https://www.faz.net/-hrx-ahsas
Das Gebäude des Vitra Center, entworfen von Frank Gehry

Die dritte Generation

Von JASMIN JOUHAR, Fotos PHILIPP von DITFURTH
Das Gebäude des Vitra Center, entworfen von Frank Gehry

16. November 2021 · Erika und Willi Fehlbaum gründeten einst den Schweizer Möbelhersteller Vitra. Nun führt ihre Enkelin Nora Fehlbaum das Unternehmen, das unter anderem auf Bürokonzepte spezialisiert ist. Keine leichte Aufgabe für die junge Geschäftsführerin: Denn Corona hat die Arbeitswelt infrage gestellt.

Endstation Tram 3, Birsfelden-Hard. Die Bahn hält in einer Wendeschleife, keiner sonst steigt aus. Ein Waldstück, Wohnstraßen, Reihenhauszeilen, Vorort-Behaglichkeit. Dass das der richtige Weg zum Hauptsitz des Schweizer Möbelherstellers Vitra ist und kein Rechenfehler des Handy-Navis, weiß man erst, wenn man direkt vor dem Ziel steht. Zwischen Mehrfamilienhäusern und Parkplatz taucht ein Ufo auf: verzogene Kisten aus Blech, dazwischen leuchtet es Grellorange und Hellgelb. Ein gelber Pfeil auf dem Boden weist zum Eingang.

Alle Welt kennt das Design Museum von Frank Gehry auf dem Vitra-Campus im deutschen Grenzstädtchen Weil am Rhein, wo das Unternehmen produziert und sich über die Jahre einen prominent besetzten Architekturpark angeschafft hat. Aber dass der amerikanische Architekt wenige Kilometer südlich, auf der anderen Rheinseite im Basler Vorort Birsfelden, noch einmal für Vitra gebaut hat, ist fast schon ein Betriebsgeheimnis. An Gehrys aus den Fugen geratenem Eingangsbau hängt auf der einen Seite ein Bürotrakt, auf der anderen Seite steht eine alte Fabrikhalle mit Sheddach. Davor ein buntes Stuhlsammelsurium, Freischwinger von Verner Panton, Eames-Schalensitze, Entwürfe von Jasper Morrison und Barber Osgerby aus London. 

Fast ein Betriebsgeheimnis: Im deutschen Grenzstädtchen Weil am Rhein produziert das Unternehmen, dort befindet sich auch der bekannte Architekturpark und das Vitra Design Museum. Auf der anderen Rheinseite, im Basler Vorort Birsfelden, steht aber der – weitgehend unbekannte – Hauptsitz der Marke mit dem von Frank Gehry im Jahr 1994 erbauten Vitra-Center.

Die improvisierte Terrasse gehört zum „Club Office“: einer neu eingerichteten Bürofläche, auf der Vitra erprobt, wie es weitergeht mit der Arbeitswelt nach der Pandemie. „Das Konzept des ,Club Office‘ beruht darauf, dass hybrides Arbeiten jetzt der Standard ist“, sagt Nora Fehlbaum. „Damit wird der Gang ins Büro zur bewussten Entscheidung. Das Büro dient anderen Funktionen und muss ein anderes Umfeld bieten als das Homeoffice.“ Fehlbaum ist seit 2016 alleinige Geschäftsführerin des Familienunternehmens, als Vertreterin der dritten Generation. Sie hat das neue Bürokonzept im vergangenen Jahr selbst initiiert und ist oft dort anzutreffen, wenn sie in Birsfelden ist. So auch zur Montagmorgen-Runde der Geschäftsleitung, die sich jetzt meist in der Sofaecke im „Club Office“ trifft.


„Das Konzept des ,Club Office‘ beruht darauf, dass hybrides Arbeiten jetzt der Standard ist.“
NORA FEHLBAUM

Fließender Generationswechsel: Nora Fehlbaum stieg vor elf Jahren bei Vitra ein und ist seit fünf Jahren alleinige Geschäftsführerin.
Fließender Generationswechsel: Nora Fehlbaum stieg vor elf Jahren bei Vitra ein und ist seit fünf Jahren alleinige Geschäftsführerin.

