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Mode für Fortgeschrittene : Warum es fürs Alter keinen Dresscode gibt

  • -Aktualisiert am

Dresscode fürs Alter? Bei Dolce & Gabbana, wie hier zur Schau im Juni, ist man leger unterwegs. Bild: Helmut Fricke

Das Grau-in-Grau der Generation 60 plus ist nur noch vermeintlich typisch. Die sogenannten Best-Ager wollen sich so kleiden, wie sie sich fühlen – nämlich um einiges jünger. Nun reagiert die Industrie.

          Eine Frau mit halblangen, braun gefärbten Haaren, sie mag schon über 70 sein, passiert eine Baustelle. Baustellen sind in Berlin nichts Ungewöhnliches. Was überrascht, ist der Look der älteren Dame. Denn sie sieht aus, als wäre sie geradewegs einer Anzeige von Céline entsprungen: mit dem wadenlangen, weißen Kleid, dazu schwarze Sandalen mit kleinem Absatz und ein ebenfalls schwarzer Kurzmantel, der von weitem wie ein Oversize-Blazer aussieht. Die Lederhandtasche hält sie wie zur Clutch gefaltet im Arm. Ein derart minimalistischer, moderner Look lässt sich theoretisch nicht nur in der Werbung französischer Modehäuser verorten, sondern auch auf den Straßen Stockholms oder Paris – an Frauen von Mitte dreißig.

          Die Momentaufnahme stammt von der Berliner Fotografin und Art-Direktorin Marta Wilkosz. Auf ihrem privaten Instagram-Konto widmet sie sich seit 2013 dem Projekt #seniorstyles, quasi Street-Styles von älteren Menschen, die sie wie eine anonyme Beobachterin stets aus der Distanz fotografiert. Wilkosz sagt: „Es geht mir bei meinen Bildern darum, zu dokumentieren, wie sich der Stil der Älteren von dem der Jugend unterscheidet. Es soll nicht inszeniert wirken.“ Für ihr Fotoprojekt inspiriert haben Wilkosz die älteren Anwohner in ihrer Nachbarschaft, der vom Alexanderplatz ausgehenden Karl-Marx-Allee, dem einstigen DDR-Prachtboulevard: „Die Berliner Senioren im Ostteil der Stadt haben einen einzigartigen Look, der zurückhaltend und schlicht ist.“

          Greta Silver ist 70 Jahre alt und modelt

          Während die Dame in Schwarz-Weiß in Sachen Stilbewusststein an Wilkosz’ Schnappschüsse aus Paris erinnert, wo Seniorinnen große Perlenohrringe tragen, zeigt die Fotografin mit der Serie „Senior Styles“ aber auch ganz normale Looks, von denen einige tatsächlich so aussehen, wie man sich ein typisches „Rentner-Outfit“ vorstellt. Also: mit viel Beige-Anteil. So trägt etwa ein älterer Herr im Berliner Osten Bundfaltenhose, Anorak und Schiebermütze, alles in Beige-Grau. Auf anderen Aufnahmen sind es nur einzelne beige oder cremefarbene Mäntel, Jacken, Westen, Hosen oder Rollkragenpullover. Ein bisschen hat es den Anschein, als würden die Senioren und Seniorinnen – zumindest die über 80 – mit dieser Farbwahl aussehen wollen wie die verblassten Sepia-Fotos aus ihrer Jugend und dem frühen Erwachsenenalter.

          Wilkosz hat ihre eigene Version der Vergangenheitsbehaftung: „Der Stil der Senioren ist von ihrem persönlichen Leben geprägt. Vintage-Teile und eine Mode, die gut geschnitten und hochwertig ist, bilden einen Gegensatz zur gegenwärtigen Fast-Fashion-Bewegung.“ Ihr erstes Foto entstand so von einer, wie sie sagt, „sehr eleganten Dame“ in der U-Bahn, deren Ausdruck „stark, selbstbewusst und sicher“ und deren Kleidung mit viel Erfahrung zusammengestellt war. „Diese Begegnung hat mich dazu veranlasst, das Bild unserer Gesellschaft von älteren Menschen, vor allem Frauen, zu reflektieren“, sagt Wilkosz.

