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Stuhl von Freifrau : Ein Tattoo-Künstler verewigt sich

Pfaue, Pflanzen, Origamivögel, Blätter: Christian Trzaskas Entwurf auf dem Oasis Gobelin Bild: Hersteller

Mit einem Skateboard fing es an: Der Tätowierer Christian Trzaska bemalte es. Das gefiel der Familie Helweg, die hinter der Designmarke Freifrau steht. Es begann eine ausgefallene Kooperation.

          Der Stoff-Künstler, der eine Oase entwarf, lebt selbst in einer. Wenn Lemgo das Ziel ist, die Stadt am äußeren Rand von Nordrhein-Westfalen, in der dieser Stoff-Künstler wohnt, dann sieht man in unmittelbarer Umgebung im Frühjahr vor allem Grün: Lindgrün, Grasgrün, Blattgrün. Hügel und Felder, dazwischen die Landstraße mit sanften Kurven. Die Fahrt endet schließlich vor einem Fachwerkhaus, und dort empfängt Christian Trzaska, 41 Jahre alt, schwarzes Käppi, Shorts, bedrucktes Hemd.

          Jennifer Wiebking

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Christian Trzaska ist noch nicht lange Stoff-Künstler. Er hat zuvor zwar schon die Oberflächen von Skateboards gestaltet, Wand- und T-Shirt-Motive entworfen. In erster Linie aber ist er Tätowierer, seit 19 Jahren. Das zeigt auch die Ausstattung in diesem Fachwerkhaus: Liegen und Tische, an denen Menschen sich von ihm Motive in die Haut stechen lassen. Dieser Tattoo-Künstler hat sich nun, zum ersten Mal, auf einem Stuhl verewigt, genauer gesagt auf dem Leya-Stuhl der Designmarke Freifrau, der an der Decke hängen kann, auf dem Boden steht oder auf Kufen schaukelt. Für ihn hat er eine Oase entworfen: Pfaue, Affen und Origami-Vögel, die auf den ersten Blick wie Blätter wirken. Das alles in Grün, Gelb, Rot auf dunklem Gobelin-Stoff der belgischen Weberei Meisterwerke. Das Ergebnis nennt sich Oasis Gobelin.

          Eine Möbelmarke, die gemeinsame Sache mit einem Tätowierer macht – das zählt in der Geschichte des Designs wohl zu den ungewöhnlichen Kooperationen. Hier aber waren die Wege tatsächlich kurz: Freifrau baut in Lemgo Stühle, Christian Trzaska tätowiert in Lemgo, und die Söhne der Freifrau-Familie, Mark und Niklas Helweg, schrauben in Lemgo unter ihrem Label Peace und Lange Haare an Skateboards. Trzaska sagt, er sei auch ein „alter Skater", der zudem die beiden Helweg-Brüder zuvor schon tätowiert hatte. Als nächstes war da ein T-Shirt, das Trzaska für die Brüder entwarf, und als die ihn fragten, was er dafür bekomme, sagte er: gar nichts. „Daraufhin haben sie mir ein Skateboard geschenkt“, sagt Trzaska. „Das habe ich bemalt und denen zurückgeschenkt."

          Dass der Austausch von Nettigkeiten an diesem Punkt noch nicht beendet sein würde, zeigt sich heute an der Wand im Eingangsbereich seines Studios. Dort hängt jetzt das bemalte Skateboard mit üppigen Blumenmotiven, als wäre es ein Alter Meister. Es sollte nicht das letzte Board sein, das Trzaska für die Helwegs entwarf. Gut 30, 40 Stück seien es mittlerweile – aber dieses erste ist trotzdem für die Geschichte des Stuhls das wichtige. Denn darauf stieß vor gut einem Jahr die Mutter der Skateboard-Gründer, Alexandra Helweg. Und sie kam auf die Idee, dass sich so etwas ähnliches doch auch mit einem der Freifrau-Modelle umsetzen ließe. Nur anders.

          „Das Brett sieht aus wie ein alter Stoff. Und mein erster Gedanke, nachdem man mich gefragt hatte, war auch, dass das ein altmodischer Entwurf für einen Stuhl werden würde“, sagt Christian Trzaska. Aber ein Designer-Stuhl ist kein Skateboard, ein Stuhl ist förmlicher. Es solle etwas Modernes sein, sagten die Leute von Freifrau – und kamen früh auf den Pfau. Christian Trzaska machte daraus eine Oase. Ein schöner Zufall, dass die Stühle von Freifrau fast so organisch geformt sind wie menschliche Handgelenke oder Oberschenkel. Das ist Trzaskas Einsatzgebiet, da kennt er sich aus.

          Stift statt Nadel: Christian Trzaska bei der Arbeit

          Und ähnlich wie ein Tattoo auf der Haut eine größere Entscheidung ist, wird man wohl auch einen Stuhl mit Dschungelmotiv nicht so leichtfertig aussuchen wie ein schlichtes Modell in Cognacfarben. Als Tätowierer gehe es um künstlerischen Anspruch, ohne den Kunden als Leinwand zu verwenden. „In einer abgeschwächten Form ist es mit Freifrau genauso. Ich war sofort bei der altmeisterlichen Blumen-Bouquet-Nummer und hatte, auch was die Farbigkeit betrifft, erst den Vorschlag gemacht, es monochrom zu halten.“ Wenn er tätowiert, sind Schwarz und Weiß seine Farben. „Aber das war gar nicht deren Idee. Ich bin Dienstleister, aber einer mit künstlerischem Anspruch.“

          Einer, der auch als Tätowierer heute gut zu tun hat. Trzaska fing im Jahr 2000 an, als das Steißbein-Tribal gerade in Mode kam und dann recht schnell als Arschgeweih seinen Ruf weg hatte. „Aber das war der erste Mainstream-Trend im Tattoo. Seitdem wird es immer mehr“, sagt er. Mehr Arbeit, mehr Aufträge. „Lemgo hat 40.000 Einwohner, wir haben hier heute vier Tattoo-Studios. Das hätte ich früher nie geglaubt.“

          Es lassen sich nicht nur immer mehr Menschen stechen, sie wünschen sich Tattoos heute auch an prominenten Stellen. „Es ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen.“ Christian Trzaskas tätowierter Stuhl steht, hängt und schaukelt derweil in der Mitte des Wohnzimmers.

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