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Frankfurt Fashion Week : Nicht nur eine Nische

Laufsteg am Mainufer: der Pop-up Street Catwalk junger Designer Bild: Nerea Lakuntza

Auf der ersten Frankfurter Fashion Week ist viel los, obwohl sie noch gar nicht richtig stattgefunden hat. Doch, um zur glaubwürdigen nationalen Instanz zu werden, muss mehr passieren.

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          Es dauerte, bis das Textilkunstwerk aus Schurwolle vollendet war. Scheren, waschen, kardieren, beizen, färben, trocknen, auslegen, filzen, waschen, trocknen: Tagelang hat Textilkünstlerin Stefanie Salzmann an der Picknickdecke aus der Wolle von Schwarznasenschafen gearbeitet. Am Donnerstag war der Wandbehang fertig - und hing im Hinterhof des Frankfurter Restaurants Margarete als ein Sinnbild für das, was die Mode kann und darf und soll und muss.

          Alfons Kaiser
          Verantwortlicher Redakteur für das Ressort „Deutschland und die Welt“ und das Frankfurter Allgemeine Magazin.

          Denn zu der Präsentation aus Anlass der „Frankfurt Fashion Week“ hatte hessnatur geladen. Die Marke aus Butzbach ist seit der Gründung durch Heinz und Dorothea Hess vor 45 Jahren ein Pionier der Naturmode. Das Thema Nachhaltigkeit, das nun alle entdecken, nimmt man dort seit Langem ernst - mit Stoffen, die nicht chemisch behandelt sind. Die Geschäftsführerin von hessnatur, Andrea Sibylle Ebinger, zeigt, dass die Öko-Mode ökonomisch etwas bringen kann: Der Umsatz ist in diesem Geschäftsjahr um 30 Prozent gewachsen. „Dieser Markt ist nicht mehr nur eine Nische“, sagt Ebinger. Naturmode kann sich lohnen. Deutschland muss es lernen, Frankfurt kann es vormachen.

          Planungen für nächste Saison laufen bereits

          Denn die Messe Frankfurt, der größte Veranstalter von Textilmessen der Welt, hat große Pläne mit der „Frankfurt Fashion Week“. Leider sahen sie in dieser Woche klein aus, die Modewoche hat fast nur virtuell stattgefunden. Als die Pläne für den Umzug der Fashion Week von Berlin nach Frankfurt im vergangenen Jahr vorgestellt wurden, konnte man noch hoffen, dass die Pandemie in diesem Sommer vorüber war. Aber Corona vereitelte die Pläne. So fanden jetzt nur digitale Formate statt. Ein Beiprogramm aus privat veranstalteten kleinen Schauen wurde plötzlich zum Hauptprogramm. Die Nebendarsteller waren teils bizarr gekleidete Protagonisten einer Fashion Week, die es gar nicht gab.

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          Umso überraschender, dass trotz mageren Angebots die Begeisterung groß war. Sei es bei der Schau von Anja Gockel am Hotel Frankfurter Hof, sei es bei den Pop-up-Schauen an vielen Orten der Stadt, sei es beim Laufsteg an der Alten Oper, der wegen des Regens teils ins Sofitel verlegt wurde: Überall war der Andrang groß, überall schauten Passanten neugierig über die Absperrungen.

          Die Veranstalter lassen sich durch den pandemiebedingt versemmelten und regenbedingt durchnässten Beginn gar nicht irritieren. Detlef Braun, Geschäftsführer der Frankfurter Messe, und Anita Tillmann, Geschäftsführerin des Veranstalters Premium Group, arbeiten schon an der nächsten Saison. Die Berlin Fashion Week wird es zwar weiter geben, aber die Frankfurter Veranstalter werden auch Berliner Modemacher holen, schon um zu zeigen, wo nun die Laufstegmusik spielt.

          Das ist auch nötig. Denn die Messen ziehen nur Fachpublikum an und interessieren die Öffentlichkeit kaum. Um zur glaubwürdigen nationalen Instanz zu werden, müssen neben den Branchengrößen die besten deutschen Designer kommen. William Fan, Ottolinger, Lutz Huelle, Damir Doma, Esther Perbandt, Frauke Gembalies, Dorothee Schumacher, Lala Berlin, Rianna + Nina, Working Title, GmbH, Vladimir Karaleev, Michael Sontag, René Storck, Odeeh, Nobi Talai, Talbot Runhof, Kaviar Gauche, Lara Krude: Wenn es den Veranstaltern gemeinsam mit Christiane Arp, der Präsidentin des Fashion Council Germany, gelingen sollte, auch nur die Hälfte dieser Namen aufzubieten – dann wäre Frankfurt mit einem Schlag die Modehauptstadt, die Berlin immer sein wollte.

          Auch „Greenwashing“ wird es geben, den Versuch, sich mit Fake-Berechnungen reinzuwaschen von seiner Öko-Schuld. EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen sagte dazu bei der digitalen Konferenz zum „New European Bauhaus“ am Mittwoch: Um die Klimaziele der Europäischen Union zu erreichen, sei die Modebranche gefragt. „Fast Fashion ist Gift für unseren Planeten.“ Es brauche Produkte, die weniger Abfall verursachen und länger halten.

          Stefanie Salzmann hat das mit ihrer Picknickdecke gut hinbekommen. Ihre Färbstoffe sind natürlich, aus Blättern, Pilzen oder Indigo. Vielleicht will sie nun mit den sieben Kräutern der Frankfurter Grünen Soße experimentieren. Der Stadt würde es schmecken.

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