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Des Schmiedes Glück

Von JASMIN JOUHAR, Fotos: PAULINE THURN UND TAXIS

30. Juli 2022 · 7000 Schläge bis Venedig: Wie Victor Clopotar aus dem Volk der Roma mit traditioneller Handwerkskunst sein Leben verändert hat.

Wenn die Geschichte von Victor ein Märchen wäre, ginge es ungefähr so: Es war einmal ein Schmied aus dem Volk der Roma. Er lebte mit seiner Familie in einem kleinen Dorf am Rande der Berge und fertigte kunstvolle Gefäße aus Kupfer, die er an Reisende verkaufte. Doch Victor war ein besonders begabter Schmied, und seine Gegenstände waren viel kunstvoller als die aller anderen Schmiede in der Gegend. Seine Begabung war so groß, sogar die Menschen in den Städten jenseits der Berge sprachen darüber. So kam es, dass er eines Tages ins ferne Venedig eingeladen wurde, um fein gearbeitetes Silberzeug in einem Palast zu zeigen. Mit seinem großen schwarzen Hut und dem bunt-bestickten Hemd ging Victor über den Markusplatz. Er war sehr stolz, denn noch nie zuvor war jemand aus seiner Familie in Venedig gewesen. Dieser Moment war für Victor Clopotar, den Kupferschmied aus Siebenbürgen, der Höhepunkt einer langen Reise: Wie die Helden in den Märchen musste auch er gegen viele Widrigkeiten kämpfen und Schicksalsschläge überwinden, um die Anerkennung zu bekommen, die er verdient.

Kunst aus Kupfer: Kannen, Kessel, Pfannen und Schalen fertigt Victor Clopotar im Dorf Brateiu in Siebenbürgen. Dort verkauft er vor allem an Touristen. Die Hilfsorganisation Corizom bietet ihm eine internationale Bühne.
Kunst aus Kupfer: Kannen, Kessel, Pfannen und Schalen fertigt Victor Clopotar im Dorf Brateiu in Siebenbürgen. Dort verkauft er vor allem an Touristen. Die Hilfsorganisation Corizom bietet ihm eine internationale Bühne.

Ein Verkaufsstand am Straßenrand, darauf rustikale Mokkakannen, Kessel und Pfannen aus Kupfer und Messing. Wenn ein Auto anhält, treten junge Männer mit schwarzen Filzhüten aus den Hoftoren. Das Dorf Brateiu in Siebenbürgen, rund 60 Kilometer nördlich von Sibiu (Hermannstadt), ist ein Zentrum des Kupferschmiede-Handwerks. Die wichtigste Kundschaft: Touristen auf der Durchreise. Am Eingang des Dorfs stehen riesige Häuser aus roten Ziegeln, die Fassaden unverputzt, mit Säulen und Erkern, die Dächer von Gauben und Türmchen gekrönt: „Roma-Paläste“, wie sie oft in Rumänien zu finden sind. Auch wenn die meisten Roma hier in Armut leben, isoliert vom Rest der Bevölkerung, häufig diskriminiert und ohne große Aufstiegschancen, konnten doch einige Familien zu Wohlstand gelangen – und legten sich als Statussymbol solch ein imposantes Haus zu. Gewohnt wird darin oft gar nicht. Auch Victor Clopotar hat sich vor einigen Jahren ein Haus aus roten Ziegeln am Rand von Brateiu gebaut. Kein Palast, aber ausreichend für seine Familie, seine Frau Eva und die drei Kinder. Das Haus reicht weit hinein in das lange, schmale Grundstück, links und rechts die Nachbarn und dahinter ein Garten und offenes Land. Im Hof ein weiteres Gebäude mit Garage und Werkstatt.

Kein Palast, aber ausreichend für seine Familie: Victor Clopotar hat sich vor einigen Jahren ein Haus aus roten Ziegeln am Rand von Brateiu gebaut.
Kein Palast, aber ausreichend für seine Familie: Victor Clopotar hat sich vor einigen Jahren ein Haus aus roten Ziegeln am Rand von Brateiu gebaut.

