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Mikrofonwindschützer aus OWL : Vom Winde umweht

  • -Aktualisiert am

Er lässt sich gerne selbst befragen: Archibald Schulze-Cleven ist Chef der Firma Schulze-Brakel, also Herr über ein buntes Meer aus Schaumstoff-Windschützern. Bild: Daniel Pilar

Mikrofonwindschützer sind die heimlichen Ikonen der Medienwelt. Hergestellt werden sie in Handarbeit. Weltmarktführer des Reporter-Accessoires ist ein Unternehmen in Ostwestfalen.

          Neulich wurde in Brüssel wieder über den Brexit verhandelt, und nach langen Gesprächen kam die Bundeskanzlerin aus dem Verhandlungsgebäude herausmarschiert. „So, guten Morgen", rief sie den Journalisten zu. Die reckten ihr einen Strauß bunter Mikrofone entgegen. Lange, schlanke, kleine, runde, vier- oder dreiflächige. Und die Regierungschefin verkündete ihre Verhandlungsergebnisse, in den Schaum der Sendeanstalten hinein.

          Es gibt nur wenige Designobjekte, die zwischen Küchenschwamm und abstrakter Kunst changieren, gleichzeitig Emotionen wachrufen und obendrein noch Machtinstrument sind. Nicht nur, weil sich die Mächtigen täglich in der „Tagesschau" mit ihnen zeigen. Die ARD geht in Blau, das ZDF in Schwarz-Orange, RTL mag es gelb-grau-schwarz-bunt und der ORF feuerrot. Die Schaumstoff-Windschützer auf den Mikrofonen der Fernseh- und Radiosender erzählen eine spannende Geschichte über die Verbindung von Gestaltung und Gesellschaft.

          Eigentlich sollen die Windschützer verhindern, dass es zu Luftgeräuschen am Mikrofon kommt, oder zumindest dafür sorgen, dass dieses fiese Ploppen nicht zu hören ist, das entsteht, wenn Menschen Laute wie beispielsweise das P unsauber aussprechen. Deswegen nennen manche den Windschutz nicht Windschutz, sondern Plopp- oder Popschutz. Es geht dabei nicht um das Modell Wetterfrosch an der Nordseeküste, mit langem, grauem, hundefellhaftem Puschel. Es geht um ein Stück Schaumstoff, das zu einem Marketinginstrument geworden ist.

          „Nach meinem Empfinden haben die Österreicher meistens die Größten", sagt Archibald Schulze-Cleven, 75 Jahre alt. Während er das sagt, formt er mit seinen Händen ein stattliches Viereck. „Die haben gerne Teile, die massig sind. Unten drunter eine große Senderkennung." Anders als die Fernsehmacher aus Südkorea. „Die möchten einen Windschutz haben, der kleiner ist als das Mikrofon." Bunte und knallige Modelle werden gerne von Medienhäusern aus Afrika oder Südamerika angefordert.

          Archibald Schulze-Cleven ist der Herr der Mikrofonüberzieher. Er bezeichnet sich als Weltmarktführer. Die Konkurrenz kommt aus China, Großbritannien und der Türkei. Im ostwestfälischen Ort Brakel produziert seine Firma, die Schulze-Brakel Schaumstoffverarbeitungs GmbH, das begehrte Accessoire für Reporter. Das Familienunternehmen hatte sich zuvor lange auf Zubehör für Soldaten spezialisiert und produzierte Rucksäcke und Jacken. Zu Beginn des Jahrtausends ging dieser Unternehmenszweig ein. Heute läuft es besser denn je. Die Firma unterhält mehr als 50 Auslandsvertretungen.

          Alles Handarbeit: Eine Angestellte kennzeichnet einen Mikrofonwindschutz.

          „Nur mit den Amerikanern kommen wir nicht klar, die haben ihre blöde Plastiksenderkennung", raunt Schulze-Cleven. Gemeint sind die Quader, die von CNN oder Fox News am Stil des Mikrofons befestigt werden. Gerade hat Schulze-Cleven aber in einem anderen Teil der Medienwelt einen Auftrag in Höhe von einer Viertelmillion Euro an Land gezogen. Ein Sportsender aus Qatar hat mehrere tausend lilafarbene Windschützer mit Senderlogo bestellt. Die Stückpreise liegen zwischen 16 und 60 Euro.

          Auf dem Betriebsgelände gibt es Räume, die bis zur Decke mit Modellen aus aller Herren Länder gefüllt sind. Mit Logos und Designs aus Sudan, China, Vietnam, Dänemark und vielen anderen Staaten. Sogar der russische Präsident Wladimir Putin hat schon bestellt, mit der Aufschrift: „Der Präsident". In der Fabrikhalle steht ein Wäschekorb voller ZDF-Pöppel bereit für die finale Bohrung. Mit einem lauten Surren rieselt der orangefarbene Schaumstoff aus dem Pöppel-Inneren in einen Auffangbehälter. Leuchtend, wie indischer Safran. „Manche Formen und Farben harmonieren einfach total schön“, sagt Vertriebsleiterin Susanne Johnson. Ihr Lieblingspopschutz ist der des Stuttgarter Lokalsenders „Regio TV". Dunkelblau, mittig das Logo. Darüber ein gelblich-hellblaues Muster aus Vierecken, das an Bussitze im öffentlichen Nahverkehr erinnert.

          Je schlichter, desto hübscher

          Die Designgeschichte des Mikrofonschutzes ist kurz. Es gilt: Je schlichter und aufgeräumter, desto hübscher. Das Logo gehört in das obere Drittel, damit andere Sender es im Bildausschnitt nicht ohne weiteres wegsezieren können.

