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Lagerfelds Modenschauen : Die große Show

Am Ende schien die Rakete durchs Dach zu gehen: Aber für die Chanel-Schau im März 2017 im Grand Palais schob sich die untere Triebwerkabdeckung der Saturn-Attrappe einfach über die zweite Stufe Bild: Helmut Fricke

Karl Lagerfeld baute Chanel-Schauen zu Gesamtkunstwerken aus. Möglich machten es Luxusboom, Eventisierung, Instagram-Marketing und sein Gespür. Und nun suchen alle die besten Locations.

          8 Min.

          Supermärkte waren eigentlich nicht sein Ding. Karl Lagerfeld ging für den Eigenbedarf vor allem in die Buchhandlung seines Vertrauens, in den Trendshop Colette und in die Männerabteilung von Givenchy. „Ich arbeite“, sagte er nach der Schau vom 4. März 2014 süffisant, „ich gehe nicht einkaufen.“

          Alfons Kaiser

          Verantwortlicher Redakteur für das Ressort „Deutschland und die Welt“ und das Frankfurter Allgemeine Magazin.

          Da ging es vielen Gästen seiner Schau ganz anders. Denn kaum war die Chanel-Mode für Herbst und Winter 2014 an ihnen vorbeigezogen, stürzten sie sich auf die Regale des gigantischen Supermarkts, den Lagerfeld im Grand Palais hatte aufbauen lassen. Anna Dello Russo, Stylistin und Street-Style-Star, fiel fast von ihren hohen Hacken, als sie in der Baumarktabteilung des Mega-Stores zu den Fußmatten mit der Aufschrift „Mademoiselle privé“ rannte.

          Ja, Mademoiselle Chanel hätte ihre Freude gehabt an den großen Ideen ihres Nachfolgers. Karl Lagerfeld hatte die rund 2000 Besucher des Defilees mit sage und schreibe 100.000 sorgfältig eingeordneten Produkten überrascht – vom „Eau de Chanel“ mit wirklichem Wasser bis zum „Jambon Cambon“, echtem Schinken, benannt nach der Straße, an der die Chanel-Zentrale liegt. Das war nicht nur ein schönes Futter fürs beginnende Instagram-Zeitalter. Es war auch ein Kommentar zum hemmungslosen Konsum der fashion victims. Die Gäste offenbarten ihre niederen Triebe denn auch im Wettlauf um Fußmatten und Staubfeudel.

          Kapitalistische Interessen ästhetisch geadelt

          Dass eine Schau selbstreflexiv wird – das hat die Modegeschichte nicht oft gesehen. Vielleicht gab es solche Momente, wenn John Galliano in Phantasieverkleidung den Applaus nach seinen Dior-Schauen entgegennahm und als Pirat, Dandy oder Astronaut einen lebenden Verfremdungseffekt gab. Vielleicht Anfang Oktober 2011 bei Jean Paul Gaultier, als der Backstage-Bereich gut sichtbar auf der Bühne aufgebaut war und man die Entstehung der Schau während der Schau live mitverfolgen konnte.

          Vielleicht im Januar 2019 bei der Marke Odeeh, die im Haus der Berliner Festspiele die Gäste auf der Bühne sitzen ließ, während die Models im Zuschauerraum standen – wie bei dem Perspektivenwechsel, der im Theater, zum Beispiel in der „Publikumsbeschimpfung“ von Peter Handke, als dramaturgischer Kunstgriff benutzt wird. Vielleicht auch im Juli 2019, als Schiaparelli-Designer Daniel Roseberry an einem Tisch auf dem Laufsteg saß und die Kollektion zeichnete, die gerade an ihm vorbeidefilierte. So machte er den schöpferischen Prozess sichtbar – und zeigte sich gleichzeitig echt reflektiert.

          Wie eine Heimkehr nach Hamburg: Zur Schau gestellt wurden im Dezember 2017 in der Elbphilharmonie auch Prinz-Heinrich-Mützen, Wollpullover und Container-Handtaschen

          Das alles waren schöne Versuche, den Sinn und Zweck einer Modenschau, nämlich die neue Ware im besten Licht zu präsentieren, auf eine andere Ebene zu heben. Aber erst Lagerfeld hat mit seinen Defilees im vergangenen Jahrzehnt Inhalt, Reflexion und Bombast neu verschmolzen. So wie Richard Wagner „alle Gattungen der Kunst“ zu einem „Gesamtzweck“ zusammenführte – so schuf Lagerfeld für Chanel Gesamtkunstwerke, die allerdings keine soziale Utopie, sondern kapitalistische Interessen ästhetisch adelten.

          Als es noch eng war auf dem goldenen Stühlchen

          Aber in den Supermarkt war die Warnung vor dem Konsum eingebaut. Denn Lagerfeld legte Sehnsüchte und Süchte offen – und das für eine Modemarke, die von unersättlichen Käuferinnen lebt, und das in einer Größe, die es bis dahin nicht oft gegeben hatte. Ein antikapitalistisches Manifest aber war es nicht, dafür hatte der Modemacher zu viel Spaß an der Inszenierung, vor allem, wenn sie mit Wortspielen garniert ist wie „Coco Cookies“ oder „Lait Coco“. Der „Brie Gabrielle“ erinnerte an Coco Chanels Geburtsnamen Gabrielle, die „Signorina Farfalle“ übersetzten „Mademoiselle“ ins Italienische – und die Rue St. Honoré bei der Rue Cambon ist im Goldton der Wandfarbe „Doré St. Honoré“ verewigt.

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