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Möbelhersteller Interlübke : Rank und Schrank

Raum für neue Ideen: Philipp Schramm steht seit knapp einem Jahr als Geschäftsführer für die Entwicklung der Marke Interlübke gerade. Bild: Daniel Pilar

Interlübke reloaded: Philipp Schramm ist 28 Jahre alt und soll der traditionsreichen Möbelmarke neue Dynamik verleihen. Dafür arbeitet er auch mit jungen Designern zusammen.

          5 Min.

          Sein Motto erstrahlt in kräftigem Blau. Drei große Leuchtbuchstaben hat Philipp Schramm auf der Büroetage von Interlübke aufgehängt, gleich neben der Kaffeeecke. Sie bilden das Wort „Mut". „Ich finde, das passt sehr gut zu uns", sagt der Chef des Möbelherstellers aus Rheda-Wiedenbrück. „Wir wollen mutig sein, mit unseren Möbeln und bei unserer Neuausrichtung." Die Buchstaben hat er in einer Frankfurter Galerie entdeckt. Sie stammen aus dem Schriftzug "Krankenhaus Nordwest", der einst an der Fassade der Frankfurter Klinik prangte. Immer wieder wurde er bei dem Galeristen vorstellig, bis sie sich handelseinig waren. Das "W" drehte Schramm kurzerhand auf den Kopf und machte ein „M" daraus.

          Christine Scharrenbroch

          Freie Autorin in der Wirtschaft.

          Seine 155 Mitarbeiter können Aufmunterung gebrauchen – sie haben viele Turbulenzen mitgemacht. 2012 musste Interlübke nach Umsatzrückgängen und Verlusten Insolvenz anmelden. Nach einem missglückten Neustart entschloss sich der Inhaber Leo Lübke, dessen Großvater das Unternehmen 1937 mitgegründet hatte, zwei Jahre später zum Verkauf an eine Investorengruppe. Auch unter neuer Regie gelang es trotz eines rigiden Sparkurses nicht, das Ruder herumzureißen. Vor zwei Jahren stieg schließlich die Unternehmerfamilie Schramm ein, die in dritter Generation den Boxspringbettenhersteller Schramm Werkstätten in Winnweiler bei Kaiserslautern führt. Axel Schramm, 63 Jahre alt, ist zudem in der Branche durch sein Amt als Präsident des Verbands der Deutschen Möbelindustrie bekannt.

          „Ich hatte wenig Erfahrung mit Kastenmöbeln"

          Vor knapp einem Jahr übernahm sein ältester Sohn Philipp die alleinige Geschäftsführung bei Interlübke. Mit 27 Jahren. Wegen seines Alters habe es sicher hier und da Skepsis gegeben, vermutet er. Andererseits sei seiner Familie als langfristig orientiertem Investor viel Vertrauen entgegengebracht worden. Sein Ansatz: Erst einmal zuhören und lernen. Schramm sagt, er sei schon immer äußerst wissbegierig gewesen.

          „Ich hatte wenig Erfahrung mit Kastenmöbeln", gesteht er freimütig ein. „Ich hatte anfangs super viele Fragen." Mit Schränken, Kommoden und Regalen war er zwar zuvor kaum in Berührung gekommen, aber die Möbelbranche ist ihm vertraut. Schon als Schüler half er im elterlichen Bettenunternehmen mit und begleitete die Eltern zur Kölner Möbelmesse. Nach dem Abitur folgte das Studium „Management, Philosophy & Economics" an der Frankfurt School of Finance & Management. Anschließend kümmerte er sich bei den Schramm Werkstätten vier Jahre lang um die Modernisierung der Produktionssteuerung.

