger machten. Und Techno-Pionier Juan Atkins hat wiederholt vom Einfluss der Massenfertigung in den Fabriken auf seinen zuvor ungehörten Sound gesprochen. Doch auch ihr Niedergang ist mit dem dominanten Wirtschaftszweig im Bundesstaat Michigan eng verknüpft.

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          Elektrischer Blues, House, Post Rock und der Chicago Soul: Virtuosität hat hier einen hohen Stellenwert.

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          Philipp Krohn
          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Menschen und Wirtschaft“.

          Keine Erfahrung ist heute mit einem Spaziergang durch Detroit gleichzusetzen: Halb verfallene Ruinen mitten im Stadtzentrum, leergefegte Ladenzeilen und abgerissene Gestalten geben kein einladendes erstes Bild ab. Sucht man nach der Adresse eines Geschäfts, kann es sein, dass es schon nicht mehr existiert. Aber unter dieser zerbrochenen Oberfläche ist Detroit weiterhin eine überaus kreative Stadt. The White Stripes und The Von Bondies waren die letzten Bands aus der lebendigen Musikszene, die international bekannt wurden.

          Auch im Techno wirkt die Tradition auf jüngere Künstler ein. Alles begann allerdings an den Fließbändern von Henry Fords Autofabriken. Hieraus zog Motown-Gründer Berry Gordy seine Inspiration. Zum Klang der Maschinen musste auch das Selbstbewusstsein kommen, es auf geschäftlicher Ebene zu schaffen, damit Gordy „Hitsville USA“ gründen konnte.

          Der Weltmeisterkampf von Joe Louis gegen Max Schmeling im Jahr 1938 im Yankee Stadium in New York habe bei ihm – Urenkel eines weißen Farmers und einer schwarzen Sklavin – den Wunsch geweckt, selbst ein erfolgreicher Boxer zu werden, erzählt Allen Rawls, Direktor des Motown-Museums in Detroit. „Es war eine Inspiration für alle Afroamerikaner, dass es hier jemanden gab, der so etwas Monumentales erreicht hat.“ Gordys Vater aber sagte: Nein, du kannst nicht Joe Louis sein. Es gibt schon einen Joe Louis. Aber du kannst der Beste sein in dem, worin du gut bist. Finde einen Sinn in deinem Leben.

          Gordy war ein begnadeter Songschreiber. Als er in der Ford-Fabrik arbeitete, hörte er die Rhythmen und ließ sich davon zu Songs anregen. Und er sah die Effizienz der Produktion, die er nach der Gründung von Motown am West Grand Boulevard auf sein kleines Label übertrug. Anders als bei Stax in Memphis, wo das Originalstudio rekonstruiert werden musste, findet man an dieser Adresse alles genauso vor, wie es Diana Ross & The Supremes, The Temptations, Marvin Gaye, Stevie Wonder und ein kleiner Junge namens Michael Jackson erlebt haben. An der Stelle, an der die Toningenieure standen, darf bei keiner Museumsführung der Hinweis fehlen, dass die Dellen im Holz von ihrem Mitwippen stammen.

          Der Besuch von „Hitsville USA“ ist ein Höhepunkt auf der Reise eines jeden Musikliebhabers. Ob unter Schwarzen oder Weißen – Motown war der ganze Stolz der Menschen aus Detroit. Sie brachten ihre Hitsingles zu Familientreffen mit und teilten ihren Angehörigen mit: „Das ist aus Detroit!“ Und junge Musiker fühlten den starken Wunsch, selbst auf der Bühne zu stehen.


          Der Gitarrist Wayne Kramer etwa, der mit den MC5 vorwegnahm, was später Punk getauft wurde, schulte sich an den Musikern der Motown-Begleitband wie dem begnadeten Bassisten James Jamerson. Allerdings wählten die weißen Musiker einen sehr viel raueren Sound. „Es kam eine Art unausgesprochene Ästhetik auf, in der es darum ging, wer der Lauteste war“, sagt Kramer. „Wenn Bands aus anderen Städten kamen, bliesen wir sie normalerweise weg, weil wir härter und kraftvoller spielten.“ Der Einfluss der MC5, der Stooges und der vielleicht ersten Punkband Death ist bis heute ungebrochen.

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          Diese Artikelserie ist Teil des Projekts „Sound of the Cities“, das derzeit wächst. Weitere Veröffentlichungen wird es im Deutschlandfunk, der F.A.Z. und im Verlag Rogner & Bernhard geben. Wer beim Entstehen dabeisein will, kann die Autoren unter www.facebook.com/soundofcities besuchen.

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