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Modewoche in London : Starkes Nervenkostüm

Krönungskleider, nur kürzer und leichter: Wenn alle anderen auf Sportlichkeit als Großtrend dieser Zeit setzen, kommt eine Erdem-Schau gerade recht. Bild: AP

Attentat, Brexit-Chaos, Attentat, Hochhausbrand, Attentat: London, die gebeutelte Stadt, zeigt mit der Fashion Week, was sie trotz allem kann. Die Modemacher reagieren unterschiedlich auf die unsicheren Zeiten.

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          Die Mail des Onlineshops kommt nicht mal eine Stunde nach der Schau. „Besitzen Sie Burberrys neue Kollektion.“ Die Marke, die aufs Digitale fixiert ist, hält ihr See-now-buy-now-Konzept nun schon in der dritten Saison durch, und zum ersten Mal scheint es Sinn zu haben. Natürlich landet die Mode – in diesem Fall Karo-Teile, Regencapes, selbstgestrickt aussehende Pullunder – wieder in den Läden, bevor überhaupt ein Hype um die Ideen des Designers Christopher Bailey entstehen kann. Natürlich muss Burberry somit auch zeitiger produzieren als andere Labels, die jetzt Ware fürs nächste Frühjahr zeigen. Aber immerhin: Mit gestrafften Prozessen muss die Marke nicht nach der Präsentation noch Monate warten, in denen sich die Weltlage schon wieder, wer weiß in welche Richtung, verändert hat.

          Jennifer Wiebking
          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Man bekommt die Wendigkeit der Zeitläufte am Samstagabend mit: Drinnen, im verwinkelten Old Sessions House, suchen nach der Schau der neue Chefredakteur der britischen „Vogue“, Edward Enninful, und seine Freundinnen Naomi Campbell und Kate Moss die Backstage-Zone. Draußen schreien sich Peta-Aktivisten warm. Dabei ist auf den Londoner Laufstegen selten Pelz zu sehen, weil die Briten Tiere so lieben. Eine Hundertschaft Polizisten bildet eine Kette, um die Tierrechtsaktivisten zurückzuhalten.

          Die Polizei wird jetzt also selbst bei Modenschauen in London gerufen. Die verwundete Stadt wurde von zahlreichen Attentaten getroffen. Im Sommer wurde ein Hochhausbrand zur Katastrophe. Die Brexit-Entscheidung wäre unter den Bewohnern der Hauptstadt anders ausgefallen. Und jetzt laufen die Scheidungsgespräche mit der EU so zäh. Und jetzt sollen die Designer schon zeigen, was sich im nächsten Frühjahr verkaufen soll? In einer Stadt mit ungewisser Zukunft ist das eine Ewigkeit.

          „Man muss heute viel reisen, um Orte zu verstehen“

          Die Modemacher antworten auf zwei verschiedene Arten. Hier Reduktion aufs Wesentliche, dort Überdekoration. Zum ersten Lager gehören Jonathan Anderson, der ehemalige Maximalist, der seine neue Haltung in den Schauen-Notizen seiner Marke J.W. Anderson formuliert: „Gemessen an der Komplexität des gegenwärtigen Lebens sind Klarheit, Einfachheit und Konzentration Zufluchtsorte.“ Auf dem Laufsteg werden daraus Smock-Bustiers, tiefsitzende Röcke, erdige Töne, Handtuchstoffe. Peter Pilotto setzt ebenso auf Rückzug. Auf der japanischen Insel Okinawa lernten die beiden Designer die Perfektion des Arrangierens von Blumen kennen. Nun stellen sie eine Kollektion vor, die Urlaubsgarderobe sein könnte. „Man muss heute viel reisen, um Orte zu verstehen“, sagt Peter Pilotto nach der Schau. Und Roksanda Ilincic nimmt Abstand von ihren Power-Kleidern in knalligen Farbmischungen und eröffnet ihre Schau mit Leinenteilen. Die Kundinnen lassen sich jetzt zunehmend schwerer überzeugen, also muss man ihnen geben, was sie sich wünschen. Bei Simone Rocha sind es nach wie vor die üppigen Rüschenkleider, aber auch sie hält sich dabei vornehmlich an eine melancholische Stimmung, die bei ihr aus Schwarz und Weiß entsteht.

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