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Wolfgang Joop im Gespräch : „Der Stil von Kate passt in unsere Prohibitionszeit“

Designer und neuerdings Fernsehstar: Wolfgang Joop Bild: dpa

Er entwirft Kleider, er schauspielert, er ist in der Jury einer Casting-Show. Jetzt hat Wolfgang Joop auch ein Buch geschrieben – über die Stilikonen unserer Zeit. Heidi Klum, verrät er im Gespräch, gehöre allerdings nicht dazu.

          5 Min.

          Herr Joop, Sie haben ein Buch über Stilikonen geschrieben. Aber gibt es die überhaupt noch? Stil wird doch heute nur noch von Stylisten geprägt, nicht von den Persönlichkeiten selbst...

          Anke Schipp

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Das ist ein grundsätzliches Problem in der Mode. Wie es Li Edelkoort vor kurzem sagte: In der Mode gibt es keine Euphorie mehr. Alle Magazine haben einen ähnlichen Stil. Ob ich mir „Madame“, „Vogue“, „i-D“ anschaue, alles dieses komische geshoppte Virtuelle.

          Viele Frauen sind aber auch unsicher und wissen nicht, was sie tragen sollen. Sind Stylisten die neuen Therapeuten?

          Dafür haben wir ja Menschen wie Louise Maria Kretschmann.

          Sie meinen Guido Maria Kretschmer?

          Sorry, ich denke immer an Marie Louise Kaschnitz, das war eine Freundin meiner Eltern. Er hat natürlich das, was ich gar nicht habe: Er hat eine tragbar-elegante Kollektion auch für die nicht ganz dünne Frau, das hat was sehr Tröstendes. Dieses Sachbuch „Du bist attraktiv.“...

          Sie meinen „Anziehungskraft. Stil kennt keine Größe“?

          Na ja, das ist jedenfalls die Bettlektüre der Frau, die sich vorm Spiegel dreimal über sich selbst geärgert hat und jetzt getröstet werden will. So etwas Ähnliches hat man sich vielleicht im High-Fashion-Stil auch mit meinem Buch vorgestellt. Das kann ich aber nicht liefern.

          No-Drama–Queen: Die Herzogin von Cambridge – wie Joop sie sieht

          Stattdessen sezieren Sie gnadenlos den Stil von Kate Middleton, die doch eigentlich als die neue Diana gefeiert wird.

          Nur dass sie keinen Entertainment-Faktor hat. Diana war ja im royalistischen Sinne impossible. Sie hat sich mit schwulen Designern und mit schwulen Popstars befreundet. Das war dieser Taumel der hedonistischen Neunziger, wo Fashion und Drugs eine große Rolle spielten. Kate passt in unsere vegane Prohibitionszeit. Sie ist der antiseptische Gegenentwurf von Diana.

          Ihr Stil sei ein „Schummel-Chic“, schreiben Sie, weil Kate zwar Kleider von der Stange trägt, in Wahrheit seien sie aber „customized“, also maßgeschneidert.

          So was erkenne ich sofort. Man sieht, was maschinell und was per Hand eingesetzt ist. Die Ärmel ihrer Jäckchen sitzen immer passgenau und knapp über dem Handgelenk, alle Röcke enden bei ihr kurz über der Kniemitte. Die wurden von den royalen Schneidern angepasst.

          Sie sagen, Kate habe keinen Entertainment-Faktor. Rihanna hat ihn, aber mit ihr sind Sie auch nicht zufrieden, weil sie in einen „Accessoire-Tsunami“ geraten sei.

          Ich komme mir manchmal vor wie in einem Ingmar-Bergman-Film: Ich verstehe die Bilder nicht mehr. Das ganze R&B ist industriell verkommen. Was soll mir das sagen, wenn Rihanna eine Pelzstola mit dem Wort „Fear“ trägt, dazu riesige Hasenohren? Stylistenopfer. So kommt dieser visuelle Super-GAU zustande, alles zu kombinieren, was nichts miteinander zu tun hat, für den schnellen Effekt.