Die meiste Zeit des Jahres arbeitet Clopotar allerdings in einem offenen Unterstand. Auf dem gestampften Lehmboden Ambosse, ein Stück Eisenbahnschiene, an den Wänden Regale mit Werkzeugen, Hammer, Zangen, Feilen, Messer. Kürzlich erst hat er die geschlossene Werkstatt gebaut, für den Winter. Doch am liebsten arbeitet er draußen, wie er es gewohnt ist, am offenen Feuer oder mit einem Gasbrenner. In Innenräumen hallen die Schläge des Hammers auf das Metall sehr laut nach. Und das Schlagen des erhitzten Metalls macht nun mal einen großen Teil der Arbeit aus. 7000 Schläge, so heißt es, braucht man, um aus Kupfer-, Messing- oder Silberblech ein dreidimensionales Gefäß herauszuarbeiten. Immer wieder hält Clopotar das Werkstück in die Flamme, um es formbar zu machen, nimmt es zwischendurch hoch, prüft mit zusammengekniffenem Auge den Rand und misst mit Maßband nach.

Die meiste Zeit des Jahres arbeitet Clopotar in einem offenen Unterstand.
Die meiste Zeit des Jahres arbeitet Clopotar in einem offenen Unterstand.

Der Vierzigjährige ist nicht besonders groß, er ist stämmig, mit schwarzem Vollbart und dunklen Augen. Seinen kräftigen Händen sieht man die jahrelange Arbeit an. Im Haus serviert seine Frau Eva Kaffee, Victor Clopotar sitzt am Kopfende des langen Tischs unter dem Bild der Jungfrau Maria und erzählt vom Nachbarn, dem er das Schmieden beigebracht hat und der jetzt auch davon leben kann. Eva Clopotar holt einen dicken Ordner hervor, darin viele Blätter in Klarsichthüllen: Diplome, Urkunden, Artikel über ihren Mann, die gesammelten Beweise seiner Kunstfertigkeit.


„Ich habe noch nie jemanden getroffen, der so mit Metall umgehen kann wie Victor.“
NADJA ZERUNIAN

Mit am Tisch sitzt Nadja Zerunian, weitgereiste Designerin aus Wien. Sie kennt Victor und Eva Clopotar seit fast zehn Jahren, entdeckte seine Kupferobjekte bei einer Ausstellung von Roma-Handwerkern in Wien und war gleich fasziniert. „Ich habe noch nie jemanden getroffen, der so mit Metall umgehen kann wie Victor.“ Sie kennt sich aus, Metallverarbeitung war ihr Studienschwerpunkt. Später arbeitete sie als Kreativdirektorin für das dänische Unternehmen Georg Jensen, Spezialisten für Silber- und Edelstahlwaren. Immer wieder ist sie nach Brateiu gereist, um mit Clopotar ihre Entwürfe umzusetzen. Einzelstücke aus Messing oder Silber, die sie in Galerien und auf Messen zeigt. Gefäße, kleine Werkzeuge und andere Objekte, dünnwandig, fragil, aufgeladen mit Gefühlen und Erinnerungen. Parallel gründete sie mit mehreren Partnern die Hilfsorganisation Corizom, die Handwerkern in benachteiligten Gemeinschaften einen Lebensunterhalt verschaffen will. Corizom hat unter anderem Projekte in Rumänien, Albanien, Georgien und Ungarn angeschoben. Zerunian und ihre Partner beraten die Handwerker bei der Gestaltung der Produkte, helfen ihnen, sich zu professionalisieren, kümmern sich um die Vermarktung und schaffen Sichtbarkeit, indem sie die Produkte bei Festivals und Messen ausstellen.

