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Design-Kollektiv Pentagon : Sie waren fünf

Höhepunkt ihres kometenhaften Aufstiegs war 1987 die Teilnahme an der Documenta 8 in Kassel. Das hatten sie maßgeblich dem damaligen Documenta-Beiratsmitglied Michael Erlhoff zu verdanken, dem späteren Gründungsdekan des Fachbereichs Design der FH Köln (heute Köln International School of Design). Für die Documenta entwarf Pentagon ein Café, das 100 Tage lang in einer ehemaligen Diskothek aufgebaut wurde. „Der Gastronom dort erklärte uns, dass sich unsere Idee nicht rechnen würde“, erzählt Meyer Voggenreiter. „Also haben wir es selbst betrieben. Ich war die Küchenhilfe.“ Tatsächlich war ihr „Café Casino“ wirtschaftlich eine Pleite, sie seien mit einem fünfstelligen Minusbetrag rausgegangen. Für ihren „Künstlertreff“ entwarfen die fünf allerdings auch das einzige Gemeinschaftswerk – den Zick-Zack-Stuhl d8. Alles andere wurde „umfirmiert", aus handelsüblichem Geschirr etwa wurde mittels Pentagon-Stempel ein „Pentagon-Geschirr“. Es war eine bewusste Provokation. 1991 nahm Pentagon ein letztes Mal an der Möbelmesse teil, mit einem leeren Stand. Es war ihr Protest gegen den Zweiten Golfkrieg. Kurz danach gingen sie getrennte Wege.

„Wir waren einfach zu blöde“, sagt Laubersheimer. „Wir hatten keine Ahnung, wie man mit unseren Objekten Geld verdient.“ An Interessenten herrschte eigentlich kein Mangel, nach ihrem ersten Messeauftritt hatten sie Aufträge über 200.000 Mark geschrieben. „Aber wir haben's nicht realisiert bekommen.“ Müller erinnert sich noch gut daran, wie sie 1989 Jasper Morrison begegneten, der damals gerade an einer Türklinke tüftelte. „Er sagte zu uns, wenn Franz Schneider Brakel den Entwurf übernimmt und herstellt, bekomme ich Royalties dafür. Wir wussten nicht einmal, was das ist.“ Der junge britische Designer, der am Anfang seiner Karriere stand, bekam nicht nur seine Lizenzgebühren, Morrisons Klinke FSB 1144 wird bis heute hergestellt und im MAKK auch von nächster Woche an mit einer eigenen Ausstellung geehrt.

„Wir haben nicht einmal unsere Objekte alle fotografiert“, sagt Meyer Voggenreiter. Dennoch hat Pentagon Spuren in der deutschen Designgeschichte hinterlassen, die zuvor fast nur vom Erbe des Bauhaus und durch die Hochschule für Gestaltung in Ulm geprägt war. Erst in den achtziger Jahren gab es eine radikale postmoderne Erneuerung im Design, auch in Deutschland und angeregt durch Bewegungen wie Alchimia und Memphis in Italien, wo Designer wie Michele de Lucchi und Ettore Sottsass die Funktionalität der Produkte genauso in Frage stellten wie das selbstherrliche Gebaren der Möbelindustrie.

Im MAKK lebt die Gruppe Pentagon 35 Jahre nach ihrer Gründung nun noch einmal neu auf. Sogar das „Café Casino“ der Documenta 8 wird für die Ausstellung im Museum nachgebaut. „Da kann ich meinen Studenten jetzt endlich beweisen“, sagt Wolfgang Laubersheimer, „wie cool ihr alter Professor einmal war.“

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