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Mode in der Corona-Zeit : Auf Wiedersehen, du Jogginghose

Paris im Juli: das kleine Weiße mal drei. Wenn urbaner Stil lange Zeit eine Uniform aus Jeans und T-Shirt bedeutete, dann könnte sich das jetzt ändern. Bild: dpa

Soll niemand sagen, das Stilbewusstsein bliebe bei Hitze auf der Strecke. In Corona-Zeiten wächst auch die Sehnsucht, etwas aus sich zu machen.

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          Das grüne Kleid mit großem Blumenmuster ist aus Seide. Festlich anmutende Volants umspielen die Schultern. Das Stück wäre etwas für Hochzeiten, auf denen man Gast ist. Für Tage im Büro, an denen wichtige Termine anstehen. Für Dienstreisen, die früh am Morgen beginnen, wenn sich ein warmer Tag schon andeutet. Für Gelegenheiten, von denen es auf absehbare Zeit nicht allzu viele geben wird. Deshalb bleibt das grüne Kleid aber nicht im Schrank hängen. Seine Besitzerin, Ivana heißt sie, trägt es am Pfingstmontag auf einem Spaziergang mit einem Freund durch den Hofgarten in Düsseldorf. Ivana, Wirtschaftsprüferin und 33 Jahre alt, arbeitet zu diesem Zeitpunkt seit mehr als zehn Wochen im Homeoffice, so wie Millionen Deutsche. Ein Glück, dass das möglich sei, sagt auch Ivana. Natürlich. „Aber der Ausgleich fehlt trotzdem.“

          Jennifer Wiebking
          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Ausgleich bedeutet eben nicht nur: Trennung von Esstisch und Schreibtisch. Der Weg zur Arbeit, bei dem man auf andere Gedanken kommt. Der regelmäßige Umgang mit anderen Menschen, und sei es nur der eine Kollege am Schreibtisch gegenüber. Für Ivana gehört zum Ausgleich auch das morgendliche Zurechtmachen. „Stattdessen trage ich bei der Arbeit jetzt Jogginghose und bin ungeschminkt.“ Deshalb steht die Wirtschaftsprüferin nun im Park in diesem grünen Kleid aus Seide. „Wäre alles wie immer, hätte ich heute bestimmt eher eins aus Baumwolle ausgewählt.“ Die Wimpern hinter den Gläsern ihrer Sonnenbrille sind dunkel getuscht. Über der Schulter trägt Ivana eine weiße Ledertasche. Das Gegenteil von lockerem Feiertagslook. Eigentlich. Denn wenn man sich seit einigen Wochen umschaut, dann überwiegt der Eindruck, dass noch ein paar mehr Menschen das Ritual des morgendlichen Zurechtmachens im Alltag für die Welt da draußen vermissen.

          Das Comeback des Sonntagsstaats

          Stattdessen werden Sonn- und Feiertage jetzt zur neuen Möglichkeit, um sich ein bisschen aufzubrezeln. Um endlich mal aus der Homeoffice-Jogginghose zu kommen. Man sieht bei solchen Gelegenheiten Menschen im Museum, die anstelle von Jeans und Turnschuhen sorgfältig aufeinander abgestimmt aussehende Röcke zu Blusen tragen. Dazu im Ernst High Heels. Papas beim Kicken mit den Kindern in der verkehrsberuhigten Straße, die, okay, Shorts tragen, aber diese mit gebügelten Poloshirts kombinieren. Man sieht Frauen in teadresses, in knöchellangen Kleidern mit halben Ärmeln und lieblich fallenden V-Ausschnitten, als müssten sie zum Nachmittagstee auf gepolsterten Sesseln verabredet sein und nicht hier, auf der Wiese der Sommerbar mit ihren Liegestühlen.

          Frankfurt: Hemd und Jackett könnten neuerdings auch Ausgleich vom Alltag sein.
          Frankfurt: Hemd und Jackett könnten neuerdings auch Ausgleich vom Alltag sein. : Bild: Diana Cabrera Rojas

          Eine um den Hals gelegte Perlenkette hier, eine feine Bluse da und jemand im Sportsakko dort drüben. Dazwischen zwar immer noch genug Birkenstocks, Crocs und Flipflops, und auch die Wirtschaftsprüferin Ivana trägt an diesem Pfingstmontag zum schicken grünen Kleid weiße Sneakers. Das Bild an Orten in diesem Sommer, an denen Menschen Freizeit feiern, ist trotzdem deutlich wohlanständiger. Irgendwie höflicher der Umwelt gegenüber.

          Schicksein, um Abstand vom Alltag zu bekommen

          Sicher, es hilft, dass die Frisuren wieder sitzen, dass jetzt alle frischgeschnittene und frischgefärbte Haare haben. Also alle, bis auf die Friseure selbst. „Keine Zeit, sich gegenseitig zu helfen“, sagt die Friseurin mit Pferdeschwanz und lacht. Mit den meisten vereinbare sie schon Folgetermine, denn in plus minus drei Monaten wird es abermals voll, wenn alle zur selben Zeit wiederkommen müssen. Andererseits, was heißt schon müssen. Kaum ein Smalltalk oder das, was davon in der harten Phase, als auch die Friseure geschlossen hatten, übrig geblieben war, in dem es nicht auch mal kurz um die Corona-Mähne ging. Die Sehnsucht nach dem Salonsessel. Grown-out-bobs und shadow-roots, zwei Frisurentrends der jüngeren Vergangenheit, dürften jetzt jedenfalls erst mal für längere Zeit Geschichte sein. Zu schlimm sind die Erinnerungen an unordentlich ausgewachsene Bobs und Haaransätze, als dass so etwas noch zum modischen Weiterdreh taugt.

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