          Oft zu flott: Ihre Kunden stylen Greta Silver, 70, Model, gelegentlich gediegener, als sie ist.

          Wie jedoch sieht die Generation der 65- bis 85-Jährigen sich selbst, und wie passt dazu die Mode, die sie trägt? Allgemeine Indizien liefert die Generali-Altersstudie von 2017, welche die Lebenssituation älterer Menschen in Deutschland vom Allensbach Institut für Demoskopie untersuchen ließ. Diese stellte fest, dass viele Menschen zwischen 65 und 85 Jahren ihr gefühltes Alter um rund 7,5 Jahre jünger angeben als ihr tatsächliches Alter; dass ihr Lebensgefühl als überwiegend positiv zu bezeichnen ist und 44 Prozent gelegentlich bis regelmäßig Sport treibt. Im Vergleich dazu waren es 1986 nur 16 Prozent aktive Rentner. Logisch, dass diese Faktoren am Ende auch einen Einfluss auf das Auftreten haben.

          Ein anderes, ein subjektives Bild liefert Greta Silver, 70 Jahre alt. Silver modelt, ist YouTuberin und hat zuletzt ein Buch mit dem Titel „Wie Brausepulver auf der Zunge“ geschrieben, das es auf die „Spiegel“-Bestsellerliste geschafft hat. Auf dem Buchtitel trägt Silver einen Wollmantel im angesagtesten Gelb des Sommers, einem warmen Gold-Gelb. Die Hamburgerin ist niemand, der sich durch das zunehmende Alter einschränken lässt. Auch nicht modisch. Im Gegenteil. In ihrem Buch berichtet Silver, dass sie manchmal bei Foto- oder Filmproduktionen in ihren privaten Klamotten als „zu flott“ daherkommt und daraufhin „auf solide umgestylt“ wird. Andererseits inspiriert sie mit ihrem Stil genauso gut Produzenten dazu, „Omi-Klischees“ abzulegen.

          „Meine Freundinnen sehen alle toll aus“

          Dabei war die Hamburgerin nicht schon immer so modebewusst: „Ich habe mich früher älter angezogen, als ich es war“, erzählt sie. Heute, als Großmutter, vermeidet sie „angepasste Kleidungsstücke“ und greift lieber zu kräftigen Farben. „Vor allem, seit ich weiße Haare habe.“ Zum klassischen Kleid kombiniert Greta Silver Lederjacke. Sie kauft ihre Stiefeletten beim skandinavischen Label Acne und trägt Skinny-Jeans von Closed, Teile, die auch jede Jungschauspielerin abseits des roten Teppichs so anziehen würde. Kritik gibt es in ihrem Umfeld keine. „Meine Freundinnen sehen alle toll aus“, sagt Greta Silver. Sie wünscht sich, dass auch andere Frauen in ihrem Alter modeaffiner wären.

          Eine Marke, die Frauen wie Silver ansprechen und sich den veränderten Bedürfnissen der Zielgruppe der Best-Ager ab 50 anpassen möchte, ist Bonita. Das 1979 gegründete Damenbekleidungsunternehmen ist neben Firmen wie Gerry Weber oder den Versandhäusern Witt Weiden und Peter Hahn eine jener Firmen, die sich mit „Oma-Mode“, sprich Pastellfarben und großen Prints, in Verbindung bringen lassen. Zumindest, wenn man sich die Filialen in den Einkaufsstraßen von mittelgroßen deutschen Städten wie zum Beispiel Potsdam einmal anschaut: Vor dem Bonita-Geschäft hängen Hosen in Siebenachtel-Länge in Apricot oder Mint auf den Ständern. Eine Schaufenster-Puppe trägt ein Tweedjäckchen, das mit etwas gutem Willen eine Hommage an Chanel sein könnte. Im Regal stehen weiße Ledersandalen mit flachen Absätzen. Teile wie diese gibt es auch bei Verkaufssendern wie HSE24 oder QVC, wo diese Mode von den nie müde wirkenden Moderatoren oft mit Attributen wie „frisch“ oder „praktisch“ umworben wird.

