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Designermarke „Tobias Grau“ : Ins Licht

Timon (links) und Melchior Grau mit zwei Modellen ihrer Leuchte Parrot im Atelier der Städelschule in Frankfurt Bild: Frank Röth

Timon und Melchior Grau studieren Kunst. Die erste Leuchte, die sie für ihren Vater Tobias Grau entworfen haben, ist eine minimalistische Skulptur.

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          Ein weißer leerer Raum. In ihm zwei junge Männer, der eine mit grüner Hose und weißem Pullover, der andere mit violetter Hose und gelbem Pullover. Die Männer sind ständig in Bewegung, laufen hin und her, ohne sich weiter zu beachten. Eine vorgegebene Choreographie gibt es nicht, ihr Weg bleibt dem Zufall überlassen.

          Peter-Philipp Schmitt
          Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Der fensterlose Raum ist Szenerie, das Geschehen Kunst. „Time is only movement“ haben Timon und Melchior Grau ihre erste Einzelausstellung genannt, mit „Ready-Made-Charakter“, wie sie sagen. In ihr spielten sie Ende 2016 in der Athener Galerie Super zwei Wochen lang die Hauptrollen. Jeweils vier Stunden gingen sie auf und ab und wurden für ihre Zuschauer zu wandelnden Porträts. Für die Brüder waren es zwei anstrengende Wochen, in denen sie kaum Gelegenheit hatten, miteinander zu sprechen. Am Ende aber entstand eine Idee. Sie wurde, wie so oft bei den beiden, aus einem Dialog heraus geboren: die Leuchte Parrot.

          „Sie ist ein mobiles Lichtobjekt“, sagt Melchior Grau und geht mit der kabellosen Leuchte in der Hand ein paar Schritte durch den Raum. „Sie soll sich in der Architektur bewegen.“ Genauso wie sie es während ihrer Performance taten. Parrot ist dem menschlichen Körper nachempfunden, hat einen runden Kopf und einen langen schmalen Körper. Die Aluminiumstange ist höhenverstellbar, der Kopf lässt sich um 30 Grad neigen und um 310 Grad drehen, das Licht dimmen.

          Eltern sind offen für Ideen

          Je nach Höhe, Position und Lichtintensität verändert sich der Raum, in dem sie sich bewegt, genauer: bewegt wird. Parrot hat leistungsstarke Akkus und ist ortsungebunden. Man kann sie überall hin mitnehmen. Wichtig waren den beiden Entwerfern auch die Farben, „die an Assoziationen mit natürlichem Licht anknüpfen“: Es gibt sie in Blau wie das Licht am Morgen, in Orange wie das Licht bei Sonnenuntergang, in Weiß (für den lichten Tag) und in Schwarz (die dunkle Nacht).

          Designer-Duo: Tobias und Franziska Grau
          Designer-Duo: Tobias und Franziska Grau : Bild: Frank Röth

          Parrot ist ihre erste Arbeit für Tobias Grau, die Marke, die ihr Vater vor mehr als 30 Jahren in Hamburg gegründet hat. Tobias Grau selbst ist 62, ans Aufhören denkt er nicht. Dennoch ist die Zusammenarbeit mit seinen ältesten Söhnen eine Zäsur für das von ihm und seiner Frau Franziska geführte Unternehmen. Denn Timon und Melchior Grau haben nicht nur eine erste Leuchte entworfen, sie haben als Art-Direktoren auch jede Menge neuer Ideen für den Familienbetrieb. Vergangenes Jahr schon führte Tobias Grau ein neues Logo und ein neues Brand Design ein. Auch an den Ausstellungskonzepten arbeiten Grau junior und Grau junior seit Monaten.

          Bei der Nachfolgefrage ist sich das Brüder-Duo, Timon Grau wurde im März 1990, Melchior Grau im Dezember 1991 geboren, ausnahmsweise nicht so recht einig. Während der Jüngere findet, dafür sei es noch etwas früh, hat für den älteren Bruder der Übergang schon begonnen. „Wir arbeiten an der Marke Tobias Grau“, sagt Timon Grau. Die Marke befinde sich in einer „spannenden Phase“, und die Eltern stünden neuen Einflüssen auch positiv gegenüber. „Tobias Grau ist in Bewegung.“

          Interesse am menschlichen Gesicht

          Klar ist aber auch, dass sie noch drei weitere Semester Kunst studieren werden, momentan bei dem niederländischen Künstler Willem de Rooij, der ihr Professor an der Städelschule in Frankfurt ist. Dort stellen sie derzeit ihre Arbeiten aus. In einem weißen, fast leeren Raum stehen zwei ihrer Leuchten. An der Wand hängt ein gerahmtes Bild, auf weißem Papier steht ein englischer Text: „I take I dream I fear I go I laugh and see I come and think I love I die I care I dance“, lauten die ersten zwei von fünf Liedzeilen ihres „Pirate's Who's Who“. Damit geben sie den zwei entpersonalisierten Figuren im Raum, der blauen und weißen Parrot, eine Stimme. Im übertragenen Sinne.

