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Hier kommt die Sonne

Ólafur Elíasson in seinem Studio in Kopenhagen

Ólafur Elíasson will Licht dorthin bringen, wo es keinen Strom gibt. Dabei soll ihm jetzt Ikea helfen.

20.12.2018
Text: ANNE AMERI-SIEMENS
Fotos: ERIKA SVENSSON

FRANKFURTER ALLGEMEINE QUARTERLY: Herr Elíasson, gemeinsam mit dem Ingenieur Frederik Ottesen haben Sie die mit Sonnenenergie betriebene Plastik-LED-Lampe „Little Sun“ entworfen. Was steckt dahinter?

ÓLAFUR ELÍASSON: Wir haben dabei an Menschen gedacht, die ohne konstante Stromversorgung leben. Inzwischen hat sich „Little Sun“ etwa 750.000 Mal verkauft – die eine Hälfte davon in Europa und Amerika, die andere in Afrika, etwa in Äthiopien, Burkina Faso oder Senegal. Wir beliefern zehn Subsaharastaaten. Aus unserer Sicht ist die „Little Sun“-Lampe für Schulkinder besonders wichtig.

Eine Geschichte aus der aktuellen Ausgabe des Magazins der F.A.Z. „Frankfurter Allgemeine Quarterly“

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FAQ: Wieso?

ELÍASSON: Die meisten Kinder in Subsaharastaaten helfen ihren Eltern am Nachmittag, nach der Schule, im Haushalt oder auf den Feldern. Für Hausaufgaben ist erst abends Zeit. In Ländern nahe am Äquator geht die Sonne gegen 18 Uhr unter. Üblicherweise verwenden die Familien Kerosinlampen. Die Dämpfe sind gesundheitsschädlich. Zudem werden die Augen gereizt und schmerzen, nach einer Stunde halten es die Kinder meist nicht mehr aus. Deshalb setzen wir uns dafür ein, dass Kinder in sauberem Licht lesen können – und natürlich können die Eltern die Lampen auch verwenden, aber wir haben gemerkt, dass sie von Kindern am schnellsten angenommen werden und so Einzug in Familien halten. Durch den Verkauf der Lampe in Europa oder den Vereinigten Staaten unterstützen wir den Vertrieb in Afrika.

Hier entstehen die Ideen des Künstlers.

FAQ: Werden die Lampen dort verschenkt?

ELÍASSON: Es gibt Regionen, in denen die Handelsstruktur so schwach ist, dass es momentan nicht möglich ist, ein Vertriebsnetzwerk aufzubauen, und auch keiner Geld hat, um die „Little Sun“ zu kaufen. Egal, wie günstig wir sie anbieten. In diesen Regionen verschenken wir Lampen an Schulen und in Flüchtlingslagern, finanziert durch Spenden, die bei unserem Verein eingehen. Ansonsten werden sie in Afrika zum Produktionspreis verkauft.

FAQ: Es ist Ihnen wichtig, dass sie verkauft werden?

ELÍASSON: Ja. Unsere Tradition, unsere Haltung gegenüber dem globalen Süden ist ja vor allem davon geprägt, dass dort „Aid“ geleistet wird – Nothilfe, Entwicklungshilfe. Im globalen Norden bezieht sich alles auf „Trade“, auf Handel und Wachstum. Die Vorstellung von Hilfe bedeutet ja: Es gibt einen starken Protagonisten und einen Schwächeren, der sie entgegennimmt. Dabei übersehen wir, wie viele Ressourcen in den Menschen stecken. Das Modell muss sich also darauf richten, sie zu stärken und selbstwirksames Handeln zu unterstützen.

FAQ: Nun arbeiten Sie mit Ikea an gemeinsamen Produkten. Warum?

ELÍASSON: Dadurch sind Sonderanfertigungen möglich, die wir alleine nicht hätten durchführen können. Es gibt ein weltweites Vertriebsnetzwerk und vielfältige Möglichkeiten der Materialforschung. Und wir können durch gemeinsam entwickelte Produkte Menschen auf das Thema Energie bringen, die sich bisher noch nicht viel damit beschäftigt haben, einfach, weil Ikea eine solche Reichweite hat.

Platz für Tüftler: Es geht um Materialauswahl und praktikable technische Lösungen.

FAQ: Hatten Sie als Künstler Bedenken, eine Kooperation mit einem großen Konzern einzugehen?

