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Designerin Gockel im Adlon : Wie sieht eine Live-Modenschau in Corona-Zeiten aus?

  • -Aktualisiert am

Die Maske passt zum Kleid: Entwurf auf der Schau von Anja Gockel im Adlon Hotel Berlin. Bild: Reuters

Wie kann eine Modenschau mit Publikum während der Corona-Pandemie aussehen? Eine Designerin hat es im Adlon gezeigt.

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          Wer sich an diesem Dienstag ganz zufällig ins Foyer des Hotels Adlon Kempinksi am Brandenburger Tor verirrte, der hätte sich sicherlich darüber gewundert, was in Zeiten von Corona schon wieder alles unter „neuer Normalität“ verbucht werden kann. Fotografen und Blitzlichtgewitter, Models, die in grell bunten gemusterten Kleidern zu DJ-Bässen und Geigenmusik über den Laufsteg flattern wie Phoenixe aus der Asche; Gäste mit noch grellerem Make-up, die sich von adretten Kellnern prickelnde Getränke servieren lassen.

          Den Zufall hatte allerdings niemanden einfach so ins beste Haus am Platz geweht, immerhin galten zur ersten Modenschau in Berlin nach dem Lockdown besonders strenge Auflagen. Inklusive Maske und sauberer Finger, Mindestabstand und harter Tür.  

          Eingeladen hatte die Mainzer Modedesignerin Anja Gockel zur Präsentation ihrer Kollektion für den kommenden Sommer mit dem verheißungsvollen Titel „Asuka — Der Duft von morgen“, mit der sie offiziell die Berliner Modewoche eröffnete — und auch gleich wieder beendete, weil bis auf eine digitale Zoom-Netzwerk-Party des Fashion Council Germany zu Ehren des ursprünglichen Modewochenauftaktes am gleichen Tag ansonsten keine Events auf dem Programm standen.

          Die Entwürfe des Designerin waren von japanischer Philosophie und Kampfkunst inspiriert.
          Die Entwürfe des Designerin waren von japanischer Philosophie und Kampfkunst inspiriert. : Bild: Reuters

          Warum auch. Im Jahr des großen Eigentlich hätte die Berlin Fashion Week diese Woche wie jede Saison stattfinden sollen, fiel dann aber wie so viele Kulturveranstaltungen Corona-bedingt ins Wasser. Und wurde auch nicht ersatzweise komplett ins Internet verlagert, wie das zuvor etwa in Schanghai, Moskau und in der vergangenen Woche in London der Fall war.

          Sind alle Kreativen schon gedanklich in Frankfurt?

          Vermutlich besser so. Immerhin hatte sich schon für die respektable Londoner Fashion Week niemand wirklich interessiert, obwohl diese demokratisch für einen jeden per Livestream zugänglich war. In Berlin wäre das vermutlich viel Bohei um vergleichsweise wenig Klicks geworden. Dass dann aber wirklich niemand aus der Hauptstadt, die so viel auf ihre Kreativität hält, in diesem Sommer etwas auf die Beine stellt außer ein Mainzer Urgestein, verwundert schon irgendwie. Ist man gedanklich schon in Frankfurt, wohin die Modewoche zumindest in Teilen im kommenden Jahr sowieso umziehen soll?

          Fairerweise muss man sagen, dass viele Akteure der besonders hart getroffenen Modebranche momentan mit dem Überleben beschäftigt sind. Da klingt das Nachdenken über Defilees oder andere Präsentationen — zumal unter extremen Bedingungen, ohne den offiziellen Rahmen und ohne Sponsoren — fast schon zynisch. Auch weil viele wegen der Krise ihre Kollektionen sowieso nicht wie üblich produzieren konnten. Generell kommt man im Coronajahr auch nicht umhin zu fragen: Braucht es in der aktuellen Situation überhaupt die Mode?

