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Das waren noch Zeiten! Vor fünf Jahren haben wir im F.A.Z.-Magazin enttarnt, welcher hoffnungsvolle Mann da vor fast einem halben Jahrhundert, nämlich 1971, dem Fotografen F.C. Gundlach Modell saß. Hätten Sie's erkannt? Wolfgang Joop war jung und brauchte das Geld. Bild: F.C. Gundlach

Würdigung der Pelzmode : Im Schutz des Grannenhaars

  • -Aktualisiert am

Über Jahrhunderte bot der Pelz den Menschen eine zweite Haut. Heute gilt er als nicht mehr zeitgemäß. Warum eigentlich? Und muss das so bleiben?

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          Der Ethnologe Claude Lévi-Strauss antwortete einmal auf die Frage, welche Vorhaben angesichts seines schier unübersehbaren Werks unerledigt geblieben seien: Er hätte sich gern einmal mit einem Tier verständigt. Das sei ein unerreichtes Ziel. Die Grenze zum Tier zu überschreiten hätte für ihn das größte Glück bedeutet. Der Wunsch nach Gespräch ist keine Marotte eines reziprozitätsversessenen Gelehrten. Wir sind gern bereit, Geschichten über Personen mit Sonderbegabung Glauben zu schenken, die wie der heilige Franziskus mit Tieren auf Du und Du gestanden haben sollen: Waren Joseph Beuys und der Kojote, der sich ihm zugesellte, nicht schon nach drei Tagen ein Herz und eine Seele, und das mitten im Trubel von New York?

          Solche Fähigkeiten kommen selten vor. Es kann aber schon größtes Glück bereiten, wenigstens in der Haut des Tieres zu stecken: im Pelz, im Schutz des Grannenhaars, vor allem dann, wenn es draußen lausig kalt ist. Wer der Vorliebe für den Pelz als Kleidungsstück auf den Grund geht, stößt auf magische Kausalitäten, auf die Idee der imaginären Ansteckung oder der Verschmelzung. Kleidung ist Verkleidung. Dieser Logik kann sich niemand entziehen. Im unbewussten Raum des Pelzes geschieht hingegen mehr. Die tägliche Routine des Anziehens vor dem Spiegel gerät in Schwingungen. Grund dafür ist das Geheimnis der Haut, die als die leibliche Grenze zwischen Innen und Außen die Phantasie vorantreibt. Das ist nicht im schlichten Sinne ihrer Membranfunktion zu verstehen, sondern hat mit einem elementaren Vorgang zu tun, über den wir uns den eigenen Leib als Leib bewohnbar machen. Wird dabei auf das Tierfell zurückgegriffen, so stimuliert seine vermittelt unvermittelte Materialität Suggestionen und Selbstsuggestionen, Impulse und Kraftvorstellungen, die unbewusst archaische Muster des Lebens und Überlebens aktivieren.

          Glanzpunkte der Statusdemonstration

          Pelz trotzt den Zumutungen des Draußens. Vielleicht verzaubert er deshalb. Sprichworte, Mythen und Märchen sind voll davon. Welch verführerischer Gedanke, nicht nass zu werden, wenn der Pelz gewaschen wird. Der Pelzmetapher folgt auch die Idee, ungeschoren davonzukommen. Das kollektive Gedächtnis kennt die Warnung vor der perfekten Camouflage, die als Wolf im Schafsfell daherkommt.

          Zweifellos umgibt den Pelz ein eigentümlicher Reiz der Unbesiegbarkeit, der Macht gegenüber den Widrigkeiten der Natur, die den Tieren seit Jahrtausenden nichts anhaben konnten. Pelz macht die Zivilisierung gewissermaßen rückgängig. Man durchstreift im Pelz unwirtliche Regionen und genießt darin die zauberhafte Aura von Abenteuer.

          Wer erinnert sich nicht an den Schauder, wenn einen als Kind bei der Lesestunde zu Hause die samtig harmlosen Pfoten oder gar der listige Blick vom Fuchs trafen, dem Fuchs, dessen falsches Gejammere hinterm Busch einem schon beim Lesen der Häschenschule nicht geheuer war. Nicht nur im Gemüt des Kindes hinterlässt der Pelz seine Spuren. Das Versprechen außerordentlicher Widerstandsfähigkeit, die noch den kältesten Temperaturen zu trotzen weiß, findet auch in den Phantasien seiner Träger Widerhall. Denn es ist nicht weit zu der Idee, den Schutz zu einer stolzen Selbstdarstellung von Macht und Größe zu verallgemeinern. Die Geschichte der Herrscherhäuser kann ohne den Bezug auf den Pelz nicht geschrieben werden.

          Ob das feine Hermelin oder der buschige Schwanz des Zobel: Seit eh und je bediente sich die Herrschaft des magischen Potentials der Tierfelle. In den Gewändern für den öffentlichen Auftritt bilden sie Glanzpunkte der Statusdemonstration. Der „Persianer“ war nicht nur den „oberen Zehntausend“, wie sie früher hießen, oder den exzentrischen Wünschen einiger Celebritys vorbehalten. Im Gegenteil, der Nerzmantel war jahrzehntelang milieuübergreifend das wichtigste Stück im Kleiderschrank. Im Nachkriegsdeutschland gehörte er zur Wir-sind-wieder-wer-Winterausstattung. In den Kauf wurde investiert auch in der Hoffnung, dass er in seiner Gediegenheit eines Tages zu vererben sei.

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