Nicht zum ersten Mal macht man sich bei Vitra eine Vorstellung davon, wie eigentlich mit den Möbeln gearbeitet wird, die man jenseits der Grenze in Weil herstellt. Beispielsweise, als sich vor 30 Jahren die Technisierung des Büros anbahnte und die Öffnung der Räume zum „Open Space“ populär wurde: Die italienischen Designgrößen Andrea Branzi, Michele De Lucchi und Ettore Sottsass verdichteten diese Entwicklungen damals im Auftrag des Unternehmens zum „Citizen Office“, dem Konzept eines Büros als Lebensraum. Es folgte eine Ausstellung mit Raumszenarien und Möbelprototypen. Auf dem Campus gibt es übrigens seit mehr als 20 Jahren tatsächlich ein „Citizen Office“, dort arbeitet unter anderen das Team von Vitra Deutschland. Gestaltet wurde das „Open Space“-Büro von der britischen Architektin Sevil Peach. Sie versuchte nichts weniger als die Versöhnung der offenen Fläche mit den Bedürfnissen der Menschen nach Ruhe und Überschaubarkeit. Nora Fehlbaum ist sichtlich stolz, wenn sie erzählt, wie sie regelmäßig Kundinnen und Kunden durch die Räume in Weil führt. „Das ,Citizen Office‘ funktioniert immer noch. Vor 21 Jahren war es radikal. Heute können sich viele Unternehmen mit dem Konzept identifizieren.“

Doch die Pandemie dürfte die Arbeitswelt noch viel tiefgreifender verändern als der „Open Space“, denn sie stellt erstmals in der Geschichte das Büro als Ort der Arbeit infrage. Im Prinzip könnten Menschen in zahlreichen Berufen schon länger von überall aus arbeiten – ermöglicht durch mobile Endgeräte und die weltumspannende digitale Vernetzung. Aber tatsächlich tun es die meisten erst seit Frühjahr 2020, als das Coronavirus auf allen Kontinenten die Büroetagen leerfegte. Nicht anders bei Vitra. „Ich kann ganz offen sagen, dass wir vor der Pandemie das Homeoffice auch nicht besonders gefördert haben“, sagt Fehlbaum. „Schließlich glauben wir an unsere Arbeitsumgebung und an das physische Zusammenkommen.“ Wie viele andere Firmen habe man erst lernen müssen, mit der hybriden Arbeitswelt umzugehen.

Als erste Antwort entwickelte Vitra vier „Worktypes“, vier Arbeitstypen. Es gibt „Residents“, die ihre gesamte Arbeitszeit im Unternehmen verbringen. Das betrifft die Produktion, aber auch Teile der Verwaltung. „Enthusiasts“ sind in der Regel vier, „Citizens“ drei Tage in der Woche präsent. Und dann gibt es „Nomads" – diese Kollegen leben woanders, etwa in Dänemark oder Berlin, die erwartet keiner im Büro. Und damit die „Residents“, „Enthusiasts“ und „Citizens“ gerne wieder zurückkommen aus dem Homeoffice, gibt es in Birsfelden jetzt das „Club Office“. „Die Inspiration waren tatsächlich Klubs. Schachklubs, Ruderklubs, Fanklubs von Fußballvereinen“, sagt Fehlbaum beim Rundgang durch die Räume in der alten Shedhalle. Es habe sie fasziniert, dass Menschen in Klubs so viel Zeit und Energie für eine Sache aufwenden, einfach, weil sie dafür brennen. „Das wünscht man sich als Unternehmer doch auch. Dass die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter für das Unternehmen brennen.“


„Die Inspiration waren tatsächlich Klubs. Schachklubs, Ruderklubs, Fanklubs von Fußballvereinen.“
NORA FEHLBAUM

