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Die ewige Kanzlerin hätte es ja gar nicht nötig, so nett zu den anderen zu sein. Das wusste auch Karl Lagerfeld. Auch zu einer Ausgabe über Männer fiel Karl Lagerfeld 2014 etwas ein: nämlich eine Frau. Was heißt eine Frau? Die Frau! Lagerfeld, der Angela Merkel schon als Flamenco-Tänzerin in Szene gesetzt und sie in Überlebensgröße dem französischen Präsidenten gegenübergestellt hatte, arbeitete hier ihre eigentliche Rolle heraus: „Sie ist der Boss“, sagte der Modeschöpfer. Ihre Insignien scheint die mit dem Habitus eines Mannes ausgestattete Bundeskanzlerin voller Stolz zu tragen: den schwarz-rot-goldenen Schlips, die Krawattennadel mit dem Euro-Symbol, die Europa-Fahne als Einstecktuch, die Blume im Knopfloch als Erinnerung an die SPD und das grünliche Hemd als Mahnung, dass es eine Partei mit solcher Farbe ja auch noch gibt. Eigentlich hätte die ewige Kanzlerin es gar nicht nötig, so nett zu den anderen zu sein. Aber wer weiß: Vielleicht gehören die symbolischen Grüße zu einer Machttechnik, die andere Männer gar nicht beherrschen. (kai.) Bild: Karl Lagerfeld

Karikaturist Lagerfeld : „Zeichnen ist wie atmen“

Zeichnen mochte Karl Lagerfeld schon immer. Doch erst in seinen späten Jahren ist er auch als Karikaturist bekannt geworden. Bundeskanzlerin Angela Merkel fand das nicht so witzig.

          Seine Zeichenkünste haben Karl Lagerfeld schon früh im Leben geholfen. Er selbst hat das mit einer schönen Geschichte aus seiner Jugend illustriert. Wenn seine Eltern nicht da waren, ging er oft nicht in die Schule. Denn erstens glaubte der begabte Schüler ohnehin schon viel zu wissen. Und zweitens war der Fußweg nach Bad Bramstedt weit. Also nutzte der junge Karl seine künstlerischen Fähigkeiten: „Die Entschuldigungen für die Lehrer habe ich mir selbst geschrieben“, sagte er im Gespräch über seine Zeichnungen. „Ich konnte die Handschrift meiner Mutter gut imitieren.“

          Alfons Kaiser

          Verantwortlicher Redakteur für das Ressort „Deutschland und die Welt“ und das Frankfurter Allgemeine Magazin.

          Wer schon in jungen Jahren zu solchen Illusionskünsten fähig ist, der muss sein ganzes Leben entwerfen. Und so kam es dann auch: Als der Junge größer wurde, nutzte er seine Auffassungsgabe und seine sichere Linienführung. In den Zeichnungen, die er seit Jahrzehnten in Paris jeden Morgen auf seinen großen Zeichentischen anfertigte, noch bis kurz vor seinem Tod am Dienstag, entwarf er in unzähligen Varianten seine Vorstellungen von der Mode.

          Und von der Welt. Erst in den vergangenen Jahren ist offenbar geworden, dass der Modezeichner auch ein Karikaturist ist. Für die F.A.Z. und vor allem für das F.A.Z.-Magazin hat er mehr als sechs Jahre lang in insgesamt 75 „Karlikaturen“ seine Kommentare zum Zeitgeschehen gezeichnet; die letzte erschien im Januar, danach war er schon zu geschwächt. Ob es um Donald Trump ging, um Alexis Tsipras, Theresa May oder François Hollande – Lagerfeld überzeichnete die tagesaktuellen Themen bis zur Kenntlichkeit.

          So wurde er in seinen letzten Jahren auch einem Publikum bekannt, das sich nicht unbedingt für Mode interessiert. Die Leser der Frankfurter Allgemeinen Zeitung schrieben Briefe, wenn er den Bischof Franz-Peter Tebartz-van Elst als Bettler zeichnete, auf Facebook gab es Kritik wegen der angeblich antisemitischen Darstellung von Harvey Weinstein als „Schweinstein“, und sogar die höchste – oder zweithöchste – Stelle im Staat äußerte einmal ihren Unmut. Im März 2014 hatte er Angela Merkel gezeichnet, breitbeinig im Anzug mit schwarz-rot-goldener Krawatte vor dem Brandenburger Tor: „Hier habe ich die Hosen an.“ Ein Sprecher der Bundeskanzlerin teilte daraufhin mit, Angela Merkel finde das nicht so witzig. Könnte es mehr Anerkennung geben für einen Karikaturisten?

          Das Interesse am Zeichnen begann bei Karl Lagerfeld schon sehr früh. Auf dem Dachboden des elterlichen Hauses richtete er sich ein Atelier ein. „Ich wusste ja nicht, dass man Mode zum Beruf machen kann, das gab es ja früher nicht.“ Also wollte er Porträtist werden oder Kostüme fürs Theater entwerfen – was er dann später auch gemacht hat. Papier und Zeichenmaterial, das damals knapp war, bekam er aus Amerika, von Geschäftsfreunden seines Vaters. Der Junge hatte aber Ansprüche. Als er seinen Vater einmal bat, ihm aus Hamburg Papier mitzubringen, sagte der Vater: „Wenn Du nicht genug hast, kannst Du ja auch auf der Rückseite malen.“ Aber Karl weigerte sich: „In meinem Leben werde ich nicht auf der Rückseite zeichnen.“ Und das hat er bis zuletzt nicht getan.


