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Fashion Week in Mailand : Küsschen-Küsschen auf Abstand

Fast wie immer und doch anders: Mailänder Modenschau von Dolce & Gabbana. Bild: Reuters

Im Frühjahr war Mailand als Hauptstadt der Lombardei schwer betroffen von der Pandemie. Jetzt ist hier Fashion Week. Aber dieses Mal ist alles anders.

          4 Min.

          Und dann sitzt man am Mittwochabend bei Dolce&Gabbana auf bunten, weichen Kissen, und die Welt scheint für einen Moment in Ordnung. Es ertönt Streichmusik, die Cavalleria rusticana von Pietro Mascagni, jene sizilianische Oper, mit der ausnahmslos jede Modenschau von Dolce&Gabbana beginnt. Models ziehen vorbei in Kleidern mit Zitronenmotiven und mediterranem Kachelmuster. Mit Pünktchen- und Rosendrucken. Die Designer huldigen damit der Insel Sizilien, ihrem großen Sehnsuchtsort, an den sie in ihrer Arbeit so häufig zurückkehren.

          Jennifer Wiebking
          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Natürlich ist die Welt nicht in Ordnung, hier in Mailand am Viale Piave. Mit der bunt gemusterten Einladung hatte Dolce&Gabbana einen bunt gemusterten Mund-Nasen-Schutz geschickt. Am Eingang wurde Fieber gemessen. Und die Kissen dienen in erster Linie der deutlichen Markierung auf den Sitzbänken, damit zwischen den Plätzen genügend Sicherheitsabstand bleibt.

          In Mailand ist Modewoche, die Designer zeigen ihre Kollektionen für das kommende Frühjahr, so wie alle paar Monate. Aber dieses Mal ist alles anders. Hier, in der Hauptstadt der Lombardei, der Region, die vor wenigen Monaten besonders betroffen war von der Pandemie. Wo seitdem der Alltag mit außergewöhnlicher Disziplin begangen wird. Wo das Maskentragen an der frischen Luft sommers auch bei hohen Temperaturen eine Selbstverständlichkeit war und weiterhin ist. Wenn aus Asien und den Vereinigten Staaten dieses mal niemand kommt, dann sind da aber immer noch Gäste aus ganz Europa, die sich in diesen Tagen alle paar Stunden am selben Ort einfinden und nebeneinander sitzen.

          Bilder von überfüllten Intensivstationen und vielen Särgen

          Man kann das für Wahnsinn halten. Etwa, wenn man nach der Landung in Malpensa vor der verschlossenen Tür der Kaffeebar direkt neben dem Eingang zum Flughafen-Bahnhof steht und nach drinnen schaut, zu dem Tresen, hinter dem normalerweise Kellner stehen müssten, die laut „Buongiorno“ rufen. Stattdessen sind Kühlschränke und Boxen leer geräumt. Schon die Kaffeebar am Flughafen Malpensa zeugt von den apokalyptischen Zuständen, die über diese Region hereingebrochen sind, kurz nachdem hier übrigens zum letzten Mal Fashion Week war, Ende Februar.

          Die Menschen, die in der Mode arbeiten und in Mailand leben, reden in diesen Tagen noch häufig von der Woche damals, in der ein ungutes Gefühl immer stärker wurde, bis Giorgio Armani seine Schau am Sonntag dann überraschend ohne Gäste hinter verschlossenen Türen zeigte und daraufhin auch viele Mitarbeiter anderer Modeunternehmen von einem Moment auf den anderen nach Hause geschickt wurden. Wie es in den Tagen darauf still wurde in der Stadt und einzig die Sirenen der Krankenwagen zu hören waren. „Achtzigmal am Tag“, sagt eine. Wer an die Lombardei denkt, dem fallen seitdem auch diese Bilder ein von überfüllten Intensivstationen und den vielen Särgen, die auf Armeefahrzeugen abtransportiert wurden.

          Darf man ein paar Monate später von hier aus über Mode berichten? Etwa von einer Santoni-Schuhpräsentation, bei der der Designer Andrea Renieri Wert legt auf den Unterschied zwischen Orange, der Farbe der Santoni-Sohlen, und Ringelblume, der Farbe seiner Santoni-Schuhe für das nächste Frühjahr? Geht das überhaupt, die Mode, diese grundsätzlich distanzlose Küsschen-Küsschen-Gesellschaft, auf Abstand? Es bedeutet zunächst, dass man voreinander steht, der eine die Arme aufreißt, sich die Stimme hebt und nichts passiert. Keine Mimik, keine Nähe. „Hoffentlich bleibt alles so“, sagt eine italienische Modefrau am Donnerstagvormittag unter ihrer schwarzen Stoffmaske nach einer dieser seltsamen Begrüßungen. Dass es nicht wieder schlimmer wird mit den Infektionszahlen, meint sie damit.

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