Nora Fehlbaum ist vor elf Jahren in das familieneigene Unternehmen eingestiegen, nach einem Master in Business Administration und Tätigkeiten in der Beratungsbranche – mehr gibt sie über ihre Biographie nicht preis. Zunächst leitete sie den Campus, danach wechselte sie in die Geschäftsführung. Ihr Onkel Rolf Fehlbaum, heute „Chairman Emeritus“, war über Jahrzehnte das Gesicht von Vitra, der Achtzigjährige steht für die Zusammenarbeit mit prominenten Architekten wie Gehry, Herzog & de Meuron, Zaha Hadid und SANAA aus Japan. Seine Möbelsammlung bildete Ende der achtziger Jahre den Grundstock für das Design Museum auf dem Campus. In der Entwicklung neuer Möbel war er mutiger Sparringspartner für Designer wie den Dänen Verner Panton, den Briten Jasper Morrison und später für Ronan und Erwan Bouroullec aus Paris. Fehlbaum führte Vitra zwar gemeinsam mit seinem Bruder Raymond, Nora Fehlbaums Vater, doch der hielt sich im Hintergrund.

„Chairman Emeritus“: Der 80 Jahre alte Rolf Fehlbaum war über Jahrzehnte das Gesicht von Vitra. Er steht vor allem auch für die Zusammenarbeit mit prominenten Architekten wie Gehry, Hadid sowie Herzog & de Meuron.
„Chairman Emeritus“: Der 80 Jahre alte Rolf Fehlbaum war über Jahrzehnte das Gesicht von Vitra. Er steht vor allem auch für die Zusammenarbeit mit prominenten Architekten wie Gehry, Hadid sowie Herzog & de Meuron. Bild: Vitra / Lars Petter Pettersen

Auch seine Tochter sucht nicht die Öffentlichkeit. Wenn sie überhaupt für Interviews zur Verfügung steht, werden sie akribisch vorbereitet. Fragen nach ihrer Familie oder ihren bisherigen Errungenschaften als CEO braucht man gar nicht erst zu stellen. Freundlich lächelnd geht sie dann zur nächsten Frage über. Nur wenn es um ihre Großmutter Erika Fehlbaum geht, ist sie auskunftsfreudiger.

„Dank ihr stand es nie zur Debatte, ob Vitra von einer Frau geführt werden kann.“ Sie sei schon in den fünfziger Jahren Vollblutunternehmerin und Mutter gewesen und habe das Unternehmen sehr geprägt, so die Geschäftsführerin. Gemeinsam mit ihrem Mann Willi machte Erika Fehlbaum aus einem kleinen Basler Ladenbaugeschäft einen internationalen Möbelhersteller. Sie war auch bei der legendären Amerikareise 1953 dabei, als sie in New York die Entwürfe der Designer Ray und Charles Eames für sich entdeckten. Die Fehlbaums erwarben die Rechte für den Vertrieb in Europa und legten damit den Grundstein des Erfolgs. Die bunten Kunststoff-Schalenstühle, der gediegene Lounge Chair oder die Möbel aus Sperrholz – Vitra ohne Eames, kaum vorstellbar.

Die Klassiker des Hauses, darunter der Schalensitz des Designer-Ehepaars Ray und Charles Eames
Die Klassiker des Hauses, darunter der Schalensitz des Designer-Ehepaars Ray und Charles Eames

