https://www.faz.net/-hrx-a188w

Handtasche trifft Zeitgeist : Wie eine günstige Tasche zur „Bushwick Birkin“ wurde

  • -Aktualisiert am

Begehrte Tasche: Backstage bei Telfar während der Mailänder Fashion Week im September 2019 Bild: Picture-Alliance

Die „Bushwick Birkin“-Tasche des New Yorker Labels Telfar erreicht gerade Kultstatus. Wie hat der liberianisch-amerikanische Designer hinter dem Label das geschafft?

          4 Min.

          „Nicht für dich, sondern für jeden“ – das ist das Motto des liberianisch-amerikanischen Designers Telfar Clemens und es bricht komplett mit dem Elitismus der Mode. Vielleicht ist es aber ausgerechnet dieses Markenzeichen extremer Normalität, mit dem sein gleichnamiges Label Telfar nach gefühlt ewigem Nischendasein gerade Kultstatus erreicht. Die Shopping Bag der Marke ist jedenfalls so begehrt, dass sie als erste It-Bag der Generation Z gilt und permanent ausverkauft ist. In New York wird sie „Bushwick Birkin“ genannt, eine Kombination des Stadtteil, aus dem sie kommt, und dem Namen der Luxustasche von Hermès, die man erst nach Jahren auf einer Warteliste kaufen kann.

          Dabei wirkt sie mit ihrem pragmatischen Design aus Kasten und Henkeln erst einmal unscheinbar. Die drei Standardgrößen der Tasche sind quasi von den Maßen der braunen Papiereinkaufstüten von Bloomingdales abgekupfert, nur eben aus veganem Leder in allen Regenbogenfarben. Es ist das geprägte Logo, das aus der Tasche hervorsticht und zu einem Code für junge Amerikaner der Kunst- und Kreativszene geworden ist, die sich als queer, bunt und liberal identifizieren.

          In unterschiedlichen Farben mit großem Logo: Die Bushwick Birkin ist nicht nur auffällig, für eine Designertasche ist sie obendrein auch erschwinglich.
          In unterschiedlichen Farben mit großem Logo: Die Bushwick Birkin ist nicht nur auffällig, für eine Designertasche ist sie obendrein auch erschwinglich. : Bild: Picture-Alliance

          Und es ist das Logo, das ein bisschen von Clemens eigener Geschichte erzählt, die die Authentizität des Labels trägt. Clemens wurde in Queens geboren, verbrachte aber die ersten Jahre seines Lebens in Liberia, weil seine Eltern nach dem Studium in ihre Heimat zurückkehrten, um Aufbauarbeit zu leisten. Erst der Bürgerkrieg brachte die Familie wieder in die Vereinigten Staaten. Weil er aber einen liberianischen Akzent hatte, wurde Clemens in die Förderklasse gesteckt, wo der Lehrer in der ersten Stunde als Übung die Initialen der Schüler an die Tafel malte. Das große C mit dem eingeschlossen T markierte die ersten Schritte zurück in Amerika und wurde zum Markenzeichen des Designers. Und das lange vor dem Hype. Angefangen hat Telfar Clemens nämlich bereits 2004, als er noch Buchhaltung an der Pace University studierte. In seiner Freizeit inspizierte er die heruntergesetzte Luxusware im Discount-Kaufhaus Century 21 und handelte mit Vintage-Kleidung. Übergroße T-Shirts waren der Trend der Zeit, und Clemens kaufte sie im Fünferpack, um sie auseinander zu schneiden und wie amorphe Skulpturen wieder zusammenzunähen. Seine Dekonstruktion des Mainstream-Guts kam so gut an, dass der Vice Store die neuen T-Shirts direkt kaufte. Die paar hundert Dollar, die er dafür bekam, wurden zum Startkapital seines Labels.

          In den ersten Jahren finanzierte Clemens sein Label noch mit DJ-Gigs und fuhr seine Kollektionen im Rucksack mit dem Fahrrad zu den Kunden aus. Clemens war und ist noch immer selbst Teil einer queeren Subkultur von BIPOC (Black, Indigenous and People of Color) um die GHE20G0TH1K-Musikszene und Künstler wie Wu Tsang & Boychild, Ryan Trecartin oder dem DIS-Kollektiv. Weil er vor allem für sich und seine Freunde entwarf, etablierte sich seine Unisex-Kleidung aus dekonstruierten Basics schnell in seiner eigenen Community, und über Stadtgeflüster auch bei prominenten Fans wie Kelela und Solange.

          Geheimtipp der New Yorker Modewoche

          Seine Schauen, die wie kleinen Musikfestivals waren, galten lange als der angesagte Geheimtipp der New Yorker Modewoche, über den aber trotzdem kaum ein Magazin schrieb. Das änderte sich, als Clemens das nach seinem Vornamen benannte Label 2014 gemeinsam mit dem Kreativdirektor Babak Radboy unter „Extremely Normal™“ neu lancierte und damals auch zum ersten Mal die Shopping Bag, ursprünglich nur als Accessoire für die Show, präsentierte. Er begann Kollaborationen mit Ottonormal-Marken außerhalb der Mode, die er selbst konsumierte, darunter die Discount-Handelskette Kmart, Budweiser Beer oder die Fast Food-Kette White Castle. Gleichzeitig arbeitete er mit Institutionen wie der Serpentine Gallery und der Berlin Biennale zusammen. Ein Tanz zwischen den Polen, zwischen banalen Alltagsgegenständen und Hochkultur, der Clemens eigenen Lebensstil ausmacht.