          „Unbedingt“, sagt Anja Gockel. Schließlich sei wissenschaftlich erwiesen, dass der Mensch von allen Sinnen den für Schönheit und Ästhetik als letztes verliere. Sie sagt: „In der aktuellen Situation kann die Mode ein Antrieb sein und Kraft und Hoffnung schenken“. Weil das natürlich ein ziemliches Privileg ist, spendet sie das Geld, was sie spart, weil sie keine Aftershow-Party veranstalten kann, dem Frauenhaus Berlin.

          Aus dem Accessoire „Maske“ lässt sich noch einiges herausholen.
          Aus dem Accessoire „Maske“ lässt sich noch einiges herausholen. : Bild: Reuters

          Als Konsequenz aus Corona steht für Gockel jedenfalls fest: „Nie wieder alleine!“ Zur Präsentation im Adlon hatte sie sich deshalb bemüht, weitere Kollegen zu gewinnen. Erfolgreich war sie bei Lana Müller, die ebenfalls einige Looks präsentierte. Diese nutzte ihr Gastspiel, um eine Hand voll funkelnder Kleider über den Laufsteg zu schicken, die stilistisch irgendwo zwischen Eiskunstläuferin und Haremsdame aus 1001 Nacht zu verorten waren. Eigentlich ganz pfiffig, wie glitzernde Gesichtsschleier mit der Notwendigkeit zur Maske versöhnt wurden.

          Anja Gockel wiederum sagte dem Virus auch inhaltlich den Kampf an — ihrerseits durch die friedliche Kraft der defensiven japanischen Kampfsportart Aikido, mit deren Philosophie sich die Designerin in den vergangenen Monaten viel auseinandergesetzt hatte. Motto? Take the hit as a gift. Zu sehen gab es gerade geschnittene, bisweilen voluminöse Kleider und Ensembles im Kimono-Stil mit Mundschutz im passenden Design. Ansonsten trifft das nach wie vor erstaunlich treffend zu, was Ingrid Loschek in ihrem Lexikon „Modedesigner“ einmal über Anja Gockel schrieb: „Ihr Stil ist unverkennbar poetisch, verträumt, multicolor, feminin, sanft und fließend und hat wenig mit allgemeinen Trends zu tun.“

          Zwischen Mut und Demut

          Für Gockel ist Aikido zu sowas wie der Lebens- als auch Unternehmensphilosophie geworden. Sie sagt: „Probleme löst man nicht, wenn man sich auf sie versteift. Dadurch gibt man ihnen nur Energie. Besser ist es, mit einem positiven Blick, Verstand und Kreativität zu agieren.“ Das ist ihr in Berlin schon mal gelungen.

          Gockel, die der Berlin Fashion Week nicht nur seit Stunde Null die Treue hält, sondern unmittelbar vor dem Lockdown noch eine Boutique in der Hauptstadt eröffnet hatte, sieht ihren Antrieb außerdem „irgendwo zwischen Mut und Demut.“ Dass sie ihre Sommerkollektion 2021, komme was wolle, präsentieren wollte, stand für sie übrigens schon im März fest — „notfalls vor nur zwei Personen“.

           Die Designerin Anja Gockel zeigt sich mit Mundschutz bei der Präsentation ihrer Sommerkollektion für 2021.
          Die Designerin Anja Gockel zeigt sich mit Mundschutz bei der Präsentation ihrer Sommerkollektion für 2021. : Bild: dpa

          Nach den neuesten Auflagen durften es dann doch ein paar Leute mehr sein. Rund 120 Gäste fanden im Foyer des Adlon Platz. Um mehr Gästen die Teilnahme zu ermöglichen, fand die Schau einfach zweimal statt, einmal nachmittags und einmal abends. Sie wurde zusätzlich per Livestream übertragen. Ganz ohne das Digitale geht dann doch nichts mehr. So viel steht jedenfalls fest: In Hybridveranstaltungen liegt auf unbestimmte Zeit ganz sicher die Zukunft. Und einen Koffer — voll Mode — in Berlin zu haben, schadet bekanntlich nie.

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