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Besonders gut hat Veronica Etro ihre Models gecastet. Bild: Reuters

Fashion Week Mailand : Veränderung ist ohnehin nötig

In Mailand fehlen viele wichtige Leute – doch die Modemacher zeigen, wie sich ihre Branche in der Pandemie zum Besseren verändern könnte.

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          Bei diesem Debüt fehlt vieles. Es gibt kein Gedränge vor dem Eingang. Keinen ohrenbetäubenden Bass und keine Lichteffekte zur Schau, deren Zusammenspiel immer einer schwachen Form von Massenhypnose gleichkommt. Man muss sich auch keine Mühe machen, anschließend zu der Designerin zu gelangen und ihr für O-Töne ein iPhone vors Gesicht zu halten.

          Jennifer Wiebking

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Aber dieses Debüt könnte gleich in zweierlei Hinsicht der Anfang von etwas Neuem sein. Der erste dieser zwei Anfänge ist schnell erzählt: Miuccia Prada, die über drei Jahrzehnte die Mode so stark geprägt hat wie keine andere Frau, arbeitet nicht mehr allein. Der belgische Designer Raf Simons, zu dessen früheren Stationen Calvin Klein, Dior und Jil Sander gehören, steht ihr von nun an zur Seite. Zusammen zeigen sie am Donnerstagnachmittag ihre erste Kollektion.

          Der zweite Anfang ist eng verknüpft mit den Bedingungen, die sich aus der Corona-Pandemie ergeben. Es ist September, der Schauen-Monat für Modeleute. Fashion Weeks in New York, London, Mailand und Paris hätten angestanden. Wenn Corona nicht auch diesen Rhythmus verändern würde. In Mailand hat man sich für ein Hybrid-Modell entschlossen. Viele Marken ziehen Liveschauen und -veranstaltungen mit bewundernswerter Disziplin durch, für jene Gäste, die kommen können. Eine eigentlich globale Branche mutet so seltsam lokal an. Denn viele fehlen. Allen voran Amerikaner und Asiaten, aber auch Franzosen und Condé-Nast-Mitarbeiter – und somit alle „Vogue“-Chefredakteurinnen. Für sie ist Mailand pandemiebedingt unerreichbar weit weg.

          Bilderstrecke
          Mailänder Modewoche : Ungewissheit aus gestrickter Kaschmirwolle

          An diesem Donnerstagnachmittag aber sind alle auf prada.com. Miuccia Prada und Raf Simons präsentieren nur digital, und zwar Mantelumhänge mit Schlitzen, um das Smartphone nicht nur zur Hand zu haben, sondern um es dort in bequemer Trage- und Tipp-Position zu lassen. Röcke mit aufgesetzten Nylontaschen, um die Hände als digitales Wesen frei zu haben. Regenmäntel mit Taschen.

          Man muss weiter vorne in den Modegeschichtsbüchern blättern, um ein Muster zu erkennen. Es war Miuccia Pradas Großvater, der 1913 am Mailänder Dom ein Geschäft für Lederwaren gründete. Und es war die Enkelin, die es Ende der Siebziger übernahm und Frauen fortan eine zukunftsweisende Uniform gab, in deren Zentrum stets die schlichte Nylontasche stand. Am Donnerstag im Netz geht es wieder um diese Nylontaschen, nur dass Prada und Simons sie auf die Kleidungsstücke applizieren. „Während des Lockdowns ist mir bewusst geworden, dass Technologie eine Verlängerung unserer selbst ist“, sagt Miuccia Prada in einer Fragestunde nach der Schau.

          „Es gibt zu viel Mode“

          Corona, das zeigt sich in diesen Tagen in Mailand, könnte der Mode einen überraschenden Schub geben. Monat neun der Pandemie – und man muss niemandem mehr erzählen, dass die veränderten Lebensumstände auch unser Verständnis von Bekleidung betreffen. Als Konsument kann man es – in Jogginghose – locker sehen. Die Designer und Manager haben eher Grund zur Nervosität, wegen der Umsatzeinbrüche, nachdem die Läden wochenlang geschlossen waren, da viele Menschen ganz andere Sorgen haben als den Zustand ihrer Herbstgarderobe.

          Aber es gibt auch eine andere Sichtweise: Veränderung ist ohnehin nötig, herbeigesehnt haben sie nicht zuletzt führende Modemacher, etwa Miuccia Prada. „Es gibt zu viel Mode“, sagte sie vor einem Jahr über die überhitzte Branche.

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