          Aber es gibt ja auch Positives in Ihrem Buch, wie den Stil von Tilda Swinton. Sie haben sie mit einem Bild von Lucas Cranach verglichen...

          Swinton ist mehr wie ein Kunstwerk. Sie ist attraktiv, aber nicht schön. Das, was wir als schön empfinden, ist immer auch eine Verabredung mit der Zeit. Wenn wir heute von einer schleichenden Homosexualisierung der Gesellschaft reden, müssen wir uns nicht wundern, dass wir Fußballerinnen und Boxerinnen mit Sixpack sehen wollen oder als heterosexuelle Alternative eine burleske Übertreibung wie Kim Kardashian.

          In Ihren Augen keine Stilikone?

          Nein! Bei der Chanel-Show in Paris haben sich die Leute geprügelt, weil sie mit einem Foto von Kim Kardashians Latex-Hinterteil nach Hause gehen wollten.

          Was aber macht eine Stilikone dann aus?

          Eine Stilikone kommuniziert intelligent mit ihrer Zeit. Sie zeigt nicht modische oder körperliche Perfektion wie zum Beispiel Claudia Schiffer, sondern sie zeigt, wie souverän sie mit eventuellen Abweichungen von der sogenannten Form umgeht. Ihr gelingt es vor allem, aus einem Malus ein Plus zu machen.

          Lena Dunham hat jedenfalls nicht das Problem. Deren Stil nennen Sie „null manipuliert“.

          Das ist die Trickkiste, das ist auch die Psychologie, mit der man durchs Leben kommt. Sie versucht erst gar nicht, ihren Makel, den kleinen Kopf und die breiten Hüften, mit einer großen Frisur auszugleichen. Das ist smart.

          Wie eine Skulptur: Tilda Swinton, gezeichnet und kommentiert von Joop

          Sie sagen auch, sie sehe aus wie „Angela Merkel, wenn sie ein Popstar wäre“. So gesehen ist sie die einzige in Ihrem Buch, die zumindest optisch deutsch aussieht. Gibt es sonst keine deutschen Stilikonen?

          Wer ist denn eine international bekannte deutsche Stilikone? Es gibt schon welche, die interessant sind. Ich mag Katharina Schüttler, weil sie irgendwo auch nicht ganz stimmig ist, ich mag auch Meret Becker, weil sie subversiv ist. Ich mag eine ganze Menge deutscher Frauen, so ist es nicht, aber um aus ihnen eine Stilikone zu machen, die einen international lesbaren Dresscode hat, dafür ist dieses Land, das seine Identität immer noch sucht, nicht der rechte Platz.

          Und was ist mit Heidi Klum?

          Heidi Klum ist in Amerika eine Stilikone. Sie ist tatsächlich ein Vorbild für Millionen. Schön, stark, fröhlich und perfekt. Gleichzeitig so next door, dass jedes Mädchen glaubt, mit diesem Look glücklich und erfolgreich zu werden.

          Verstehen Sie die Häme, die sich hierzulande über Klum ergießt?

          Nein, denn sie hat was Phänomenales. Sie kam in die Branche, als die Supermodels schon lange da waren. Und die waren alle Stars: Tatjana Patitz, Christy Turlington, Claudia Schiffer. Heidi Klum kam später, ein bisschen fröhlicher, ein bisschen sportlicher und übersprang Paris, weil sie erkannte, dass ihr Typ in Amerika gefragter war. Aber sie hat dann die größte Karriere gemacht.

          Für viele ist es immer noch ein Rätsel, warum Sie bei „Germany’s Next Topmodel“ als Juror angeheuert haben.

          Ich habe natürlich einen Schritt gemacht, den alle meine Kollegen gescheut hätten. Ich habe es nicht gemacht, um eine Leere zu füllen oder etwas zu kompensieren, ich habe es zu einem Zeitpunkt meines Alters gemacht, wo ich nach etwas anderem geschaut habe. Es hatte etwas Befreiendes für mich. Ich habe früher eine Zeitlang geschauspielert, bis man mir immer die gleichen Rollen angeboten hat: immer den dekadenten Modedesigner oder den Schönheitschirurgen, Rollen, die man früher Helmut Berger angeboten hätte.

