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Strumpfhosen-Design : Grit Seymour strickt Botschaften hinein

Das „echte Design“ drücke sich in „neuen Fasern oder neuer Verarbeitung“ aus, sagt Grit Seymour. Bild: Wolford

Für die Chefdesignerin von Wolford geht es immer um das Motto: Alles muss dehnbar sein. Für ihren Job pendelt sie zwischen Berlin und Bregenz – ihre prägende Zeit aber erlebte sie woanders.

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          Könnte es mehr Qualifikationen für einen solchen Job geben? Grit Seymour hat gezeichnet, genäht, gemodelt. Sie hat in der Fabrik gearbeitet, eine Firma aufgebaut, an der Universität unterrichtet, als Chefdesignerin gearbeitet. Sie hat Ausstellungen gemacht, Marken beraten, Werbekampagnen konzipiert, Läden gestaltet. Und trotzdem ist sie noch so jugendlich frisch, dass der Neuanfang nicht allzu schwer fiel.

          Alfons Kaiser

          Verantwortlicher Redakteur für das Ressort „Deutschland und die Welt“ und das Frankfurter Allgemeine Magazin.

          Seit zwei Jahren pendelt die Modemacherin von Berlin nach Bregenz am östlichen Ende des Bodensees. Fliegt also einmal pro Woche von Berlin nach Friedrichshafen und fährt in die Zentrale von Wolford, ihrem Arbeitgeber, leicht zu finden: Wolfordstraße. „Das ist ja wie in einem anderen Land“, dachte sie am Anfang. Und es ist auch ein anderes Land: Österreich nämlich. Drei, vier Tage später fliegt sie zurück nach Berlin, wo sie lebt.

          Hier kann man sie auch treffen, im Soho House, nicht weil sie angeben müsste, sondern weil gleich nebenan, in der Backfabrik, gerade die Fotoaufnahmen der Wolford-Kollektion für Frühjahr und Sommer 2017 gemacht werden. Und das kann dauern. Denn bei dem Textilhersteller geht es nicht nur um Strümpfe, Strumpfhosen, Socken, Leggings, sondern auch um Unterwäsche, Strandmode, Strickwaren. Immer nach dem Motto: Alles muss dehnbar sein.

          Als „Creative Director“ alles im Blick

          Warum braucht eine solche Marke erstmals eine Chefdesignerin? „Um das Image zu homogenisieren und eine eigene Handschrift erkennbar werden zu lassen“, sagt Grit Seymour. Und weil sie als „Creative Director“ für alles Visuelle zuständig ist, wird sie gleich wieder hinübergehen in die Backfabrik, um zu schauen, wie weit Fotograf, Stylisten und Models schon sind mit ihrem Shooting - denn von den Mustern auf den Strumpfhosen über die Gestaltung der Schaufenster bis eben zum Look der Packungen und der Werbeanzeigen muss sie alles überblicken.

          Die wichtigste Frage aber vorab: Braucht man heute überhaupt noch Strumpfhosen? Redakteurinnen der amerikanischen „Vogue“ kommen sogar bei Minusgraden im Februar mit Rock und ohne Strümpfe zur Modewoche! Da fällt ihr die Antwort nicht schwer: Eine der treuesten Kundinnen ist Anna Wintour, die „Vogue“-Chefin, die sich jede Saison ihre persönlichen Exemplare bestellt.

          Designerin Grit Seymour im September im neu eröffneten Geschäft am Berliner Ku’damm

          „Gerade in letzter Zeit waren wieder viele Strümpfe auf den Laufstegen zu sehen“, sagt Grit Seymour. Miuccia Pradas Idee, Models in dicken Wollstrümpfen in High-Heels zu stecken, wird eben oft kopiert - und hilft auch Wolford, wo man ohnehin gerne mit Modemachern zusammenarbeitet, zuletzt zum Beispiel mit Hussein Chalayan oder der vielversprechenden Berliner Marke Nobi Talai.

          Die Achtziger haben sie geprägt

          Auch die floralen Muster, die Prince-of-Wales-Karos und graphischen Experimente, die gerade im Trend sind, schlagen sich per Trickle-down-Effekt auf Strümpfen nieder. Und nicht dass es heißt, die österreichische Marke mit den High-End-Produkten und den fast ebenso hohen Preisen sei spießig: Die Chefdesignerin, die vor genau zwei Jahren mit ihrer Arbeit begann, trägt recht coole Strumpfhosen mit glitzernden Nieten.

          Sieht fast aus wie ein kleiner Gruß an die achtziger Jahre. Das war die prägende Zeit für Grit Seymour, die in Halle aufwuchs, also in der DDR (ihren heutigen Nachnamen verdankt sie ihrem einstigen Mann, einem britisch-kanadischen Designer). Ihre Freiheit fand sie in der Mode. Die Mutter, eine Ärztin („und eine elegante Frau“), kaufte im „Exquisit“-Geschäft ein und war eine der wenigen Abonnentinnen der „Sibylle“. Die Kleider der Großmutter nahm das Mädchen auseinander und nähte sie wieder zusammen. Und dann waren da die Sendungen im Westfernsehen: Wenn Antonia Hilke zwei Mal im Jahr im NDR über Pariser Mode berichtete, saßen Grit und ihre Mutter vor dem Apparat. Sie entwarf und nähte sogar einen Hochzeitsanzug für Ulrich Mühe: „Es gab ja nicht viel zu kaufen.“

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