https://www.faz.net/-hrx-8v2xn
© EPA

Rüstzeug für ungewisse Zeiten

Von JENNIFER WIEBKING

20.02.2017 · Die Londoner Designer wissen noch nicht, was mit dem Brexit auf sie zukommen wird. Aber Botschaften haben sie trotzdem. In den Kollektionen zur Fashion Week kann man die schon lesen.

Simone Rocha Vor einem Monat hielt Theresa May hier ihre Rede zum geplanten Brexit. Das ehrwürdige Lancaster House dürfte zu den prächtigsten Häusern in London gehören. Am Samstagabend legt nun Simone Rocha ihre Version für die nahe Zukunft vor. Das Spiel der Designerin mit Rüschen grenzt schon an Obsession, in jedem Fall ist es längst Simone Rochas Markenzeichen. Also taugt es in schweren Zeiten auch als Rüstzeug. Rocha packt ihre Frauen, junge Mädchen wie ältere Damen, in Samt-Trenchcoats, in semitransparente gerüschte Kleider aus Spitze und schichtet darunter gestreifte Hemdblusenkleider. Darüber hängt sie noch Taschen mit breiten Riemen quer über die Brust sowie hier und da eine dicke Fake-Fur-Stola. Die kommerzielleren Stücke sind allein schon deshalb auch Rochas Rüstzeug, weil sie sich schneller in ihrem gerade neueröffneten New Yorker Laden, in bester Lage in SoHo, verkaufen werden. Das ist ihr Plan, weit über die nahe Zukunft hinaus.

  • © Simone Rocha
  • © AFP
  • © AFP

Versus Versace Ex-Givenchy-Designer Riccardo Tisci könnte bald bei Versace anfangen, so das Gerücht. Aber auch ohne ihn kommt Donatella ganz gut klar. Ihre Power-Frauen aus Mailand, legendäre Show vergangenen September, sind jetzt zur Präsentation ihres Zweitlabels Versus, um gut 15 Jahre jünger und total kontra, mit ihren dicken wilden Lidschattenstreifen in Neonpink und Blau, mit ihrer Athleisure, dazu freie Bauchnabel wie Accessoires zu Statement-Ohrringen. Selbst die aufgeplusterten Bomberjacken zu Pencil-Skirts tragen sie mit attitude. Dafür rutschen die Stücke weit genug von der Schulter. Dazwischen, Versus, Versus, Versus. Die Logomania erlebt in Zeiten von sozialen Medien auf kleinen Bildschirmen eine Renaissance. Die Power-Girls sind bei allem, was sie da mit sich tragen, mehr hair and make-up und jewellery als Frauen. Und das will was heißen, wenn eine Frau wie Gigi Hadid die Schau eröffnet und eine wie Bella Hadid sie schließt.

  • © Versus Versace
  • © AP

J.W. Anderson Jonathan Anderson hantiert für gewöhnlich mit so vielen Einflüssen zugleich, dass zwischen die Kleider für sein eigenes Label auch mal Elemente geraten, die eher seinem Zweitjob als Kreativ-Direktor des spanischen Traditionshauses Loewe zuzuordnen sind. Aber für den kommenden Herbst bleibt er ganz bei sich. In der J.W.-Anderson-Welt, zwischen den weißen Holzwänden, den super eng gestellten Sitzreihen, kommt trotzdem noch so einiges zusammen: Die Lederjacken lässt der Designer auf Bolero-Größe schrumpfen, Marabufedern treffen auf florale Drucke treffen auf Kettenhemd-Details – alles in einem Kleid. Selbst die Tunnelzüge haben Energie.‎ Den Brustbeutel erfindet J.W. Anderson nebenbei auch noch mal neu. Also in Cool, als Brüstetaschen, appliziert auf die Hemden und Kleider. Die feministischen Slogan-T-Shirts sind jetzt schließlich so präsent, dass sie drohen, zum Klischee zu verkommen. Dagegen sind J.W. Andersons Brüstetaschen die bessere Botschaft.

© J.W. Anderson

Ports 1961 Designerin Natasa Cagalj war lange Zeit stolz darauf, ihre Kleider-Schilder mit den Worten „work in progress“ zu versehen. Ports 1961 zeigte unter dem Arbeitstitel „in Arbeit“ im total gesettelten Mailand, und die Kollektionen muteten dabei ironischerweise so wenig wie kreative Baustellen an, dass die Einkäufer nicht schnell genug zugreifen konnten. Jetzt zeigt Ports 1961 zum ersten Mal in London und hat plötzlich total verrückte Einfälle. Es soll eine Art ‎Heimkehr sein. Cagalj, sowie ein großer Teil des Designteams, haben am Central Saint Martins studiert. Man sieht es an den Anzügen mit Cut-Outs, die schon von weitem kompliziert zu tragen aussehen, an der Serie von Stücken mit nur einem Ärmel. Von da aus ist es bis zu dreibeinigen Hosen nicht weit. Und die Röcke mit breiten Überwürfen machen leider wirklich breiter. Die Erinnerungen an ihre Alma Mater scheinen hier wichtiger zu sein als die Garderobe der geschäftigen wie stilbewussten Kundin im nächsten Herbst.