          „Zunächst waren alle Modelle rund", sagt der Firmenchef. „Bis das ZDF Ende der neunziger Jahre kam." Die Mainzer forderten einen vierflächigen Windschutz, der außerdem zweifarbig sein sollte. Das untere Drittel schwarz, der obere Teil orange. „Dann gab es Schwierigkeiten, weil man Schaumstoff nur in einer Farbe auf herkömmliche Weise färben kann. Ich müsste die Teile durchschneiden und zusammenkleben. Das geht aber nicht."

          Ingenieure tüftelten lange und schrieben aufwendige Programme für ihre Windschutzmaschine. Anstatt zu färben, begannen sie mit der Beflockung. Die verschiedenen Farbschichten werden jetzt aufgesprüht. Teile, die in eine zweite oder dritte Farbe getaucht werden sollen, sind bei diesem Vorgang abgeklebt. Durch die Beflockung entsteht eine weiche, fast pelzige Oberfläche. Gefärbte Modelle fühlen sich rau an.

          Der letzte Schritt der Fertigstellung ist das Anbringen des Senderlogos. Das entsteht im Siebdruckverfahren und wird mit Hilfe von Bügeleisen und Lineal akkurat angebracht. Jedes Stück ist Handarbeit. Aus dem Ort bewerben sich jeden Monat Frauen, ausschließlich Frauen, die in Heimarbeit den Produkten den letzten Schliff geben wollen. „Aber nur etwa eine von 25 Frauen kann diese Heimarbeit wirklich gut machen", sagt Susanne Johnson. Zu groß sei die Gefahr, dass Logos schief angebracht oder der Schaumstoff durch das Bügeleisen zum Schmelzen gebracht wird. Oder noch schlimmer: Der beflockte Schaumstoff beginnt durch zu große Wärme zu glänzen. „Ganz dramatisch ist das bei schwarzen Windschützern. Da haben wir nur fünf Frauen, die das machen können.“ Manchmal, wenn Johnson abends fernsieht und glänzende Windschützer auf dem Bildschirm erscheinen, vergewissert sie sich per Whatsapp bei ihrem Kollegen, dass es sich nicht um Ware aus der eigenen Produktion handelt.

          Vor der Beflockung: Eine Mitarbeiterin besprüht in der Produktionshalle einen Mikrofonwindschutz mit Leim.

          Der Windschutz ist für Reporter auch eine Art Waffe. Wer den Popschutz mit Senderkennung einsetzt, muss sich seiner psychologischen Wirkung bewusst sein. Eine ORF-Reporterin erzählt, dass sie bei ihrer ersten Umfrage auf Wiens Straßen überrascht gewesen sei, dass die Menschen nach freundlicher Ansprache ausnahmslos stehen blieben. „Die Leute haben mich plötzlich angeschaut, als sei ich der Staat in Person.“ In ihr schlichtes, rotes Mikrofon mit den drei Buchstaben ORF hätten ihr Passanten in einer Art und Weise Antworten geschenkt, als befänden sie sich in einer Prüfung. „Oder als wären sie auf dem Amt."

          Fluffige Visitenkarten

          Das Mikrofon wird zum Machtinstrument. Bei Gesprächen mit ungeübten Interviewpartnern kann der prominente Schaumstoff in der Hand des Journalisten einschüchtern oder gar abschrecken. Die fluffigen Visitenkarten werden oft vor allem mit den Statements von Politikern oder Experten aus den Nachrichten verbunden. Deshalb empfiehlt sich für manche Interviews eine neutrale Variante. Ebenso bitten einige Sendeanstalten ihre Mitarbeiter seit längerem, auf die Markenbildung zu verzichten, wenn sie sich auf Demonstrationszüge radikaler Bewegungen begeben - wegen der Gefahr, körperlich oder verbal attackiert zu werden.

          Der Windschutz mit Aufschrift bietet Sendern aber auch Gelegenheit, journalistische Kompetenz zu zeigen. Schulze-Cleven erzählt von Pressekonferenzen, bei denen nur zwei oder drei Kamerateams anwesend, aber mehr als ein Dutzend Mikrofone mit Senderkennung aufgebaut gewesen seien. „Die Sender müssen ja beweisen, dass sie auch original übertragen. Dann lassen sie dort von der Nachrichtenagentur Dummys hinstellen." Ein leises Lachen. Es wird lauter, als er von sinkenden Quoten der Fernsehanstalten erzählt. „Dann müssen die sich hin und wieder ein neues Outfit zulegen und können ihre alten Windschützer wegschmeißen." Und neue bestellen.

          Schulze-Cleven rät allen Kunden, gleich ein paar mehr zu nehmen, weil sicher einige geklaut würden. „Auf Pressekonferenzen oder dergleichen." In Internetauktionshäusern werden Modelle, die nicht selten vom Reporteralltag gezeichnet sind, für mehr als 100 Euro versteigert. Es scheint eine richtige Sammlerszene zu geben, im Untergrund. Susanne Johnson erzählt, dass ihre Vertragsstrafen bei 20.000 Euro beginnen, sollte ihre Firma Windschützer mit Senderkennung unter der Hand herausgeben.

          Mikrofonwindschützer sind die heimlichen Ikonen der Medienwelt. Aber jeder für sich ist vergänglich, er wird schnell schmutzig und verliert seine Strahlkraft. Dann wird aus dem Kunstwerk wieder ein Küchenschwamm. Und bei Archibald Schulze-Cleven laufen Bestellungen ein.

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