Seit fünf Jahren nun führt Nora Fehlbaum, nach einem fließenden, mehrjährigen Generationswechsel. Neue Großbauten von prominenten Architektinnen und Architekten sind unter ihrer Regie in nächster Zeit nicht zu erwarten. Sammelleidenschaften wie ihr Onkel – Rolf Fehlbaum hat neben den Möbeln auch eine größere Zahl Blechroboter zusammengetragen – hat sie ebenfalls noch nicht entwickelt. Das heitere „Club Office“ aber macht ihr sichtlich Spaß. Gleich am Eingang gibt es eine Küche mit Bar und imposanter Siebträgermaschine. Zusammenstehen und Quatschen ist hier ausdrücklich erwünscht. „Das gehört zum Klub dazu.“ Daran schließen sich mehr oder weniger informelle Arbeitszonen an, möbliert mit Sofas und Sesseln. Einen langen Gemeinschaftstisch gibt es und einen „Library“ genannten Bereich, der mit transparenten Vorhängen abgeschirmt ist. Nebenan eine Sitztreppe für Schulungen oder Workshops, dazu kleinere Räume für Besprechungen. Das Klubbüro ist für spontane Treffen, zum Austauschen und Zusammenarbeiten im Team gedacht. Wer konzentriert eine Aufgabe erledigen will, einen Vertrag durchgehen oder den ganzen Tag telefonieren muss, bleibt heute eher zu Hause und spart sich den Weg, so die Überlegung. Ob das alles so funktioniert, wird jetzt im täglichen Betrieb getestet. „Ein entscheidender Moment“, so Fehlbaum. Die Pandemie habe den Wandel der Arbeitswelt rasant beschleunigt.

Wandel der Arbeitswelt: Das von Nora Fehlbaum initiierte „Club Office“ wird derzeit im täglichen Betrieb getestet. Es hat am Eingang eine Küche als Treffpunkt, dahinter informelle Arbeitszonen, zudem Sitztreppen für Schulungen oder Workshops und kleinere Räume für Besprechungen. Wer alleine und konzentriert eine Aufgabe erledigen will, bleibt heute eher zu Hause und spart sich den Weg ins Büro, so Fehlbaums Überlegung.

Nora Fehlbaums großes Anliegen ist die „environ-mental mission“, wie sie es nennt. „Jede Generation prägte das Unternehmen anders. Der zweiten Generation, meinem Vater und meinem Onkel, haben wir die kulturelle Dimension zu verdanken, wie die Gründung des Museums, den Vitra-Campus mit seiner Architektur.“ Die dritte Generation will verstärken, was ohnehin schon angelegt sei: Sorge zu tragen für unsere Umwelt. „Ich halte das für die wichtigste Aufgabe unserer Zeit.“

Tatsächlich kann Vitra in dieser Hinsicht schon manches vorweisen. So gewinnt man an den verschiedenen Standorten seit Jahren Energie durch Photovoltaik und Geothermie. Produkte und Materialien stammen zum überwiegenden Teil aus Europa, das meiste kommt aus Deutschland, vieles aus Italien. Die Entwicklungsabteilung arbeitet daran, den Anteil recycelter Werkstoffe zu erhöhen. Um die eigenen Produkte lange im Umlauf zu halten, gibt es mittlerweile drei „Circle Store“-Geschäfte in Offenbach sowie in Vororten von Amsterdam und Brüssel. Dort werden ausschließlich gebrauchte Vitra-Möbel angeboten, die das Unternehmen zuvor aufgekauft und überholt hat. Weitere Geschäfte sollen folgen. Mit einem Nachhaltigkeitsbericht legte Vitra vergangenes Jahr Rechenschaft über seine Aktivitäten ab, eine aktuelle Version ist in Arbeit.

Und dennoch: „Wir haben noch einen langen Weg vor uns“, sagt die Geschäftsführerin. Sie verspüre einen Druck, in einem Umfeld schnell zu kommunizieren, in dem es noch keine allgemeingültigen Regeln gebe. „Wir müssen einen kühlen Kopf bewahren und überlegen, was wirklich richtig ist“, so Fehlbaum weiter. „Denn was oberflächlich richtig erscheinen mag, hat vielleicht andere negative Konsequenzen. Wir müssen tief einsteigen und Probleme von Grund auf lösen, anstatt kurzfristig über das zu reden, was sich nur gut anhört. Walk, walk, walk, before you talk, ist unsere Devise.“


Alles im Guss Wie macht man eine Bronze?
Kongolesische Künstler Kunst für Kinshasa

Quelle: F.A.Z. Magazin

Veröffentlicht: 16.11.2021 08:21 Uhr