Foto: Pauline Thurn und Taxis
Foto: Pauline Thurn und Taxis
Foto: Pauline Thurn und Taxis
Foto: Pauline Thurn und Taxis
Handwerkskunst aus der Vergangenheit: Victor Clopotar hat das Schmieden von seinem Vater und einem Onkel gelernt.

Auch Victor Clopotar ist Teil des Corizom-Netzwerks, er hat mit seiner Hilfe sein Label VCR gegründet und sich bei Homo Faber beworben, einer Schau für zeitgenössisches Handwerk in Venedig. Im April war es nach mehreren pandemiebedingten Verschiebungen so weit: Mit seinem Sohn, ebenfalls Victor, fuhr er die ganze Strecke von Rumänien an die Lagune mit dem Auto, ein Roadtrip aus dem Dorf hinter den Bergen in den internationalen Designzirkus. Im Juni folgte der nächste Auftritt, bei der Messe Design Miami in Basel. Dort zeigte Corizom seine Metallarbeiten zwischen den Ständen der großen Designgalerien, bei denen die Preise für ausgesuchte Vintagemöbel in die Hunderttausende gehen können. In so einem Umfeld sieht Corizom die Kundschaft für die Objekte der Handwerker. Wenn einer wie Victor Clopotar von seiner Kunst vernünftig leben können soll, müssen die Objekte etwas kosten, so die Überlegung. Schließlich investiert er viele Stunden Arbeit in jedes einzelne Objekt. Und es funktioniert: Seine glänzenden Preziosen finden ihre Käufer, zu einem Vielfachen dessen, was Touristen an der Straße für die Kupfersouvenirs zahlen.

Von fast 20 Familien, die hier das traditionelle Handwerk ausübten, sind heute noch drei übrig.
Von fast 20 Familien, die hier das traditionelle Handwerk ausübten, sind heute noch drei übrig. Foto: Pauline Thurn und Taxis
Viele Roma waren Kupferschmiede, das Handwerk hat Tradition.
Viele Roma waren Kupferschmiede, das Handwerk hat Tradition. Foto: Pauline Thurn und Taxis

Gelernt hat Victor Clopotar das Schmieden von seinem Vater und einem Onkel. Das Handwerk hat Tradition, nicht nur in seiner Familie. Viele Roma waren Kupferschmiede, Calderai oder Kalderash, wie sie sich selbst nennen. Früher lebten sie häufig nomadisch, zogen über die Dörfer, reparierten Kupferkessel und verkauften ihre selbstgefertigten Metallwaren. Vom Regime des Diktators Nicolae Ceaucescu wurden sie zur Sesshaftigkeit gezwungen und an vorgegebenen Orten angesiedelt. Victor Clopotars Vater und andere Kupferschmiede kamen Anfang der Achtzigerjahre nach Brateiu. Zu Beginn waren es fast 20 Familien, die hier das traditionelle Handwerk ausübten. Heute sind noch drei übrig. Auch deswegen ist es Clopotar wichtig, seinem Sohn das Schmieden beizubringen – um die überlieferte Handwerkskunst zu erhalten. Victor Junior arbeitet zu und lernt so von ihm.

Victors Frau Eva sammelt Diplome, Urkunden und Artikel über ihren Mann.
Victors Frau Eva sammelt Diplome, Urkunden und Artikel über ihren Mann.

Victor Senior hatte in jungen Jahren nicht viel Zeit zum Lernen: Schon als Zwölfjähriger musste er mit dem Schmieden den Lebensunterhalt der Familie verdienen. Seine Mutter war früh gestorben, sein Vater wurde krank, so blieb dem Jungen nichts anderes übrig, als in die Rolle des Ernährers zu wachsen. Die Schule besuchte er nur ein Jahr lang, Lesen und Schreiben brachte er sich selbst bei. Noch seine Eltern waren Analphabeten gewesen. Zudem heiratete er jung, mit seiner Frau Eva hat er den Sohn Victor und die Töchter Eva und Maria. Weil auch seine Frau wie viele Roma-Frauen keine Schule besucht hatte, brachte er ihr Lesen und Schreiben bei. Heute recherchiert sie im Internet Beiträge über seine Arbeit und druckt sie aus, für den Ordner. Den Sohn verheirateten die beiden ebenfalls früh, er machte sie mit Ende 30 zu Großeltern.