          Lena Christin Wulfmeyer von Bonita sagt: „Unsere Kundin möchte nicht so alt aussehen, wie sie ist. Sie fühlt sich deutlich jünger.“ Lange Zeit habe Bonita diese Tatsache vernachlässigt. Und tatsächlich: Auf der Website existiert ein ganz anderes Bild. Das Unternehmen, das zur deutschen Tom-Tailor-Gruppe gehört, präsentiert sich dort viel jugendlicher. Auf der Startseite ein Lilien-Bouquet. Das hat mit Mode erst einmal nichts zu tun, sieht aber gut aus und kann mit dem anhaltenden Botaniktrend in Mode und Interior erklärt werden.

          „Ich möchte den Stoff vorher anfassen.“

          Raphael Heinold ist seit Anfang des Jahres als Verantwortlicher für das Produktmanagement bei Bonita für die Ausrichtung der rund 22 Kollektionen jährlich zuständig. Eine Hotpants im Marine-Stil und Palazzohosen mit Palmen-Print hätten sich, Überraschung, diese Saison besonders gut verkauft, berichtet er. Es sind zwei trendorientierte Kleidungsstücke, die man so nicht an älteren Frauen vermuten würde, die aber bei genau jener Zielgruppe gut ankämen. Und auch im Hinblick auf die Ladengeschäfte will man aufholen: „Wir widmen uns aktuell dem Umbau der Läden, um auch das Einkaufserlebnis im Shop inspirativer zu gestalten.“ Ein Großteil der Kundschaft kaufe am liebsten immer noch stationär, auch wenn die Tendenz, online zu shoppen, steige.

          Doch deckt sich das Vorgehen von Bonita tatsächlich mit der Zielgruppe? Ein Frauenstammtisch in der Nähe von Karlsruhe soll als kleine Fokusgruppe fungieren. Fünf Freundinnen zwischen 60 und 70 treffen sich in einem Café zum Brunch. Sie unterhalten sich dabei auch über Mode. Eine ehemalige Bürokauffrau erzählt, dass sie sich in Modebüchern, in den Wochenzeitungen oder auch schon mal im Newsletter des Münchner Online-Shops Mytheresa über Mode informiert. Persönlich kaufe auch sie lieber im Geschäft ein: „Ich möchte den Stoff vorher anfassen.“

          Der Körper verändert sich, doch der Stil soll nicht einbüßen

          Altbacken will sie nicht daherkommen. Mit der mit blauem Leder ausgekleideten Beutelhandtasche der New Yorker Trend-Marke Mansur Gavriel tut sie das allemal nicht. Ihre Freundin, vor ein paar Jahren noch Apothekerin, setzt an diesem Morgen ganz auf Gelb. Sie trägt ein gelb-weiß gestreiftes T-Shirt und dazu eine gelbe Hose. Sommerlich! Und während die eine in der Runde gerne und regelmäßig im Netz shoppt, kauft die andere, eine ehemalige Lehrerin, im Freundeskreis immer weniger Mode, weil sie keinem Konsumrausch verfallen will.

          Die heterogenen Ansprüche an Mode scheinen in dieser Gruppe fast deckungsgleich mit denen der Töchter. Selbst wenn die Röcke nicht mehr so kurz sind und die Blusen nicht länger tailliert, weil sich eben auch der Körper in den vergangenen 30 bis 40 Jahren verändert hat, will man beim Stil keine Einbußen machen. Das könnten sich noch viel mehr Marken zu Herzen nehmen. Die meisten Kundinnen sind schließlich nicht Anfang 20. Und gerade ältere Damen haben oft mehr Geld für Mode zur Verfügung. Oder wie es Greta Silver im roten Kapuzenpullover auf ihrem YouTube-Kanal postuliert: „Fürs Alter gibt es keinen Dresscode.“

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