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Verknüpft und zugenäht : Die Rückkehr der Perser

Im Sternenhimmel: Jan Kath startete als Teppichhändler im Ruhrpott, jetzt ist er einer der international angesehensten Designer Bild: Daniel Pilar

Viele Jahre galten Orientteppiche als der Inbegriff der Spießigkeit. Der Bochumer Designer Jan Kath interpretiert die alten Muster neu - und bereitet so einer neuen Teppichbewegung den Boden.

          5 Min.

          Wer das Comeback des Orientteppichs besichtigen will, sollte sich warm anziehen. In der ehemaligen Maschinenfabrik in der Bochumer Friederikastraße ist es fast genauso kalt wie draußen. Ein Umstand, der dem Hausherrn Jan Kath - Hemd, Wollpullover, Wolljackett - sichtlich unangenehm ist. Dieses Gebilde mit seinen gewächshausartigen Oberlichtern zu heizen, das sei vergebliche Liebesmüh, entschuldigt er sich mehrfach. Aber Kath braucht die 1300 Quadratmeter Fläche, und er braucht den Industriecharme mit den alten Lastkränen an der Decke: Nirgendwo sonst, davon ist der Designer überzeugt, würden seine Teppiche, würde sein Stilbruch so gut wirken wie hier.

          Julia Löhr

          Wirtschaftskorrespondentin in Berlin.

          An fünf Meter hohen weißen Wänden hängen die guten Stücke, die ein bisschen so aussehen wie Omas Perser, aber eben auch nur ein bisschen. Mal wirken die alten Orientmuster wie ausradiert, ein anderes Mal wie verpixelt. Mal sind die Farben leuchtend bunt, dann wieder blass wie die Gesteinsformationen, über die Kath auf seinen Reisen so oft fliegt und die ihm als Inspiration für das dienen, was wider Willen zu seiner Lebensaufgabe geworden ist: der Orientteppich 2.0.

          Der 42 Jahre alte Bochumer hat in der Branche einen Ruf wie Donnerhall. Vielen gilt der Mann, der Rupert Murdoch, Bruce Willis und die Red Hot Chili Peppers zu seinen Kunden zählt, als avantgardistischster Teppichdesigner der Welt. Fakt ist: Kath ist etwas gelungen, was lange Zeit kaum einer für möglich hielt, er hat den Teppich wieder zu einem angesagten Möbelstück gemacht. Sein Leitspruch: „Ihr könnt cool sein, ohne kalte Füße zu haben.“

          Vorbei die Zeiten, da modernes Wohnen auf nacktem Estrich stattfand - es darf wieder Handgeknüpftes auf den Boden. Vorausgesetzt, es ist ein Hingucker, Kunst am Boden sozusagen. Wobei Kath dieses Wort gar nicht gerne hört. „Für mich ist ein Teppich immer noch ein Gebrauchsgegenstand.“ Und so stört es ihn auch nicht, wenn Besucher mit dreckigen Winterschuhen über seine Werke laufen. „Nur zu, die halten das schon aus“, sagt Kath mit der ihm eigenen leisen Stimme, die in einem seltsamen Kontrast zu seinen auffälligen Mustern steht.

          Digitalisierung einer alten Kunst

          Mit dem Experimentieren fing Kath Ende der neunziger Jahre an, zu einem Zeitpunkt also, als das Land gerade Großmutters Brücke auf den Speicher verbannte. Kath war damals ein „Kurzhaarhippie“, wie er sagt, und ein bisschen Revoluzzer auch. Genervt von der kaufmännischen Lehre im elterlichen Teppichhandel, genervt vom bürgerlichen Leben, begab er sich auf Weltreise. In Kathmandu ging ihm das Geld aus, da traf er zufällig - „wirklich, einfach so auf der Straße“ - einen Geschäftspartner seines Vaters, der ihm einen Job als Qualitätsprüfer anbot. Und wenig später die ganze Firma. Kath, der mit Teppichen eigentlich nichts mehr zu tun haben wollte, griff zu. Und stand schnell vor der Grundsatzfrage: Was tun in einem Geschäft, in dem die Absatzzahlen rasant nach unten gehen?

          Seine Antwort darauf lautete: Photoshop. Mit dem gleichnamigen Computerprogramm verfremdete er die traditionellen Teppichmuster, setzte mehrere „Layer“, wie die Effekte in der Sprache der Gestalter heißen, auf das Ausgangsbild. In den Anfangsjahren schloss sich Kath mit einem befreundeten DJ in einem Berliner Hotel ein, um bei Technoklängen in Stimmung zu kommen, inzwischen entstehen seine Kreationen in Nepal, wo er sich jedes Frühjahr für drei Wochen abschottet.

          Ganz schön bunt: ein Entwurf von Jan Kath

          „Die ersten Jahre waren hart“, sagt Kath, doch wagemutige Architekten verhalfen ihm zum Durchbruch. Die Kollektion namens „Erased Heritage“, die spielerisch die alten Muster aufgreift, ist nicht nur Kaths persönlicher Liebling, sie verkauft sich auch am besten. Der bekennende Ruhrpott-Fan hat aber auch schon mal alle Pässe eines Fußballspiels des VfL Bochum in einen Teppich verwandelt. Für seine neue Linie „Space“ holt Kath die Weiten des Orbits auf den Boden, in „Billboard“ inspirieren ihn die zigmal überklebten Plakatwände Bangkoks zu ungewöhnlichen geometrischen Formen.

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