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Joost Siedhoff im Porträt : Mutter am Bauhaus

Spuren der Vergangenheit: Im Garten seines Hauses bei Potsdam blickt Joost Siedhoff auf eine der Wurfpuppen, die seine Mutter Alma Siedhoff-Buscher am Bauhaus gestaltete. Bild: Julia Zimmermann

Alma Siedhoff-Buscher hat Spielzeug für Kinder entworfen. Ihr Sohn, der 92 Jahre alte Schauspieler Joost Siedhoff, hält ihr Werk lebendig.

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          Die Wurfpuppe klemmt in der Sofaritze, aus der Joost Siedhoff sie sanft auf den Arm nimmt. Er zieht die Augenbrauen hoch, schmust mit ihr, hält sie an beiden Armen fest und lässt sie tanzen. Mit einem Mal wirft er sie zurück auf die Lehne, wo sie, den Kopf zur Seite geneigt, mit übereinandergeschlagenen Beinen liegen bleibt. Das Geschöpf aus Rundstrick, mit Holzkopf und wilden Basthaaren, ist bald 100 Jahre alt und eine der originalen Spielpuppen, die Alma Siedhoff-Buscher einst am Bauhaus für Kinder schuf.

          Stefan Locke

          Korrespondent für Sachsen und Thüringen mit Sitz in Dresden.

          Der Charme des Spielzeugs liegt bis heute in seiner Robustheit und in der schlaksigen Eleganz: Wirft man die Puppen in die Luft, nehmen sie immer eine andere Haltung ein. „Leider sind die Wurfpuppen nie in Serie gegangen“, sagt Joost Siedhoff. Eine Schweizer Firma, die bis heute das Kleine Schiffbauspiel herstellt, das seine Mutter entwarf, habe die Puppen einst zurückgegeben, weil sie nur teuer in Handarbeit herzustellen seien.

          Ins Vergessen geraten sollen sie trotzdem nicht – genauso wenig wie Alma Siedhoff-Buscher, die zu den prägenden Frauen am Bauhaus zählte und auf deren Biographie der Fernsehfilm „Lotte am Bauhaus“ zurückgriff. „Da war viel Fiktion dabei", sagt Joost Siedhoff, aber das sei in Ordnung so. Wie das Leben seiner Mutter wirklich war, davon erzählt er in Vorträgen mit Fotos, Briefen und persönlichen Anekdoten.

          Kürzlich war er in Nürnberg zur Eröffnung der Ausstellung „Bau Spiel Haus“ im Neuen Museum. Zu sehen sind dort auch das originale Kleine Schiffbauspiel sowie ein Nachbau des Kinderzimmers, das Alma Siedhoff-Buscher 1923 in Weimar für das Musterhaus Am Horn entworfen hat: die Wände in Kinderhöhe farbig und abwaschbar, ein Schrank, der auch Kasperltheater sein kann, Klötze zum Sitzen und Bauen, eine Bank, die ein Auto, und ein Stuhl, der eine Feuerleiter sein kann.

          Ein Foto zeigt, wie Joost Siedhoff und Karin Schlemmer, Tochter des Bauhaus-Malers Oskar Schlemmer, als Kinder in eben diesem Zimmer spielen. Gut 90 Jahre später lässt die Ausstellung Siedhoff für einen kurzen Film noch einmal in die Kinderwelt eintauchen: Er tapst zwischen Sitzklötzen hindurch, faltet Bastelbögen auf, spielt Theater mit den Wurfpuppen. In einem parallel laufenden Video liest er vor, was seine Mutter mit der Gestaltung intendiert hatte: „Kinder sollen, wenn irgend möglich, einen Raum haben, in dem sie das sein können, was sie wollen, in dem sie herrschen. Jedes Ding gehöre ihnen, ihre Phantasie gestaltet es, keine äußerliche Hemmung störe sie - das Mahnwort 'Laß sein'. Alles komme ihnen entgegen, die Form entsprechend ihrer Größe, der praktische Zweck hindere nicht die Spielmöglichkeiten. Lichte, bunte Farben steigern fröhliche, helle Stimmung." Am Ende sitzt Siedhoff still da, mit Tränen in den Augen.

          Arm aber glücklich

          Siedhoff ist vermutlich das letzte noch lebende „Bauhaus-Kind". „Gezeugt in Weimar, geboren in Dessau“, erläutert er dem Publikum in Nürnberg. Er habe die Zeit in Dessau als eine sehr glückliche in Erinnerung, vor allem das Spielen mit anderen Kindern. Seine Eltern lernten sich in Weimar kennen, wo Alma Buscher 1922 am Bauhaus angenommen wurde und wohin der Vater, der Schauspieler Werner Siedhoff, kurz darauf als Pantomime und Rezitator folgte. Fotos aus Dessau zeigen Joost mit Badeschwamm unter der Dusche und auf einem Marcel-Breuer-Stuhl auf der Terrasse, die Mutter in der Tür stehend, bereit einzugreifen, falls der Junge herunterfällt.

          Das Foto täusche, sagt Siedhoff. Die Familie sei, wie fast alle Bauhäusler, arm gewesen. Bei Besuchen gab es oft nur eine Tasse Tee, weiß er aus dem Tagebuch der Mutter. Zu viert lebten sie in einer kleinen Dachwohnung. Das von seiner Mutter entworfene Kinderzimmer, das die Firma Zeiss in Jena direkt für ihren Werkskindergarten erwarb, konnten sie sich nicht leisten. Dafür zimmerte Alma ihren Kindern zwei Sitzbänke und einen runden Tisch – er steht bis heute in Joost Siedhoffs Wohnzimmer. Alma war, erzählt ihr Sohn, die erste Künstlerin in der Familie. Der Vater, Reichsbahnbeamter und Vorsteher des Rangierbahnhofs Lichtenberg in Berlin, unterstützte sie nach Kräften, nachdem ihr Bruder Ernst am Anfang des Ersten Weltkriegs bei Langemarck gefallen war. „Großvater hat diesen Verlust nie verwunden", sagt Siedhoff. „Er legte großen Wert darauf, dass nun Alma eine optimale Ausbildung bekam.“ 1899 geboren, besuchte sie eine der besten Mädchenschulen, eine Hausfrauenschule und die private Reimann-Kunstschule in Berlin.

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