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Anne-Sophie Monrad arbeitet seit fast zehn Jahren als Model – und schrieb in der F.A.Z. über den Magerwahn. Bild: Helmut Fricke

Magerwahn bei Models : „Wenn du hungrig bist, bist du nicht schön“

Wer ist Schuld am Magerwahn der Models? Yannis Nikolaou, Inhaber einer Model-Agentur, spricht über Kritik an der Modebranche, falsche Vorbilder und Gesetze.

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          Herr Nikolaou, das Model Anne-Sophie Monrad hat von ihren Erfahrungen in der Modebranche berichtet: Sie musste zwölf Zentimeter Hüftumfang abnehmen, durfte nur 700 Kalorien am Tag essen und bekam trotzdem gesagt, sie sei zu dick. Sie betreiben die Agentur Place Models in Hamburg. Können Sie Monrads Kritik nachvollziehen?

          Julia Anton

          Redakteurin im Ressort Gesellschaft bei FAZ.NET

          Viele Mädchen sind untergewichtig, das ist wahr. Wenn so etwas passiert, was Anne-Sophie beschreibt, dass ein Mädchen mit 100 Zentimetern Hüftumfang zehn Zentimeter abnehmen soll, dann ist das fatal. Das ist gesund nicht möglich. Der Körper will nicht so dünn sein.

          Woher kommt dann der Magerwahn?

          Die Anforderungen der Designer für die Schauen sind klar: Ein Mädchen, das 1,76 Meter groß ist, darf nicht so viel Brust und einen Hüftumfang von höchstens 89 Zentimetern haben. In meinen 20 Jahren habe ich nur zwei, drei Mädchen gehabt, die von Natur aus so dünn waren. Wir sind als Agenturen zu 50 Prozent mit schuldig, weil wir den Kunden solche Mädchen liefern.

          Und die anderen 50 Prozent?

          Die liegen bei den Models. Die wollen unbedingt zu den Schauen und sehen dann: Die Models sind so dünn. Denen muss keiner sagen: Du musst abnehmen. Darauf kommen sie von ganz alleine.

          Also sagt keiner: Nimm ab?

          Nicht direkt. Aber die geben den Mädchen diese winzigen Klamotten zum Anprobieren. Die sind viel zu klein geschnitten. Das ist keine Kleidung für erwachsene Frauen, sondern für elf Jahre alte Mädchen. Und dann passen die superschlanken Models da nicht rein. Auf diese Weise vermittelt man ihnen dann das Gefühl, dass sie abnehmen müssen.

          Yannis Nikolaou ist seit 20 Jahren im Modelbusiness und betreibt die Agentur Place Models in Hamburg.

          Wie ist es bei Ihnen in der Agentur, wenn eine Frau kommt, die nicht die Maße für die Modenschauen hat?

          Erst mal: Maße alleine reichen da nicht. Man muss auch groß sein und diesen speziellen Look haben. Aber selbst wenn ich so ein Mädchen habe, die vielleicht einen Umfang von 94 Zentimetern hat, würde ich ihr nie sagen: Du bist zu dick. Dick ist ein hässliches Wort für so junge Frauen. Ich sage dann: Du bist nicht der Typ für Schauen, aber es gibt noch genug andere Jobs: Werbung, Kataloge, Beauty. Meistens nützt das jedoch nichts, die Mädchen wollen das unbedingt. Ein richtiges Topmodel wird nur, wer auf den großen Schauen läuft.

          Was machen Sie, wenn Sie mitbekommen, dass eines ihrer Models hungert?

          Wir erfahren das meist erst hinterher. Wenn ich ein Mädchen anspreche und sage: „Geht’s dir gut? Du siehst müde aus.“ Dann sagen die: „Nein, alles toll, mir geht’s super.“ Eine hat mir hinterher mal gesagt: „Ich habe fünf Tage lang nichts gegessen, aber der Erfolg hat mir Energie gegeben.“ Die sah so fertig aus. Also habe ich gesagt: „Ich möchte dich nicht mehr vertreten, wenn du nicht wieder zunimmst.“

          Kam das bei ihr an?

          Natürlich nicht. Ich habe dann in New York und Paris Kunden angerufen und gefragt: Wie können Sie die buchen, die ist doch ein Skelett? Wie geht so was?

          Und?

          Gar nichts. „We love her, she looks great, blabla.“ Ich meinte dann: „Die sieht nicht great aus, die sieht krank aus. Die ist krank.“

          Welchen Einfluss haben Sendungen wie „Germany’s Next Topmodel“?

          Tatsächlich gibt es bei Heidi Klum selten so super dürre Mädchen. Das würde gar nicht gehen, die muss ja ihre Show vollkriegen. Unter den Gewinnerinnen war erst einmal eine, die dünn genug für die Schauen war: Céline Bethmann. Viel schlimmer sind Stars wie Kaia Gerber, die Tochter von Cindy Crawford. Mit 18 Jahren war Cindy eine wunderschöne, gesunde Frau – eine Tonne im Vergleich zu ihrer Tochter. Die ist jetzt die Nummer eins und so dünn. Ein schlechtes Vorbild. Die jungen Mädchen sehen sie und denken: So muss ich auch sein.

          Was raten Sie jungen Models?

          Wenn du in diesem Job Erfolg haben willst, musst du schön sein. Und wenn du hungrig bist, bist du nicht schön, sondern grau und schlapp. Aber für diesen Job musst du fit und gut gelaunt sein. Wenn du nicht von Natur aus dünn genug für die Schauen bist, vergiss es. Mach kommerzielle Jobs. Dann reicht es, wenn man Sport macht und sich gesund ernährt. Leider sind die Mädchen zu 80 Prozent faul. Sie essen lieber fünf Tage nichts oder kotzen, das geht schneller und einfacher. Ich verstehe ehrlich gesagt nicht, warum Anne-Sophie das zehn Jahre lang mitgemacht hat. Denn natürlich: Es gibt Anforderungen. Aber wenn es nicht mehr gesund ist, muss man damit aufhören.

          Glauben Sie, dass sich die Branche irgendwann ändern wird?

          Nicht von alleine. In Spanien und Paris gibt es Gesetze, dass die Models nicht mehr so dünn sein dürfen. Also gehen die Mädchen mit Gewichten in den Taschen zum Arzt.

          Also völlig wirkungslos.

          Genau. Die Polizei sollte das durchsetzen und backstage gehen. Die müssen mit den Mädchen zu dem Arzt gehen, der sie für gesund erklärt hat, und sagen: „Dieses Mädchen wiegt zu wenig, sie hat nur 87 Zentimeter Hüftumfang. Sie sieht krank aus, ihre Haut und ihre Haare sind fahl, sie hat Augenringe. Wie können Sie als Arzt schreiben, sie ist gesund?“

          Fehlt so ein Gesetz in Deutschland?

          Nein, hier gibt’s ja nur die Fashion Week in Berlin. Überhaupt ist der deutsche Kunde total toll, hier werden nicht so dürre Mädchen erwartet. Bei 1,78 ist ein Hüftumfang von 92 bis 93 Zentimetern gängig. Ich bin froh, dass ich meine Agentur hier habe. Die Gesetze brauchen wir bei den großen Shows in London, New York, Paris und Mailand. Denn die Mädchen sind auch mit 94 Zentimetern Hüftumfang wunderschön und können Klamotten für schlanke Frauen tragen. Und welcher Mensch ist draußen so schlank wie diese Models auf den Laufstegen? Keiner.

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