          Aufgewachsen in Brooklyn: Designer Telfar Clemens während einer Hoteleröffnung in New York im März 2019
          Aufgewachsen in Brooklyn: Designer Telfar Clemens während einer Hoteleröffnung in New York im März 2019 : Bild: Picture-Alliance

          Als er 2017 mit dem Vogue/CFDA Fashion Fund Award das erste Mal echte Mainstream-Anerkennung bekam, investierte er den Großteil des Preisgeldes von 400.000 Dollar in die Produktion und den Vertrieb der Tasche - mit durchschlagendem Erfolg. Die Telfar Bag wurde zum Verkaufsschlager, der aus dem Nischenlabel ein kleines Unternehmen mit einem halben Dutzend Mitarbeitern machte, das im vergangenen Jahr zum ersten Mal einen niedrigen Millionenumsatz erreichte. Seinen Grundsätzen will er auch jetzt treu bleiben. „Wir machen die Kleidung in erster Linie für uns selbst. Es geht nicht um Neid und künstliche Verknappung, wir bepreisen sie so, dass sich die Leute das leisten können, und wir fangen mit „normalen“ Klamotten an, die dann einfach verdreht werden“, sagt Clemens. Genau dafür steht die Telfar Bag, die mit einem Einstiegspreis von 135 Euro dem Honorar entspricht, das ein DJ realistisch an einem Abend verdienen könnte. Sie ist das Gegenteil von exklusiv, und trotzdem nicht billig. Sie trägt die Authentizität ihres Schöpfers, die sich keine große Markenkampagne je kaufen könnte. Denn das, wonach die Mode derzeit so laut schreit, nämlich Inklusion, hat Telfar Clemens, in seiner Arbeitsweise und seinem Label schon längst verinnerlicht. Er hat die Preise von Anfang an zugänglich kalkuliert und kommuniziert über seine Community. Wenn Fans die das Label auf Instagram taggen, werden sie auf dem Account des Labels gezeigt. Mehr Austausch geht kaum.

          Als vergangene Woche eine bereits Anfang des Jahres angekündigte Zusammenarbeit mit Gap, wohl zugunsten einer zehnjährigen Kollaboration mit dem bekannteren Label Yeezy abgesagt wurde, hat er sich hinter dessen Inhaber Kanye West gestellt. Statt sich gegen einen anderen Künstler ausspielen zu lassen, stellte Telfar Clemens das System infrage. „Wir sind damit aufgewachsen, auf das Konstrukt der Shopping Mall zu schauen und wollten Teil davon werden, nun haben wir realisiert, das wir das nicht sollten“, sagte sein Kreativdirektor Babak Radboy der New York Times in Zusammenhang mit den jüngsten Ereignissen.

          Gap, der größte amerikanische Bekleidungshersteller, war auch schon vor der Pandemie in der Krise. Das System der Mode, so wie es bisher existierte, wird nicht erst seit den wirtschaftlichen Herausforderungen der Pandemie infrage gestellt. Das Label Telfar hingegen, das abseits des Systems herangewachsen ist, ist begehrter als je zuvor. Als es Ende Juni die erste Lieferung einiger hundert Taschen nach dem Lockdown gab, war sie innerhalb von zehn Minuten ausverkauft. Telfar Clemens mag vielleicht nicht mehr Teil des Systems sein, aber es scheint, dass dafür umso mehr Menschen Teil seiner Community werden wollen. Denn in Zeiten, in denen sich die Fronten auf sozialen und nationalen Ebenen verhärten, ist vielleicht radikale Zugänglichkeit die beste Botschaft überhaupt.

          Weitere Themen

          Ein Sneaker als Wertanlage

          Nike Air Jordan 4 : Ein Sneaker als Wertanlage

          Virgil Abloh kooperiert mit Nike: Eine Legende der Sneaker-Geschichte kommt in der Off-White-Version zurück. Es war das erste Jordan-Modell, das auf der ganzen Welt vertrieben wurde. Die Kolumne Sneak around.

          Eine Nacht voll Tinder

          Beziehungskolumne : Eine Nacht voll Tinder

          Ein Tinder-Match – und worüber chattet man dann? Mit der „Swipe Night“ will die App ersten Gesprächsstoff liefern. Aber wie „tindert“ es sich während des Weltuntergangs? Unsere Autorin hat es ausprobiert.

          Topmeldungen

          Roland Tichy (l.) übergibt in seiner Funktion als Vorsitzender der Ludwig-Erhard-Stiftung am 20. September 2016 Altkanzler Gerhard Schröder den Ludwig-Erhard-Preis.

          F.A.Z. exklusiv : Tichy gibt Vorsitz der Ludwig-Erhard-Stiftung ab

          Der Publizist Roland Tichy stellt sich im Oktober nicht mehr zur Wiederwahl und wird somit die Leitung der Ludwig-Erhard-Stiftung abgeben. Er war heftig in die Kritik geraten, nachdem in seiner Publikation „Tichys Einblick“ ein Artikel erschienen war, den viele Leser als frauenfeindlich betrachten.
          Joshua Wong im Oktober 2019 bei einem Pressestatement in Hongkong

          Kampf um Hongkong : Aktivist Joshua Wong wieder frei

          Der Demokratieaktivist Joshua Wong ist am Donnerstag unter willkürlichen Vorwürfen festgenommen worden. Nach einigen Stunden setzte ihn die Polizei wieder auf freien Fuß. Die Maßnahme sollte offenbar der Einschüchterung Wongs und seiner Mitstreiter dienen.
          Maske auf! Clemens Wendtner rät zum Mund-Nasen-Schutz.

          Infektiologe Clemens Wendtner : „Die zweite Welle ist da“

          Chefarzt Clemens Wendtner hat im Januar in München die ersten Corona-Patienten in Deutschland behandelt. Im Interview spricht er über Laxheit, Lüftungsanlagen – und warum die Jugend für die Eindämmung der Pandemie so wichtig ist.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.