ELÍASSON: Als Künstler ist und war es mir immer wichtig, den Wirkungsbereich von Kunst zu erweitern und die Grenzen der Institutionen, in der Kunst schon beheimatet ist, zu überschreiten. Täte man das nicht, könnte es im schlimmsten Fall bedeuten, dass die Kunst ihr Potential einbüßt, Menschen zu berühren und Wandel herbeizuführen. Um aber gerade das zu schaffen, habe ich in der Vergangenheit auch mit Politikern oder Konzernen zusammengearbeitet, ebenso wie mit Museen.

FAQ: Was waren die ersten Schritte mit Ikea?

ELÍASSON: Wir haben eine Forschungsplattform aufgebaut und beschäftigen uns – immer noch – mit grundsätzlichen Fragen zu Energie und Nachhaltigkeit.

FAQ: Was heißt das genau?

ELÍASSON: Uns interessiert: Wie fühlt sich Energie in einem Raum an, wie bekommen wir sie eingesammelt, wenn nicht irgendwo in der Wand eine Steckdose ist? Arbeiten wir mit Solarpanelen wie bei den „Little Sun“-Lampen – oder stehen sie außerhalb des Raumes und sind durch ein Kabel verbunden? Woher bekommen wir die besten Solarpanele? Zu welchen Bedingungen werden sie hergestellt? Wir wollen alle Nachhaltigkeitsaspekte berücksichtigen.

Licht ohne Stromanschluss: LEDLeuchte „Little Sun“
Des Künstlers Sonnen-Power: „Little Sun Diamond“ mit eingebautem Ständer, „Little Sun Charge“ – Ladegerät für Smartphone et cetera plus Lampe und die Originallampe „Little Sun“

FAQ: Sie setzen in der Produktentwicklung wie bei der „Little Sun“-Lampe auf Solarenergie?

ELÍASSON: Aber wir denken auch etwa über Wind nach. Die Frage der Ressourcen ist mit der Funktion des Produkts verknüpft. Ich würde gerne einen solarbetriebenen Wasserkocher entwerfen, denn Wasser kochen zu können, bedeutet, es zu reinigen. Aber ein Teekocher verbraucht viel Energie, es wird wahrscheinlich schwierig. Über solche Dinge denken wir nach.

FAQ: Soll es neben Lampen auch andere Produkte geben?

ELÍASSON: Wir denken über fünf bis zehn Produkte nach, auch zu Themen wie Wasser oder Kühlung. Solarbetriebene Lautsprecher für Musik wären auch toll. So etwas finde ich wichtig.

FAQ: Warum?

ELÍASSON: Weil man damit Spaß hat. Es soll bei all dem ja um etwas Positives gehen. Und die Produkte sind nicht allein für den globalen Süden gedacht, auch das ist ein grundsätzlicher Gedanke, der im Design Ausdruck findet. Man kann die Produkte hier in Europa für Outdoor-Aktivitäten verwenden, in den Vereinigten Staaten genauso, wobei es dort auch viel häufiger Stromausfälle gibt als hier. Wir denken auch an Länder wie Indien, wo es Regionen gibt, in denen täglich zwei Stunden der Strom ausfällt.

FAQ: Sie wollen mit Ihrem Designansatz den Norden ebenso ansprechen wie den Süden. Ist das so außergewöhnlich?

ELÍASSON: Gewissermaßen schon, ja. Wir haben vor einigen Jahren in Zusammenhang mit „Little Sun“ mit deutschen Entwicklungshilfeorganisationen gesprochen. Es gab viele Übereinstimmungen, in einem Punkt aber nicht: Mit Blick auf das Design hieß es, das ist zweitrangig, es ist für Afrika, Hauptsache, die Sachen funktionieren.

Studio in Kopenhagen: „Die Rahmenbedingungen für Kunst und Design überlappen sich manchmal, aber grundsätzlich sind diese Bereiche wie zwei verschiedene Sprachen.“

FAQ: Sie sehen das anders?

ELÍASSON: Ich denke, jeder Mensch freut sich, etwas Schönes zu Hause zu haben; die Haltung, das Design sei zweitrangig, empfinde ich als herablassend. Gerade afrikanische Staaten werden überschwemmt von schlechten chinesischen Kopieprodukten – absoluter Müll. Umso wichtiger ist es, nachhaltige Produkte anzubieten, die auch vom Design her ansprechen und von den Menschen gewollt werden. Das Design hat außerdem ja auch Symbolkraft.

FAQ: Inwiefern?