          Jetzt sitzen Sie als Juror im Wollpullover neben Glamour-Heidi in der Jury – finden Sie das Szenario nicht manchmal peinlich?

          Ich finde die Mädchen nicht peinlich. Ich versuche, ihnen in dem Camp das zurückzugeben, was an ihnen wirklich schön ist. Ich gebe ihnen erst mal ihr Gesicht zurück, was sie sich durch die endlos falschen Vorbilder versaut haben, wie die billigen Extensions, die sie unter Tränen wieder abgeben, die angeschweißten Wimpern, das dicke Make-up.

          Die Mädchen fliegen besonders auf Sie, mehr noch als auf Heidi.

          Ja, für die bin ich der Wolfgang, vielleicht auch manchmal so was wie ein Vater. Ich habe ja selbst zwei Töchter. Jeder hat ja seine Rolle. Der Thomas Hayo, ohne ihn kritisieren zu wollen, gibt ja diese professionellen Erklärungen von sich, der „Kunde“, das „Face“ und der „Walk“, aber einer muss es ja machen. Und die Heidi macht auch ihre Pflicht, indem sie die Richterin und Cheerleaderin spielt. So habe ich schnell gemerkt, wo Platz ist.

          Ihnen hat die Sendung auch zu einem großen Popularitätsschub verholfen...

          Ich gebe zu, dass mich auch interessiert hat, wie meine Wirkung auf der Straße sich verändert. Am Anfang dachte ich, das ist eine Gastrolle, und ich verschwinde wieder. Aber plötzlich werde ich als Fernsehstar wahrgenommen. Abgesehen davon finde ich es aber auch physisch sehr anstrengend.

          Warum?

          Manchmal merke ich, dass das Alter kein echter Freund ist. Ich komme mir manchmal vor wie ein Haushaltsgerät, für das es kein Ersatzteil gibt. Wenn ich zum Beispiel weiß, dass ich übermorgen am Set funktionieren muss, werde ich nervös. Oh Gott, du wirst Kopfschmerzen haben. Ich trinke vorsichtshalber keinen Kaffee, weil ich denke, davon könnte ich zittrig werden oder schwitzen. Dann stehe ich auf und merke, da klemmt die Hose, und ich muss die Hosenbeine runterziehen, und dann fange ich an, darüber nachzudenken, und das versetzt mich in Stress. Wenn es so weit ist, merke ich: Ist alles halb so schlimm.

          Gibt es denn auch Leute, die sagen: Meine Güte, was war das denn jetzt für ein Aufritt?

          Oh ja, meine Töchter zum Beispiel. Die finden das Ganze sowieso überflüssig. Heidi Klum ist ja auch ein Mädchen, das polarisiert, in Deutschland jedenfalls. In Amerika begreift man, dass sie einen starken Unterhaltungswert hat. Du darfst ja in Amerika alles tun und sagen, nur drei Dinge sind tabuisiert: Alter, Krankheit, Armut. Das ist etwas, was Heidi Klum in gewisser Weise wegwischt. Sie ist einfach immer gut drauf. Sie sieht einfach immer gut aus. Sie ist immer auf den Punkt da. Das habe ich in L.A. erst begriffen: dass da jeder so sein möchte wie sie.

          Ihr Buch ist auch ein Plädoyer dafür, nicht immer der gleiche sein zu wollen, seinen Stil zu verändern...

          Ich wähle jeden Tag eine andere Grundstimmung. Habe ich einen Anzug an, fühle ich mich anders, als wenn ich ein T-Shirt trage. Trage ich Secondhand, bin ich wieder der Kerl aus den Siebzigern, der ich mal war. Ich sehe mich als männliche Mode-Information. Die deutsche Frau und der deutsche Mann sollen auch sagen: Guck mal, der ist 70 und zieht sich so an. Das wäre doch mal was, worüber man nachdenken könnte.

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