          Als Künstler interessieren sie sich für das Bild des Menschen in unserer Zeit, für die Beziehung zwischen einem Subjekt, das sieht, und einem Objekt, das angeschaut wird. „Unser Verhältnis zu Objekten verändert sich“, sagt Timon Grau. „Es wird persönlicher.“ Man denke nur an den Computer oder das Smartphone. Zugleich tritt das Individuum dahinter zurück, tausendfach tauchen die immer selben Bilder von durchaus verschiedenen Personen in sozialen Medien auf. Was macht das mit uns? Wie sehen wir uns? Timon und Melchior Grau, die sich als Künstler-Duo Grau01 nennen, fasziniert vor allem das menschliche Gesicht.

          In einer Serie von Bildern, „Person“ genannt, haben sie Gesichtsfragmente, die kein Individuum, aber doch einen Ausdruck erkennen lassen, digitalisiert und dann mit Acrylfarbe und Tinte auf Leinwand übertragen. Ein anderes Kunstprojekt heißt „Copyshop Rembrandt“. Der niederländische Maler hat in 40 Jahren mehr als 80 Selbstporträts angefertigt. Grau01 stellten Fotokopien dieser frühen Selfies in der Quergalerie ihrer Kunsthochschule aus, der Universität der Künste (UdK) in BerlinCharlottenburg.

          Großer Auftritt in Mailand

          Als sie vor acht Jahren von Hamburg nach Berlin gingen, Melchior damals direkt nach dem Abitur, hatten sie nicht das Ziel, Künstler zu werden. Es ergab sich. Kreativ waren die Geschwister Grau schon als Kinder: Die jüngere Schwester Pia studiert Modedesign in Berlin, der noch jüngere Bruder Elias Kommunikationsdesign in New York. Wie zuvor schon malten die älteren Brüder auch in Berlin weiter, erstmals aber nun gemeinsam. Die beiden leben in ihrem Studio zusammen. Vor dreieinhalb Jahren begannen sie dann, Kunst an der UdK zu studieren. Doch das bedeutet nicht, dass sie am Ende Künstler werden. Überhaupt mögen sie dieses Kategorisieren nicht. Sie wollen Offenheit, das jeweilige Dazwischen. Sie denken interdisziplinär, darum schätzen sie ihren Professor Willem de Rooij, der mit unterschiedlichsten Medien arbeitet: Film, Fotografie, Mode, Malerei, Skulptur, Installation.

          Ob sie ein Duo bleiben, wird sich zeigen. Ob sie das Erfolgs-Duo Tobias und Franziska Grau einmal beerben werden auch. Bei den Eltern hat jeder seinen Platz im Unternehmen: Tobias Grau wurde nach seinem Betriebswirtschaftsstudium in München als Autodidakt zum Lichtdesigner, Franziska Grau, acht Jahre jünger als ihr Mann, ist gelernte Diplom-Kauffrau und kümmert sich um kaufmännische Belange. Gemeinsam führen sie seit 1992 die Marke Tobias Grau, die 1987 ihre erste Leuchtenkollektion auf der Kölner Möbelmesse präsentierte. Vor 21 Jahren zog das Unternehmen von Altona nach Rellingen (Kreis Pinneberg) und damit vor die Tore Hamburgs – in einen Firmensitz, den der Architekt Hadi Teherani entwarf.

          Leuchte Parrot für Tobias Grau
          Leuchte Parrot für Tobias Grau : Bild: Hersteller: Tobias Grau

          Dorthin pendeln Timon und Melchior Grau beinahe wöchentlich – von Berlin und Frankfurt. Sie planen den Auftritt von Tobias Grau auf der Lichtmesse Euroluce, die Teil des diesjährigen Salone del Mobile in Mailand im April ist. Für sie ist die Möbelmesse, die sie schon mehrfach besucht haben, ein eigenartiger Ort, „aufgeladen und hochkommerziell zugleich“, wie Melchior Grau sagt. „Wir versuchen gerade zu verstehen, wie wir damit umgehen wollen.“

          Sie haben gut 250 Quadratmeter Messefläche zur Verfügung. Beide genießen die Kooperation mit anderen Künstlern, bringen Texter, Grafiker und Fotografen zusammen, selbst die Outfits am Stand sollen einheitlich sein. „Wir planen verschiedene größere Installationen.“ Gezeigt werden die acht Neuheiten der Home-Kollektion, die wie stets fast ausschließlich vom Vater entworfen worden sind. Mit einer Ausnahme: der Leuchte Parrot. Ihr dürfte in Mailand die Hauptrolle vorbehalten sein.

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