  • © AFP
  • © AFP
  • © AFP

Peter Pilotto Das Design-Duo hinter Peter Pilotto muss viele talentierte Freunde haben. Die zwei mögen nämlich die Kleider entworfen haben, aber die Freunde kleideten das Laufsteg-Theater im ‎Waldorf Hotel ein, mit getöpferten Vasen, mit handgeknüpften Teppichen, mit bunten Hockern, mit runden Tischen, an denen sich die Modeleute endlich mal gegenübersitzen, statt wie sonst aufgereiht nebeneinander. ‎Wer solche Freunde hat, sollte besser an Ort und Stelle bleiben, also in London. Dafür reist das italienisch-österreichische und belgisch-peruanische Duo kreativ. Die Stickereien auf den übergroßen Steppjacken, den hochgeschlossenen Seidenkleidern und nicht zuletzt den Stiefeln, die in Kooperation mit dem Traditionshaus Ludwig Reiter entstanden sind, erinnern an Peru. Überhaupt ist die Oberflächenbearbeitung in dieser Kollektion so aufwändig, dass die zwei Designer hier in London nicht nur gute Freunde haben müssen, sondern auch gute Mitarbeiter.

© Peter Pilotto

Markus Lupfer Über Strickpullover mit lustigen Figuren ist selbst Markus Lupfer hinaus. In dekorativen Zeiten wie diesen, da der eigene Auftritt ruhig mit einer Paillette zu viel als mit einer zu wenig glänzen darf, nimmt Markus Lupfer sein Markenzeichen und streut es überall hin. Die lustigen Figuren, in diesem Fall Eisbären, haben gleich mehrere Auftritte, als Motivdrucke auf Seidenkleidern, als Paillettenapplikation auf Turnbeuteln, dazwischen tauchen Eisblumen auf und ein Pinguin. Ob man das als Mahnung zum Handeln gegen globale Erderwärmung verstehen darf, laut Donald Trump ja ein Märchen, wer weiß. In jedem Fall sollen die Stücke, hier ausgerechnet im Blue Fin Building zu sehen, im Blauflossen-Gebäude, zwischen neuer Tate-Modern-Kathedrale und nicht sonderlich älterem Shard-Turm, eine Garderobe für unglückliche Zeiten sein und so sehr Schutz bieten wie Mut machen, sich auszuprobieren. Die Bomberjacken, Statement-Ohrringe, ‎die Anzüge mit markantem Karo-Muster tragen das Übrige dazu bei.

© Markus Lupfer

Mulberry Johnny Coca ist der Joker bei Mulberry. Seit der spanische Designer vor einem Jahr seine erste Kollektion entworfen hat, entwickelt sich das Traditionshaus für Taschen zunehmend zu einem für Kleider von heute. Da passt es, dass Johnny Coca britischer Traditionsmode - gesteppten Jacken, Karo-Anzügen, Cord und Fair-Isle-Strickmuster - im Hier und Jetzt neue Relevanz geben will. Coca nimmt diese typisch britische Art sich anzuziehen also so ernst, dass hier alles extremer wird: Das Stepp ist großflächig, der Cord extra-breit, die Fair-Isle-Strickpullover so riesig, dass die Hände unter den Ärmeln verschwinden. Und die Anzüge mit Karomuster sind jetzt übergroß. Wie maßgeschneidert für die Stylistin der Stunde, Lotta Volkova. Kein Wunder, sie hat diese Looks ja auch selbst zusammengestellt. Mulberrys anderer Joker.

© Mulberry

Emilia Wickstead Diese Designerin lebt den großen Traum sehr vieler Frauen. Sie führt ein eigenes Modelabel in London, dazu noch eins, das richtig erfolgreich ist. Also kostet die Neuseeländerin Emilia Wickstead diesen Traum in ihrer Marke auch aus. Die Kleider mit coolen Raffungen, mit bezaubernden Stehkrägen, mit den Motiven wilder Rosen, sind mal wieder zum Dahinschmelzen schön. Das ist der Anspruch, nicht weniger, aber auch nicht mehr. Selbst das Blau, die Farbe, die es ihr für den nächsten Herbst angetan hat, ist von der besonders lieblichen Sorte. Dazu gehören auch zum ersten Mal Jeans, hochtailliert und trotzdem wohlanständig. Für den Abend überlegt sich Wickstead eine Fortsetzung des Jumpsuits - ein extrem kurz sitzendes Top, dazu eine Hose, dazwischen bauchfrei und alles in Puderrosa oder besser gleich in Glitzer. Ihren Traum soll man schließlich anziehen können.

  • © Yannis Vlamos/Emilia Wickstead
  • © AFP
  • © AFP

Topshop Unique Deutschland war für Topshop lange Zeit kein Thema. Aber jetzt will Sir Philip Green sein Geschäft hierzulande doch weiter ausbauen. Zwei erste Topshop-Läden auf deutschem Boden gibt es schon, neben Berlin ist der Fast-Fashion-Händler Ende vergangenen Jahres in Oberhausen gelandet. Auf dem Laufsteg der etwas teureren Unique-Linie des Hauses ist die Welt ebenfalls grenzenlos. Die Models durchqueren zwar nur die Turbine Hall der Tate Modern, aber sie sehen aus, als wären sie auf Weltreise, also auch über Oberhausen hinaus unterwegs. Natürlich mit dem Rucksack. Die Looks muten entsprechend wie zufällig selbst zusammengestellt an, je nachdem, was in den Tiefen des Gepäcks gerade so zu finden war. Das Paillettentop passt auf diesem Trip auch zur Cargohose, das Grunge-Hemd zum Lacklederrock, und der übergroße peruanisch wirkende Hippie-Pullover ist immer eine gute Idee.

  • © Topshop Unique
  • © Reuters
Inhalte werden geladen.

Quelle: F.A.Z.

Veröffentlicht: 20.02.2017 13:19 Uhr