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Handtasche trifft Zeitgeist : Wie eine günstige Tasche zur „Bushwick Birkin“ wurde

  • -Aktualisiert am

Geheimtipp der New Yorker Modewoche

Seine Schauen, die wie kleinen Musikfestivals waren, galten lange als der angesagte Geheimtipp der New Yorker Modewoche, über den aber trotzdem kaum ein Magazin schrieb. Das änderte sich, als Clemens das nach seinem Vornamen benannte Label 2014 gemeinsam mit dem Kreativdirektor Babak Radboy unter „Extremely Normal™“ neu lancierte und damals auch zum ersten Mal die Shopping Bag, ursprünglich nur als Accessoire für die Show, präsentierte. Er begann Kollaborationen mit Ottonormal-Marken außerhalb der Mode, die er selbst konsumierte, darunter die Discount-Handelskette Kmart, Budweiser Beer oder die Fast Food-Kette White Castle. Gleichzeitig arbeitete er mit Institutionen wie der Serpentine Gallery und der Berlin Biennale zusammen. Ein Tanz zwischen den Polen, zwischen banalen Alltagsgegenständen und Hochkultur, der Clemens eigenen Lebensstil ausmacht.

Aufgewachsen in Brooklyn: Designer Telfar Clemens während einer Hoteleröffnung in New York im März 2019
Aufgewachsen in Brooklyn: Designer Telfar Clemens während einer Hoteleröffnung in New York im März 2019 : Bild: Picture-Alliance

Als er 2017 mit dem Vogue/CFDA Fashion Fund Award das erste Mal echte Mainstream-Anerkennung bekam, investierte er den Großteil des Preisgeldes von 400.000 Dollar in die Produktion und den Vertrieb der Tasche - mit durchschlagendem Erfolg. Die Telfar Bag wurde zum Verkaufsschlager, der aus dem Nischenlabel ein kleines Unternehmen mit einem halben Dutzend Mitarbeitern machte, das im vergangenen Jahr zum ersten Mal einen niedrigen Millionenumsatz erreichte. Seinen Grundsätzen will er auch jetzt treu bleiben. „Wir machen die Kleidung in erster Linie für uns selbst. Es geht nicht um Neid und künstliche Verknappung, wir bepreisen sie so, dass sich die Leute das leisten können, und wir fangen mit „normalen“ Klamotten an, die dann einfach verdreht werden“, sagt Clemens. Genau dafür steht die Telfar Bag, die mit einem Einstiegspreis von 135 Euro dem Honorar entspricht, das ein DJ realistisch an einem Abend verdienen könnte. Sie ist das Gegenteil von exklusiv, und trotzdem nicht billig. Sie trägt die Authentizität ihres Schöpfers, die sich keine große Markenkampagne je kaufen könnte. Denn das, wonach die Mode derzeit so laut schreit, nämlich Inklusion, hat Telfar Clemens, in seiner Arbeitsweise und seinem Label schon längst verinnerlicht. Er hat die Preise von Anfang an zugänglich kalkuliert und kommuniziert über seine Community. Wenn Fans die das Label auf Instagram taggen, werden sie auf dem Account des Labels gezeigt. Mehr Austausch geht kaum.

Als vergangene Woche eine bereits Anfang des Jahres angekündigte Zusammenarbeit mit Gap, wohl zugunsten einer zehnjährigen Kollaboration mit dem bekannteren Label Yeezy abgesagt wurde, hat er sich hinter dessen Inhaber Kanye West gestellt. Statt sich gegen einen anderen Künstler ausspielen zu lassen, stellte Telfar Clemens das System infrage. „Wir sind damit aufgewachsen, auf das Konstrukt der Shopping Mall zu schauen und wollten Teil davon werden, nun haben wir realisiert, das wir das nicht sollten“, sagte sein Kreativdirektor Babak Radboy der New York Times in Zusammenhang mit den jüngsten Ereignissen.

Gap, der größte amerikanische Bekleidungshersteller, war auch schon vor der Pandemie in der Krise. Das System der Mode, so wie es bisher existierte, wird nicht erst seit den wirtschaftlichen Herausforderungen der Pandemie infrage gestellt. Das Label Telfar hingegen, das abseits des Systems herangewachsen ist, ist begehrter als je zuvor. Als es Ende Juni die erste Lieferung einiger hundert Taschen nach dem Lockdown gab, war sie innerhalb von zehn Minuten ausverkauft. Telfar Clemens mag vielleicht nicht mehr Teil des Systems sein, aber es scheint, dass dafür umso mehr Menschen Teil seiner Community werden wollen. Denn in Zeiten, in denen sich die Fronten auf sozialen und nationalen Ebenen verhärten, ist vielleicht radikale Zugänglichkeit die beste Botschaft überhaupt.

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