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Aussterbende Branche : Wie ich mir in Lissabon einen Anzug schneidern ließ

  • -Aktualisiert am

Nach Maß: Unser Autor in seinem Anzug. Bild: Konstantin Arnold

Lissabon verliert seine letzten Maßschneidereien. Unser Autor macht sich auf in eine Welt von gestern – und tauscht Jeans und Turnschuhe gegen den Anzug.

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          Dass Männer in Anzügen am besten aussehen, hat auf ewig Gültigkeit. Dass sie auf Hochzeiten und Beerdigungen einen solchen tragen müssen, auch, ganz früher sogar dazwischen, draußen und immer und überall. Barbiere trugen einen, Schuhmacher, Branntweinverkäufer, Hutfachverkäufer, Menschen, die in Geschäften arbeiteten, in denen man eine bestimmte Sache verkaufte.

          Um ehrlich zu sein, weiß ich nicht, wie ich je zu Maßanzügen kommen konnte. Anzüge waren nie Teil meines Lebens. Ich bin ein junger Autor in Lissabon, der sich von seinen Leidenschaften ernährt und schreibt, um sich freitags gute Oliven und portugiesischen Wein leisten zu können. Ich ging auf Hochzeiten in Vans-Schuhen. Auf einer lernte ich einen netten, älteren Herrn kennen, der mir nach dem Abendessen, beim Schnaps, Fotos von sich zeigte: er bei seiner Hochzeit, im Anzug, er bei einer Demonstration, im Anzug, er beim Tanz, im Anzug, er bei der Heuernte, hemdsärmelig, aber in Weste. Auf all diesen alten Fotos sah er besser aus als wir neuen Männer von heute. Im Angesicht dieser Ewigkeiten schienen wir uns von den perversesten Trends verunstalten zu lassen. Aber noch kein Grund zur Aufregung oder, sich aus seiner alten Haut zu pellen.

          Die Augen meiner Freundin leuchteten

          Eines heißen Tages dann wurde der Sommer zu heiß, und man konnte keine Jeans mehr tragen, und kurze Hosen ertrug ich nicht. Ich suchte unterbewusst nach Lösungen. Wir liefen eine jener Straßen mit Antiquitätenläden hinunter, in denen wertloses Zeugs und sehr teures Zeugs stand. Direkt neben einem dieser Läden entdeckte ich ein kleines Atelier, in dem ein gekrümmtes Schneiderlein Maßanzüge fertigt. Seit Generationen! Es waren wundervolle Anzüge in makellosem Beerdigungsschwarz oder altmodischem Waschblau, mit Nadelstreifen, klassische Panamas und Westen, die sich anschmiegten, als wäre man mit ihnen auf die Welt gekommen.

          Ich probierte eine von ihnen an und sah die Augen meiner portugiesischen Freundin leuchten. Und ich sah den krummen Rücken des Schneiders, der in seinem Jackett ganz gerade schien, seinen Fettbauch, der sich hinter den Knöpfen seiner Weste makellos zu verteilen schien. Ich gab einen Anzug in Auftrag. War Feuer, war Flamme, war ganz wackelig auf den Beinen, brauchte dringend einen Drink. Tausend Euro kostet so ein Spaß, ohne die Drinks, man kann aber anzahlen, und ich zahle heute noch für eine, im Männerleben durch nichts zu ersetzende Erfahrung. Der ganze Prozess, das Maßnehmen, das Vorbeikommen, das im Ankleideraum sitzen und Stoffe anfassen, das Trinken.

          Wie lange er den Laden schon hat, kann der Chef nicht genau sagen.
          Wie lange er den Laden schon hat, kann der Chef nicht genau sagen. : Bild: Konstantin Arnold

          Unverständlich, dass diese Erfahrung mittlerweile untypisch geworden ist. Vor einem Jahrhundert sollen es in Lissabon über hundert Maßschneider gewesen sein. Jetzt gibt es noch fünf oder sechs. So richtig weiß das hier keiner, weil sich viele einfach ein Maßband umhängen und ihre Anzüge im Norden des Landes produzieren lassen. Ist billiger und gar nicht so schlecht. Hinter der Region um Porto und Guimarães liegt eine vielversprechende Textiltradition und vor ihr eine noch vielversprechendere Zukunft. Der Norden des Landes dient als Hinterhofhersteller für viele internationale Modemarken mit reinem Produktionsgewissen made in Europe. 2018 7,3 Milliarden Jahresumsatz stark.

          Lissabons Maßschneider sind vom Aussterben bedroht

          Das lässt Maßschneider aussterben. Die Prognose: Nicht mehr als zehn Jahre sollen dem edlen Handwerk in Portugal noch bleiben. Die wenigsten Modeschneider gehen heute überhaupt noch den Weg eines Maßschneiders, die allerwenigsten schließen ihre Ausbildung ab, und kaum einer geht diesen Weg bis ans Ende. Diese Kunst zu meistern, ein maßgeschneidertes Jackett aus losem Stoff anfertigen zu können, kann ein Leben lang dauern.

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