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Kein anderes Möbelstück ist auf so vielen zeithistorischen Bildern zu sehen wie der Wiener Kaffeehaus-Stuhl von Michael Thonet. Bild: Thonet-Archiv

Wiener Kaffeehaus-Stuhl : Vom einfachen Tischler zum Pionier der Möbelproduktion

Er ist ein wahrer Klassiker und Revolutionär: Der Wiener Kaffeehaus-Stuhl von Michael Thonet ist vollständig in seine Einzelbestandteile zerlegbar – und schaffte so den Erfolg eines Familienunternehmens.

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          Kein anderes Möbelstück ist auf so vielen zeithistorischen Bildern und mit so vielen berühmten Persönlichkeiten zu sehen wie der Wiener Kaffeehaus-Stuhl von Michael Thonet: Die Musiker des Orchesters von Johann Strauß saßen genauso auf den Stühlen wie die Delegationen, die 1918 im Eisenbahnwaggon den Waffenstillstand zwischen Deutschland und der sogenannten Entente im Wald von Compiègne unterzeichneten. Leo Tolstoi hatte ihn in seinem Esszimmer stehen, Charlie Chaplin nutzte ihn in seinen Filmen, und Henri Toulouse-Lautrec malte ihn 1892 in seinem Gemälde „Im Moulin Rouge“. Der Bugholz-Stuhl schrieb Industriegeschichte. Er war das erste in Serie gefertigte Möbelstück und auch aus heutiger Sicht ein Geniestreich: Denn er war so konstruiert, dass in einer Transportkiste mit einem Kubikmeter Rauminhalt genau 36 zerlegte Stühle – mit Schrauben – verpackt in die ganze Welt verschickt werden konnten.

          Peter-Philipp Schmitt
          Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Der Mann hinter dem Erfolgsprodukt war ein einfacher Tischler aus Boppard am Rhein. Dort war Michael Thonet am 2. Juli 1796 geboren worden – vor 225 Jahren. 1819 gründete er eine Schreinerei. Statt üppig schwere Möbel zu machen, experimentierte er mit zierlichen Stühlen aus gebogenem Holz. Auf einer Ausstellung in Koblenz 1841 wurde der österreichische Staatskanzler Fürst Clemens von Metternich auf ihn aufmerksam. Er überzeugte Thonet, nach Wien zu kommen, wo er 1849 mit seinen Söhnen Franz, Michael, August und Josef, später trat noch Jacob Thonet in die Firma ein, das bis heute in sechster Generation existierende Familienunternehmen gründete. Von seinen 13 Kindern, sieben Söhnen und sechs Töchtern, überlebten nur fünf das Kleinkindalter.

          Schlichte Ästhetik, günstiger Preis: Michael Thonets Kaffeehaus-Stuhl Nr. 14 setzte sich schon im 19. Jahrhundert fest. Heute ist er ein Klassiker.
          Schlichte Ästhetik, günstiger Preis: Michael Thonets Kaffeehaus-Stuhl Nr. 14 setzte sich schon im 19. Jahrhundert fest. Heute ist er ein Klassiker. : Bild: Thonet-Archiv

          Einen ersten Kaffeehaus-Stuhl, Nr. 4, entwarf Thonet 1850 für das Kaffeehaus von Anna Daum. 1859 folgte der Stuhl Nr. 14, der industriell hergestellt werden konnte dank einer neuartigen Technologie: indem man massives Buchenholz bog. Das Revolutionäre an dem Stuhl, der heute die Nr. 214 trägt: Er war vollständig in seine wenigen Einzelbestandteile zerlegbar und konnte in arbeitsteiligen Prozessen produziert werden. Der vierbeinige Stuhl mit einer Sitzfläche aus Geflecht und einer Rückenlehne, die schlicht von zwei gebogenen Holzstäben gebildet wird, wurde zum Verkaufsschlager.  Nach und nach vergrößerten die Gebrüder Thonet ihr Möbelprogramm. Und sie erweiterten ihr Unternehmen: 1889 besaßen sie ein Netzwerk aus sieben Fabriken, darunter auch in Frankenberg, wo heute der Sitz des Familienunternehmens ist, und Handelshäuser in aller Welt. Michael Thonet, Pionier der Möbelproduktion und des Möbeldesigns, erlebte nur noch die Anfänge davon mit. Er starb 1871 im Alter von 74 Jahren in Wien.

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