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Karikaturist Lagerfeld : „Zeichnen ist wie atmen“

„Meine Wohnung ist ein Atelier“

Jeden Morgen verbrachte Karl Lagerfeld am Zeichentisch. „Ich bin Heimarbeiter“, sagte er dazu ironisch. „Meine Wohnung ist im Grunde keine Wohnung, sondern ein Atelier.“ Bevor er einschlief oder wenn er aufwachte, kamen ihm die Einfälle. „Am Morgen kann ich die Ideen der Nacht sofort zu Papier bringen. Außerdem habe ich einen Zeichenblock am Bett. Sonst vergisst man es, wenn man wieder einschläft.“ Der Morgen war ihm heilig. „Ich will alleine sein mit Choupette, in Ruhe zeichnen, nicht nach der Uhr gucken“, sagte er. Verabredet hat er sich nur für den Nachmittag oder Abend. Man muss sich das Zeichnen von Modeentwürfen, Choupette-Porträts oder Karikaturen wie eine meditative Übung vorstellen: „Bei mir ist Zeichnen wie Atmen, ich denke nicht weiter dran. Ich habe mein ganzes Leben nichts anderes gemacht.“ Es sind die schönsten Stunden des Tages für ihn, obwohl nicht alles sofort ein Meisterwerk ist. „Ich werfe viel weg“, sagte er. Die Papierkörbe in seinen Büros und Ateliers sind so groß, dass man jeweils einen Zentner Papier darin versenken könnte.

Seine Zeichnungen lassen einen Modemacher erkennen, der abstrakt denkt und konkret handelt. „Ich bin kein Couturier, der drapiert. Ich habe eine konzeptuelle Vision und kann sie dreidimensional auf Papier bringen, mit allen technischen Details.“ Auf den Computer verließ er sich dabei nicht. Alles musste handgemacht sein. „Wenn ich den Entwurf dann im Stoff sehe, brauche ich daran nicht mehr viel zu ändern.“ Das System funktionierte: Allein das Modehaus Fendi bewahrt rund 50.000 Zeichnungen des Chefdesigners aus mehr als einem halben Jahrhundert auf.

Es muss ein fast göttliches Gefühl sein: Man hat eine Idee, wirft sie aufs Papier, und dann wird sie Wirklichkeit. „Davon bin ich noch heute jedes Mal überrascht.“ Er zeichnete die Entwürfe schnell, und in den Ateliers arbeiteten Hunderte Hände an der Verwirklichung. Allein an der Schleppe des Brautkleids einer Chanel-Couture-Kollektion können ein Dutzend Schneiderinnen wochenlang nähen.

In die Zukunft sehen

Die Illustration ist die kleine Schwester der Kunst. Aber Künstler wollte Karl Lagerfeld nicht genannt werden: „Ich finde das oft prätentiös.“ Daher hat er auch keine Ambitionen, große Gemälde in Öl zu malen. So sehr ihn die Schule zum Zeichnen angeregt hat – vom Malen hat sie ihn abgebracht. Das belegt eine weitere Anekdote aus den frühen Jahren in Bad Bramstedt. Karls Zeichenlehrer, ein netter Mann, der auch Landschaften malte, sagte zu seinem Schüler: „Du kannst gut Leute zeichnen, aber Du wirst nie ein guter Landschaftsmaler werden.“ Da soll der kleine Karl, schon damals schlagfertig, gesagt haben: „Wenn man dann solche Bilder malt wie Sie, möchte ich das auch gar nicht.“

So ist der Welt ein Landschaftsmaler abhandengekommen. Und so hat sie einen Zeichner gewonnen.

Und zwar einen Zeichner, dem die Lust am Spaß nicht verging. Dank seiner Neugier verfolgte Lagerfeld Politik, Wirtschaft und Kultur in seiner alten Heimat – und sogar den Sport. Als Uli Hoeneß nach einer Selbstanzeige wegen Steuervergehen Besuch von Ermittlern bekam, zeichnete Lagerfeld ihn im Mai 2013 als Fußballspieler in Lederhose, der eine Sträflingskugel an seinem Bein mit dem Fuß tritt, als wäre sie ein Ball. Wie weitsichtig! Denn erst im März 2014 wurde der Präsident des FC Bayern wirklich zu einer Freiheitsstrafe verurteilt. Die Zeichnung hängt nun im Deutschen Fußballmuseum in Dortmund, neben den Triple-Medaillen von Jupp Heynckes, dem Dortmunder Abschieds-T-Shirt von Jürgen Klopp und dem Schalke-Trikot von Raúl.

Ein guter Zeichner kann eben in die Zukunft sehen. Wie ein Modemacher, der für eine Zeit entwirft, die es noch nicht gibt.

Demnächst auch als Buch

In diesem Frühjahr erscheint im Steidl-Verlag „Karlikaturen – Karl Lagerfeld“ (herausgegeben von Alfons Kaiser). In dem Band sind die mehr als 70 Karikaturen versammelt, die Karl Lagerfeld in den vergangenen sechs Jahren für die F.A.Z. und vor allem für das F.A.Z.-Magazin gezeichnet hat.

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