https://www.faz.net/-hrx-9fo6z

Ferragamo-Witwe gestorben : Zwei Leben für Schuhe

Auf diesem Bild vom Januar 2006 war Wanda Ferragmo schon 84 Jahre alt. Bild: Helmut Fricke

Wanda Ferragamo ist gestorben. Die Witwe des legendären Schuhmachers machte seinen Namen weltbekannt – und prägte ein ganzes Jahrhundert.

          5 Min.

          Sie wollte nicht einfach so in die Öffentlichkeit treten. An dem Morgen im Januar 2006, als der lange geplante Interviewtermin anstand, sagte Wanda Ferragamo: „Bitte kein Fotograf!“ Aber warum? Die Übermutter der Familie und der Firma Ferragamo sagte, sie habe nicht beachtet, dass es Montag sei. Montags seien alle Friseure in Florenz geschlossen, und mit dieser Frisur könne sie sich nicht fotografieren lassen.

          Alfons Kaiser

          Verantwortlicher Redakteur für das Ressort „Deutschland und die Welt“ und das Frankfurter Allgemeine Magazin.

          Aber eine Patriarchin genießt wohl auch deshalb Respekt, weil sie am Mittag kurzerhand kippt, was sie am Morgen als Gesetz ausgab. Vielleicht hatte sie sich erweichen lassen durch das Argument, dass der Fotograf in der Nacht zuvor 1000 Kilometer mit dem Auto angereist war. So oder so: Auf den Fotos, die dann im familieneigenen Palazzo Spini Feroni entstanden, ganz in der Nähe des Ponte Vecchio, auf einer Höhe mit den Glockentürmen von Florenz, sieht Wanda Ferragamo bestechend dynamisch aus für eine Frau von 84 Jahren.

          Am Freitagnachmittag ist sie im Alter von 96 Jahren gestorben. Und in der nach Superlativen süchtigen Modewelt muss diese Steigerungsform erlaubt sein: Mit dem Tod der Witwe von Salvatore Ferragamo geht ein großes Schuh-Zeitalter zu Ende, das ein ganzes Jahrhundert umfasste.

          Denn der kleine Salvatore begann früh. Der Junge aus dem Dorf Bonito in Kampanien, 1898 als elftes von 14 Kindern armer Bauern geboren, verließ mit neun Jahren die Schule, machte eine Schuster-Lehre und folgte mit 16 Jahren seinen drei Brüdern, die wie so viele junge Italiener nach Amerika gegangen waren. Aber in der Schuhfabrik in Boston, die seine Brüder für ihn vorgesehen hatten, wollte der Handwerker nicht bleiben. Also vermittelte ihn sein älterer Bruder, der sich damit durchschlug, Anzüge der Schauspieler der „American Film Company“ in Santa Barbara zu bügeln, an den Kostümausstatter der Filmproduktion, der über das schlechte Schuhwerk für seine Darsteller klagte.

          Und so begann der „Shoemaker of Dreams“ („Il calzolaio dei sogni“), wie Salvatore Ferragamo seine Erinnerungen später nannte, mit der Handarbeit in der Traumfabrik. In Ferragamo-Schuhen führte Moses in den „Zehn Geboten“ (1923) sein Volk aus Ägypten und flüchtete Douglas Fairbanks als „Dieb von Bagdad“ (1924). Frühe Stars wie Joan Crawford, Greta Garbo, Mary Pickford oder Marlene Dietrich erfreuten sich am passgenauen Schuhwerk und am drolligen Akzent. Das Celebrity-Marketing erfand er, bevor viele Jahrzehnte später Manolo Blahniks High-Heels durch Carrie Bradshaw aus „Sex and the City“ und der Yeezy von Adidas durch Kanye West bekannt wurden.

          Der ehrgeizige Schuster, der an der University of Southern California Anatomie-Kurse belegte, war auch ein Bastler. Er montierte eine federnde Metallverstärkung zwischen Absatz und Sohle, die das Fußgewölbe stützte und hochhackige Sandaletten ohne Zehenkappe ermöglichte. Die Befreiung der Zehen in den High-Heels muss dem Schuster, der so viele Sandalenfilme ausgestattet hatte, selbst wie eine Befreiung vorgekommen sein.

          Er fertigte Schuhe für Marilyn und Audrey

          Für Marilyn Monroe fertigte er weiter geschlossene Pumps, für Audrey Hepburn, die fünf Zentimeter größer war, nämlich 1,71 Meter, Ballerinas, die seitdem schlicht „Audreys“ heißen. Nebenbei machte Ferragamo den Keilabsatz populär. Und der Plateauschuh „Rainbow“ aus Korksohlen-Schichten mit regenbogenfarbenem Wildleder-Bezug, den er 1938 für Judy Garland schuf, ist womöglich der schönste Schuh, der je entworfen wurde.

          Wanda Ferragamo sagte, die Amerikaner hätten vorher Schuhe getragen, die „wie Kartoffeln“ aussahen. Sie konnte lange über die Verdienste ihres Mannes reden, Schuhe leichter und feiner zu machen. Und sie erklärte in ihrem Palazzo gerne die Fotos aus dem 20. Jahrhundert, die unter den Stichen von Giuseppe Castiglione aus dem 18. Jahrhundert hingen: Salvatore mit der ganzen Familie, Salvatore mit Stars, Salvatore mit Christian Dior und einer hübschen jungen Frau. Wer das war? „Das bin ich“, sagte Wanda Ferragamo.

          Weitere Themen

          Da Vinci und der Kapitalismus

          Hanks Welt : Da Vinci und der Kapitalismus

          Kunst solle nicht wie andere Waren gehandelt werden, heißt es oft. Das Gegenteil ist richtig: Der Kunstmarkt ist die Urform der Marktwirtschaft. Deshalb darf ein Gemälde durchaus 450 Millionen Dollar kosten.

          Topmeldungen

          Königin Elisabeth II. am Montag im britischen Parlament neben ihrem Sohn, Prinz Charles.

          Britisches Unterhaus : Queen’s Speech – und dann?

          Die britische Königin hat an diesem Montag mit ihrer Rede das Parlament wiedereröffnet und die Politikvorhaben der Regierung vorgestellt. Im Brexit-Prozess ist das jedoch nur ein Intermezzo.

          Die Grünen : Was das Klima kostet

          Den Grünen wird immer wieder vorgeworfen, mit ihrem Programm vor allem diejenigen anzusprechen, denen es nichts ausmacht, tiefer in die Tasche zu greifen. Fest steht: In höheren sozialen Schichten sind sie besonders erfolgreich.
          Die Gesundheit des Babys ist für Eltern das höchste Gebot – nicht erst ab der Geburt.

          Verfrühter Mutterschutz : Kaum schwanger, schon weg

          Immer häufiger werden Erzieherinnen und Lehrerinnen lange vor der Geburt des Kindes krankgeschrieben. In vielen Kitas und Grundschulen führt das zu Schwierigkeiten.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.