          Mut für die Mitarbeiter

          Auch bei Interlübke galt sein Augenmerk zunächst der Fertigung, deren Stärke er vor allem bei den hochwertigen Lackoberflächen sieht. Über Jahre waren die Kapazitäten nicht ausreichend an das schrumpfende Geschäft angepasst worden. „Wir leben in einer zu großen Hülle", sagt Schramm. „Oder positiv formuliert: Wir haben mit unserem Maschinenpark viel Potenzial für Wachstum." Um Ideen für flexiblere, schlankere Prozesse zu gewinnen, führte er Scrum ein, eine Methode aus der Software-Entwicklung. „Die Mitarbeiter sollen Input geben und Verantwortung übernehmen." In acht Scrum-Workshops entwickeln gemischt besetzte Teams innerhalb kurzer Zeit neue Ansätze - und Schramm ist oft mit dabei. „Ich lerne dabei viel über die Abläufe." Ein Ergebnis: Eine Maschine wurde 300 Meter verschoben, um Wege einzusparen.

          Noch immer wird an Verbesserungen gefeilt. Doch die Fertigung sei auf einem guten Weg zur Losgröße 1, also der Maßanfertigung, sagt Schramm. „Der Trend geht zu individuell zugeschnittenen Einrichtungsgegenständen." Dass Interlübke eine neue Richtung einschlagen müsse, sei dem Großteil der Belegschaft bewusst, sagt der Geschäftsführer. „Es gibt eine große Offenheit, neue Dinge anzugehen. Viele sagen, es muss etwas passieren."

          Neue junge Kreativdirektorin

          Die hochpreisigen Möbel sollen ihr minimalistisches, zeitloses Design behalten, aber dank einer größeren Auswahl an Materialien und Farben einen „Wow-Effekt" bekommen - so lautet der Anspruch. „Es gibt nicht nur weißen und schwarzen Lack, Alu und Chrom. Wir müssen die gesamte Palette mehr ausschöpfen." Die Lackoberflächen werden mit Holz, Leder, Stoff, Beton und Glas kombiniert. Ins Spiel kommen auch Farben wie Altrosa oder Burgund. Dadurch sollen die geradlinigen Side- und Lowboards, Regale und Schränke wärmer wirken. „Die Marke muss jünger, dynamischer, weltoffener werden, ohne aber hippig-flippig zu sein", sagt Schramm. Bislang richten sich Menschen von 45 Jahren an aufwärts mit Interlübke ein, was angesichts der Preise vor allem eine Frage des Einkommens ist. Künftig will Schramm auch jüngere Kunden ansprechen.

          Dafür holt er junge Designer an Bord. So wird auf der Internationalen Möbelmesse IMM in Köln, die am Montag beginnt, ein neuer Entwurf von Kaschkasch vorgestellt. Das Kölner Designer-Duo hat das Regalsystem Tado erdacht, ein filigranes, leichtes Möbelstück, das eher der Dekoration denn als Stauraum dient.

          Hanne Willmann

          Frischen Wind bringt auch die neue Kreativdirektorin ins Haus, die 32 Jahre alte Hanne Willmann aus Berlin. Den Kontakt zu der Produktdesignerin knüpfte vor drei Jahren Schramms Mutter Angela. Bei einer Design-Gala kamen die beiden Frauen als Tischnachbarinnen ins Gespräch. Nur wenige Tage später bekam Angela Schramm von Willmann eine E-Mail mit dem Entwurf für ein Bett – und sagte direkt zu, den Vorschlag umzusetzen. Ein halbes Jahr später wurde das Modell Someday ins Programm aufgenommen.

          Philipp Schramm ist begeistert von Hanne Willmann. „Sie bringt einen breiten Horizont mit, hat nicht den Tunnelblick der Möbelbranche." Bevor sie ihr eigenes Studio in Berlin eröffnete, war Hanne Willmann für Werner Aisslinger tätig, der seit zwei Jahrzehnten für Interlübke entwirft.

           „Wir bekommen eine kluge Lösung hin"

          Regelmäßig kommt Willmann aus der Hauptstadt nach Rheda-Wiedenbrück. Momentan kümmert sie sich mit Angela Schramm vor allem ums Marketing. Der neue Katalog stammt aus ihrer Feder. Und auch ein Möbelstück hat sie für Interlübke zur IMM entworfen: Levi, eine puristische Garderobe mit verschiebbarem Spiegel.

