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Digitalisierung der Mode : Wie die Umkleidekabine der Zukunft aussieht

  • -Aktualisiert am

„Alle scheuen die Kosten, warten ab und schauen“

Bei der Frage lächelt Peer Hohn müde. Er versteht es selbst nicht, dann schiebt er nach einer langen Pause nach: „Niemand möchte der Erste sein. Alle scheuen die Kosten, warten ab und schauen, wie es sich entwickelt.“ Ob Smart Mirrors, elektronische Verkaufsassistenten oder virtuelles Fitting – die technologischen Errungenschaften rund um die Umkleidekabine klingen beeindruckend: Kunden können Touchscreen berühren, sich direkt auf der Ladenfläche sogar vor einen Spiegel stellen und dann das Spiegelbild das T-Shirt anprobieren lassen. Sie können auch abschließend mit ihrem Smartphone bezahlen. In den Ohren von Händlern klingen solche Ideen aber vor allem: teuer. 200 Euro pro smarter Umkleidekabine im Monat kalkuliert Phizzard. Dafür muss man erst mal ein paar T-Shirts zusätzlich verkaufen. „80 Prozent der Kunden verlassen den Laden, ohne etwas zu kaufen. Über Umfragen haben wir herausgefunden, dass dies in der Regel daran liegt, dass die Kunden nicht das finden, was sie suchen. Deshalb ist es so wichtig, hier die Conversion Rate, also die Kaufrate, zu steigern“, entgegnet Hohn.

Die Umkleidekabine der Zukunft ist ein gutes Beispiel für die gegenwärtigen Strukturprobleme des stationären Handels. Auch sie ist Teil der Digitalisierung, die viele Branchen und Geschäftsführer aktuell umtreibt. Bevor ein Geschäft seinen Warenbestand den Kunden transparent machen kann – zum Beispiel, welche Größen und Farben eines T-Shirts noch in der Filiale liegen –, müsste es diesen selbst kennen. „Sie glauben gar nicht, wie viele Modehändler hier nicht wissen, was sie im Bestand einer Filiale haben“, berichtet Produktmanager Andrej Kabachnik vom Unternehmen Salt Solutions, das ebenfalls an smarten Lösungen für die Umkleidekabine arbeitet. Seine Erfindung namens „alexa ePOS“ soll die Verkaufskanäle Online- und Off-line-Handel verschmelzen. Für den Kunden heißt das: Die Vorteile des Online-Shoppings könnten auf die Fläche kommen. Die Umkleidekabine funktioniert nicht nur mit Touchscreen, sondern obendrein mit einem „Outfit-Generator“, der zum Beispiel zur Inspiration zeigt, welches Outfit mit den vorhandenen Kleidungsstücken zusammenstellbar wäre. So wie es Kunden zum Beispiel auf der Website des Luxus-Onlineshops Net-a-Porter erleben, sobald sie auf ein Produkt klicken.

Auch das Smartphone kommt zum Einsatz

Auch das Smartphone, das so viele Menschen selbstverständlich dabeihaben und das sie, selbst wenn sie eigentlich mit dem Aussuchen neuer Ware beim Einkaufen beschäftigt sind, oft nicht mehr aus der Hand nehmen, könnte zum Einsatz kommen. Nach der analogen Anprobe einfach die Stücke in den digitalen Warenkorb auf das Handy übertragen, mitnehmen und zu Hause vom Sofa aus mit etwas Abstand und klarem Kopf entscheiden.

Doch die smarte Umkleidekabine vermag noch mehr zu leisten: Sie könnte Kunden mittels Kamera vermessen oder ein Foto vom Outfit für den eigenen Instagram-Account machen. Könnte! Denn gerade bei deutschen Kunden hat Andrej Kabachnik hier schon entsprechende Skepsis bemerkt. Die wenigsten fühlten sich in ihrem Körper so wohl, dass sie sich im schonungslosen Neonlicht einer Umkleidekabine fotografieren lassen möchten. Viele Kunden sorgten sich überdies bereits um ihre Bezahldaten im Internet – was wäre dann erst, wenn auch die Körpermaße kursieren könnten?

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