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          © Reuters

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          Auf dem Dachboden hatte er damals die gesammelten Bände des „Simplicissimus“. In der satirischen Zeitschrift entdeckte er eine Welt, die mit der Abgeschiedenheit Schleswig-Holsteins nichts zu tun hatte. Sie prägte seinen scharfsinnigen Humor und seine ästhetische Wahrnehmung. Mit seinen bissigen Zeichnungen war der „Simplicissimus“ auch für die politische Sozialisation wichtig. Wenn Lagerfeld Karikaturen zeichnete, dann mit einem kritischen Blick auf hohle politische Rituale, eingeschränkte Weltsicht und primitiven Machtmissbrauch. Trotzdem nahm er das kritische Potential nicht so wichtig: „Provozieren ist mir wurscht. Ich will mich amüsieren. Aber man muss ja manchmal den Finger in die Wunde legen.“

          „Meine Wohnung ist ein Atelier“

          Jeden Morgen verbrachte Karl Lagerfeld am Zeichentisch. „Ich bin Heimarbeiter“, sagte er dazu ironisch. „Meine Wohnung ist im Grunde keine Wohnung, sondern ein Atelier.“ Bevor er einschlief oder wenn er aufwachte, kamen ihm die Einfälle. „Am Morgen kann ich die Ideen der Nacht sofort zu Papier bringen. Außerdem habe ich einen Zeichenblock am Bett. Sonst vergisst man es, wenn man wieder einschläft.“ Der Morgen war ihm heilig. „Ich will alleine sein mit Choupette, in Ruhe zeichnen, nicht nach der Uhr gucken“, sagte er. Verabredet hat er sich nur für den Nachmittag oder Abend. Man muss sich das Zeichnen von Modeentwürfen, Choupette-Porträts oder Karikaturen wie eine meditative Übung vorstellen: „Bei mir ist Zeichnen wie Atmen, ich denke nicht weiter dran. Ich habe mein ganzes Leben nichts anderes gemacht.“ Es sind die schönsten Stunden des Tages für ihn, obwohl nicht alles sofort ein Meisterwerk ist. „Ich werfe viel weg“, sagte er. Die Papierkörbe in seinen Büros und Ateliers sind so groß, dass man jeweils einen Zentner Papier darin versenken könnte.

          Seine Zeichnungen lassen einen Modemacher erkennen, der abstrakt denkt und konkret handelt. „Ich bin kein Couturier, der drapiert. Ich habe eine konzeptuelle Vision und kann sie dreidimensional auf Papier bringen, mit allen technischen Details.“ Auf den Computer verließ er sich dabei nicht. Alles musste handgemacht sein. „Wenn ich den Entwurf dann im Stoff sehe, brauche ich daran nicht mehr viel zu ändern.“ Das System funktionierte: Allein das Modehaus Fendi bewahrt rund 50.000 Zeichnungen des Chefdesigners aus mehr als einem halben Jahrhundert auf.

          Es muss ein fast göttliches Gefühl sein: Man hat eine Idee, wirft sie aufs Papier, und dann wird sie Wirklichkeit. „Davon bin ich noch heute jedes Mal überrascht.“ Er zeichnete die Entwürfe schnell, und in den Ateliers arbeiteten Hunderte Hände an der Verwirklichung. Allein an der Schleppe des Brautkleids einer Chanel-Couture-Kollektion können ein Dutzend Schneiderinnen wochenlang nähen.

          In die Zukunft sehen

          Die Illustration ist die kleine Schwester der Kunst. Aber Künstler wollte Karl Lagerfeld nicht genannt werden: „Ich finde das oft prätentiös.“ Daher hat er auch keine Ambitionen, große Gemälde in Öl zu malen. So sehr ihn die Schule zum Zeichnen angeregt hat – vom Malen hat sie ihn abgebracht. Das belegt eine weitere Anekdote aus den frühen Jahren in Bad Bramstedt. Karls Zeichenlehrer, ein netter Mann, der auch Landschaften malte, sagte zu seinem Schüler: „Du kannst gut Leute zeichnen, aber Du wirst nie ein guter Landschaftsmaler werden.“ Da soll der kleine Karl, schon damals schlagfertig, gesagt haben: „Wenn man dann solche Bilder malt wie Sie, möchte ich das auch gar nicht.“

          So ist der Welt ein Landschaftsmaler abhandengekommen. Und so hat sie einen Zeichner gewonnen.

          Und zwar einen Zeichner, dem die Lust am Spaß nicht verging. Dank seiner Neugier verfolgte Lagerfeld Politik, Wirtschaft und Kultur in seiner alten Heimat – und sogar den Sport. Als Uli Hoeneß nach einer Selbstanzeige wegen Steuervergehen Besuch von Ermittlern bekam, zeichnete Lagerfeld ihn im Mai 2013 als Fußballspieler in Lederhose, der eine Sträflingskugel an seinem Bein mit dem Fuß tritt, als wäre sie ein Ball. Wie weitsichtig! Denn erst im März 2014 wurde der Präsident des FC Bayern wirklich zu einer Freiheitsstrafe verurteilt. Die Zeichnung hängt nun im Deutschen Fußballmuseum in Dortmund, neben den Triple-Medaillen von Jupp Heynckes, dem Dortmunder Abschieds-T-Shirt von Jürgen Klopp und dem Schalke-Trikot von Raúl.

          Ein guter Zeichner kann eben in die Zukunft sehen. Wie ein Modemacher, der für eine Zeit entwirft, die es noch nicht gibt.

          Demnächst auch als Buch

          In diesem Frühjahr erscheint im Steidl-Verlag „Karlikaturen – Karl Lagerfeld“ (herausgegeben von Alfons Kaiser). In dem Band sind die mehr als 70 Karikaturen versammelt, die Karl Lagerfeld in den vergangenen sechs Jahren für die F.A.Z. und vor allem für das F.A.Z.-Magazin gezeichnet hat.

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