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Mode-Trends : Die Siebziger der Gegenwart

Harry Styles verkörpert die Siebziger der Gegenwart. Bild: EPA

Alles Neue findet seine Entsprechung im Alten. Doch was bedeutet das für die Mode? Kann sie Eigenes erschaffen? Oder wiederholen wir uns ewig?

          7 Min.

          Neulich Abend, ich sitze in der S-Bahn, mir gegenüber mein jüngeres Selbst. Das Mädchen, um die 14, blickt aus dem Fenster in den schwarzen Tunnel. Sie trägt eine Schlaghose mit einer mittig gesteppten Naht, tiefsitzend, sodass die Hüftknochen zu sehen sind. Ein Tanktop und darüber eine zugeknöpfte Denimweste. Nichts an diesem Outfit ist ironisch; zu neu für Vintage, zu normal für ein Kostüm. Nein, das ist ganz genau das, was ich getragen hatte, als ich 14 Jahre alt war. Zweierlei irritiert: Zum einen, dass dieses Mädchen 2006 vermutlich noch nicht geboren war. Zum anderen, dass sie als Nachgeborene genau das trägt, was ich in meiner Jugend getragen habe.

          Caroline O. Jebens
          Redakteurin im Ressort „Gesellschaft & Stil“.

          Ich stellte mir vor, als Teenager in die Zukunft zu reisen, um festzustellen, dass die Jugendlichen aussehen wie ich. War denn in dieser halben Generation gar nichts passiert? Warum hatte es keine modische Revolution gegeben? Oder sich ein allumfassender, epochenprägender Stil entwickelt? Ist die Mode schlichtweg in unendlichen nostalgischen Schleifen gefangen, die mit der Zeit immer kleiner gebunden werden? Und wie viel Abstand braucht es, um sich der Ikonographie einer anderen Zeit neu bedienen zu können?

          Jeder Einzelne ist besonders

          Ich betrachte ihren Y2K-Look. Die leicht gebleichte Schlaghose, die dunkle Weste, das als Oberteil getarnte Unterhemd. Genau genommen gehört das, was mein Gegenüber trägt, weder der heutigen noch meiner Jugend: Es gehört der Jugend der Siebzigerjahre. Die Siebzigerjahre, das Jahrzehnt also, in dem die Moderne ihren Höhepunkt erreichte. Nach den großen Kriegen hatte sich die Welt neu geordnet – gesellschaftlich, künstlerisch, technologisch. Was Ende der Sechziger aufgebrochen worden war, ergoss sich ins Folgejahrzehnt.

          1972 baute man das Centre Pompidou, ließ den TGV fahren und die Concorde fliegen. Frauen, Schwule, Lesben und Schwarze verlangten mehr Rechte und bekamen auch ein paar. In Vietnam wurde weitergekämpft, die Weltmächte drohten einander noch immer, die RAF terrorisierte, und die Neuen Rechten wurden lauter. Die Welt wurde kleiner, das Öl wurde knapper, das Klima wärmer. Und die Gesellschaft implodierte ästhetisch in lauter kleine Subkulturen. Sie versprachen jungen Menschen: Jeder Einzelne von euch ist besonders.

          Eine Ikone der Siebziger: Das „Starman“-Kostüm von David Bowies Alter Ego Ziggy Stardust
          Eine Ikone der Siebziger: Das „Starman“-Kostüm von David Bowies Alter Ego Ziggy Stardust : Bild: AFP

          Mittel des Ausdrucks der Besonderheit: Musik und Mode. Ziggy Stardust für Rock in Kansai Yamamoto; Liza Minnelli für Glamour in Halston; Roxy Music als Bohemian in Yves Saint Laurent; Sex Pistols als Punk in Vivienne Westwood; Blondie für New Wave in Stephen Sprouse. Vor allem die Designer in Frankreich und den Vereinigten Staaten installierten sich als Seismographen für die vibrierende Oberfläche der Popkultur und erfassten sie in ihren schönst möglichen Formen – um sogleich vom Mainstream überzeichnet und im eigentlichen Stoff der Epoche, Polyester, für die Masse abgetragen zu werden.

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