ELÍASSON: Das ökologische Bewusstsein muss ein globales sein, auch wenn Produkte lokal zum Einsatz kommen, verbindet es uns, wenn wir dieselben verwenden. Uns geht es bei der Entwicklung mit Ikea auch darum, dass eine neue Auffassung von Energie entsteht, ein positiver Wandel. Um dazu anzuregen, sein Verhalten zu verändern, ist es doch wichtig, dass man das Gefühl hat: Ich erlebe etwas Gutes. Ich selbst kann etwas verändern. Das war uns auch in der Entwicklung der „Little Sun“-Lampe wichtig. Wir haben uns ja nicht „Mega Sun“ genannt, sondern bewusst symbolisch etwas Kleines entworfen, das aber für jeden greifbar ist; jeder kann damit etwas anfangen. Das transportiert auch den wichtigen Gedanken: Jeder ist toll. Jeder ist Energie.

FAQ: Noch eine Frage zu den Materialien: Die „Little Sun“-Lampe ist aus Plastik hergestellt, widerspricht das nicht der Vorstellung, möglichst umweltfreundlich zu arbeiten?

ELÍASSON: Plastik ist widerstandsfähig, hitzebeständig und wasserresistent. Man darf bei der Lampe nicht vergessen: Sie soll jahrelang halten, sie muss zum Aufladen jeden Tag mehrere Stunden in der Sonne liegen, man kann damit durch den Regen laufen; es gibt (noch) kein Material, das als Alternative in Frage käme.

Ólafur Elíasson wurde mit seinen Licht- und Wasserarbeiten weltberühmt. Das Umwelt-Start-up Little Sun des dänisch-isländischen Künstlers stellt eine solargetriebene kleine gleichnamige LED-Leuchte aus Plastik her.

FAQ: Könnte man dafür Ocean Plastic, den aus Meeren geborgenen Plastikmüll, verwenden?

ELÍASSON: Wir sprechen mit Ikea darüber, aber ein festes Gehäuse aus Ocean Plastic gibt es noch nicht. Taschen ließen sich vielleicht herstellen, für Schuhe gibt es diesen Ansatz ja auch. Für Lampen, die ähnlich wie „Little Sun“ als Nutzgegenstand viele Jahren halten sollen, wird es wahrscheinlich schwierig.

FAQ: Wo sollen die Produkte produziert werden?

ELÍASSON: Wir sind noch nicht so weit, dass ich das genau sagen kann. Afrika als Produktionsstandort miteinzubeziehen, wäre mir auf jeden Fall ein wichtiges Anliegen.

FAQ: Filialen des Unternehmens gibt es in Europa, Asien, in Nord- und Südamerika und in Australien – in Afrika aber nur in Ägypten und Marokko. Wie sollen die Produkte in anderen Staaten verkauft werden?

ELÍASSON: Little Sun als Firma hat Kontakte in den Subsaharastaaten, die wir dafür nutzen können. Aber unsere Zielgruppe ist auch nicht nur dort. In Indien etwa gibt es Ikea, und natürlich ist es unser Ziel, dort, wo es schon Filialen gibt, die Produkte auf diesem Weg anzubieten.

„Licht gibt Halt und hat mit Dasein zu tun“: Der Künstler will mit gutem Design Verhalten ändern.

FAQ: Wann wird man die Produkte kaufen können? Und wie werden sie heißen?

ELÍASSON: Das wird wahrscheinlich nicht vor 2020 sein – und der Name dafür steht noch nicht fest.

FAQ: Was bedeutet Ihnen Licht?

ELÍASSON: Jeder Lichtstrahl ist wie ein Kompass, der mir zeigt, in welchem Kontext ich mich befinde: Anhand von Licht kann man die Tageszeit, die Jahreszeit, den Ort erkennen. Licht gibt Halt und hat mit Dasein zu tun; es ist etwas extrem Fundamentales für das Leben. Ich sehe mich selbst als eine Art Batterie, die Energie in sich trägt, die auch ich über Licht aufnehme. Ich übernehme Energie auch von Nahrungsmitteln, die durch Licht gewachsen sind. Diese Idee, Energieträger zu sein, gefällt mir. Sie hat auch viel mit der „Little Sun“-Lampe zu tun; mit der Lampe nimmt man die Sonne in die Hand oder hält Hand mit ihr.

FAQ: Wie trennen Sie zwischen Ihrer Kunst und Ihrer Tätigkeit als Designer?

ELÍASSON: Die Rahmenbedingungen für Kunst und Design überlappen sich manchmal, aber grundsätzlich sind diese Bereiche wie zwei verschiedene Sprachen. Tolles Design kann so wie Kunst Themen verbalisieren. Aber Kunst kann gewisse Dinge zum Ausdruck bringen, die auf dem sehr von wirtschaftlichem Denken geprägten Designmarkt einfach schlechter möglich sind.

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Quelle: Frankfurter Allgemeine Quarterly

Veröffentlicht: 20.12.2018 14:21 Uhr