          Er selbst habe zunächst vor allem intern agiert, sagt Philipp Schramm. "Erst im Herbst habe ich angefangen, mich mit unseren Außendienstmitarbeitern ins Auto zu setzen, um unsere Handelspartner zu besuchen." Den Einrichtungsfachgeschäften will er mit einem neuen Softwareprogramm den Vertrieb des Interlübke-Sortiments erleichtern. Mit Hilfe des Online-Konfigurators können Möbel auf dem Bildschirm geplant und Kunden direkt als Bild gezeigt werden. Zwei Drittel der Händler nutzen das System bereits. Bislang mussten die Planer noch zu Stift und Papier greifen.

          Designer-Duo Kaschkasch

          In Europa sehen sich die Marken Interlübke und Schramm im Handel gut gerüstet. Ein gemeinsamer Auftritt ist nur vereinzelt geplant, er soll keinesfalls übers Knie gebrochen werden. In Asien dagegen werden große Hoffnungen auf eine gemeinsame Präsentation der Betten und Schränke in den Showrooms gesetzt. Es gibt schon einen gemeinsamen Exportleiter und ein gemeinsames Vertriebsbüro in Schanghai. Interlübke will sich künftig stärker als Marke für asiatische Privatkunden etablieren, bislang dominiert die Einrichtung von Apartmenthäusern und Hotels. 40 Prozent sollen die Auslandsaktivitäten auf mittlere Sicht zum Umsatz beisteuern - bislang ist es ein Drittel.

          Für das gerade begonnene neue Geschäftsjahr hat sich Philipp Schramm vorgenommen, beim Umsatz „eine kleine Schippe" draufzulegen. 2019 konnte entgegen der Planung noch kein Wachstum erzielt werden, der Umsatz verharrte bei rund 20 Millionen Euro. Unterm Strich wurde jedoch ein kleiner Gewinn erzielt. Trotz der Stagnation zeigt sich Schramm zufrieden mit der Entwicklung: „Die Projekte greifen." Bis 2024 soll Interlübke rund 25 Millionen Euro umsetzen.

          Entwurf des Duos Kaschkasch: Sideboard Tado

          Auf der IMM arbeitet Schramm - wie zu Schulzeiten - Seite an Seite mit seinen Eltern: Interlübke und die Schramm Werkstätten präsentieren sich auf einem gut 750 Quadratmeter großen Messestand. Nicht nur Philipp, auch seine drei jüngeren Geschwister interessieren sich für das Möbelmetier. Die 26 Jahre alte Marisa hat Mode- und Textilmanagement studiert und betreut für die Schramm Werkstätten die Kommunikation über die sozialen Medien. Ebenfalls in Winnweiler tätig ist Michael, mit 23 Jahren der Jüngste. Nach einer Schreinerlehre bildet er sich gerade zum Holzmechaniker weiter. Dem Familienunternehmen eng verbunden ist auch die 25 Jahre alte Paula, die derzeit für eine Unternehmensberatung arbeitet. Zuvor studierte sie Wirtschaftspsychologie und absolvierte einen Master in Finanzen.

          Die Stabübergabe hat Vater Axel längst festgezurrt: Im Jahr 2023 will er die Führung der Schramm Werkstätten, die dann 100 Jahre alt werden, an die nächste Generation übergeben. Mit Hilfe von externen Beratern arbeitet die Familie an der Frage, welche Aufgaben den vier Geschwistern in der kleinen Unternehmensgruppe künftig zukommen sollen. „Wir bekommen eine kluge Lösung hin", zeigt sich Philipp Schramm überzeugt. Erst einmal aber gilt seine ganze Konzentration Interlübke: „Mein Anspruch ist, dass ich hier abliefere."

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