„Er ist ein Besessener. So einen Ehrgeiz und einen Perfektionismus habe ich selten erlebt.“
NADIA ZERUNIAN

Von Armut und Krankheit geprägte Lebensgeschichten sind für viele Roma in Rumänien bittere Realität. Bis heute liegt ihre Lebenserwartung bis zu zehn Jahre unter dem europäischen Durchschnitt – die Folge von fehlender Bildung und ungesunden Lebensbedingungen. In Brateiu hat die Gemeinde gerade erst eine Kanalisation in den Straßen der Roma gebaut. Das Frischwasser holt die Familie Clopotar aber nach wie vor aus dem Brunnen hinter dem Haus, einen Anschluss an das Gasnetz gibt es auch nicht. Die strukturelle Diskriminierung durch Staat und Bürokratie und die Anfeindungen der rumänischen Nachbarn hindern viele Roma daran, sich aus dem Elend zu befreien. Dazu kommt der Druck aus der eigenen Gemeinschaft, nicht auszubrechen – die lange Geschichte der Ausgrenzungen hat sie besonders eng zusammenwachsen lassen, nicht immer zum Vorteil der einzelnen Personen. Und wer nur in der eigenen Gemeinschaft etwas gilt, hat auch wenig Anreiz, sich eine neue Existenz außerhalb davon aufzubauen.

Nadia Zerunian. „Er gibt ein Stück erst aus der Hand, wenn es für ihn stimmt.“
Nadia Zerunian. „Er gibt ein Stück erst aus der Hand, wenn es für ihn stimmt.“

Victor Clopotar hat sich die Aussicht auf ein besseres Leben gegen alle Widerstände buchstäblich mit seinen Händen erarbeitet. Er arbeitet härter und länger als die anderen Schmiede, am liebsten von acht Uhr morgens bis acht Uhr abends. „Er ist ein Besessener“, sagt Nadia Zerunian. „So einen Ehrgeiz und einen Perfektionismus habe ich selten erlebt. Er gibt ein Stück erst aus der Hand, wenn es für ihn stimmt.“ Was er vom Vater einst lernte, hat er mit viel Hingabe weiterentwickelt und verfeinert. Er wollte besser werden als er.

Schon vor der Zusammenarbeit mit Corizom hatte er sich ein zusätzliches Auskommen geschaffen – mit kupfernen Brennblasen für Destillerien. Sogar aus Frankreich erreichten ihn Bestellungen für die Gerätschaften zum Schnapsbrennen. Doch er sagt, wenn Corizom nicht gekommen wäre, hätte er nie gewusst, wozu er fähig ist. Erst vor kurzem absolvierte er den Führerschein, kaufte sich ein Auto. Für das eigene Label VCR gründete er offiziell eine Firma, richtete ein Bankkonto ein. Nun hat er Verpflichtungen, muss Steuern und Versicherungen zahlen, kann aber auch Förderungen beantragen und seine Produkte international verkaufen. Der Schritt hinaus aus dem informellen Wirtschaften ist nicht zu unterschätzen. Warum sollte man etwa Steuern zahlen, wenn man vom Staat nichts zurückbekommt, bestenfalls geduldet wird?

Victor Clopotar hat schon das nächste Projekt im Blick: Englisch lernen. Anders als die Helden im Märchen gibt er sich nicht mit dem Erreichten zufrieden und lebt glücklich bis an sein Lebensende. Er macht immer weiter – bis an seine Grenzen und darüber hinaus.


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Quelle: F.A.Z. Magazin

Veröffentlicht: 29.07.2022 14:15 Uhr