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Rückkehr der weiten Hose : Ein Comeback für Marlene?

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Praktisch wie eine Hose, feminin wie ein Rock: Leila Yavari, Modechefin des Online-Shops Stylebop, in einer Culotte. Bild: Getty

Die Skinny-Jeans ist zur Uniform von pubertierenden Teenagern und jung gebliebenen Müttern geworden. Wenn es nach den Designern geht, soll jetzt die weite Hose zurückkehren. Die Frage ist, ob sie gegen die engen Modelle eine Chance hat.

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          Vor einigen Wochen musste eine Australierin in der Notaufnahme aus ihrer Skinny-Jeans herausgeschnitten werden. Ihre Röhrenhose war so eng, dass die Blutzufuhr zu den Wadenmuskeln abgeschnitten war. Die 35-Jährige hatte bei einem Umzug geholfen und dabei zu lange in der Hocke die Schränke ausgeräumt. Die Beine der Frau schwollen später am Abend derart an, dass sie stolperte, nicht mehr laufen konnte und – da sie allein in der Wohnung war – nur noch raus auf die Straße kriechen konnte. Dort sammelte ein Taxi sie auf und brachte die Frau in die nächstgelegene Klinik. Nach der Einlieferung hing sie vier Tage lang an einem Infusionsschlauch. Erst dann konnte die Australierin wieder richtig laufen.

          Eine grauenhafte Geschichte. Natürlich muss eine Jeans, die Nerven- und Muskelschäden verursacht, so eng sein, dass die wenigsten Leute sie überhaupt anziehen würden, geschweige denn zu einem Umzug. Und trotzdem, der Fall zeigt einmal mehr, was Menschen im Namen der Mode riskieren. Mit einer weiten Hose hätte die Frau jedenfalls keine Probleme gehabt. Sie wäre nicht nur bequemer beim Umzug dabei gewesen, sondern auch modisch ganz vorne – jetzt, da sich längst jeder an den Look von Beinen in engen Röhrenhosen gewöhnt hat und weite Modelle der nächste große Trend sein könnten.

          Hat die weite Hose überhaupt eine Chance?

          Zumindest die Modewelt entdeckt nämlich wieder den Reiz des weiten Hosenbeins, nachdem die Skinny seit Beginn der Jahrtausendwende den Look bestimmt hat. Die Frage ist nur: Hat die weite Hose im Vergleich zur superengen überhaupt eine Chance?

          Ein Blick auf die Laufstege, und man könnte diese Frage eigentlich schon mit Ja beantworten. Bereits vor einem Jahr propagierten Designer wie Céline, Dries van Noten und Stella McCartney die neue Hosen-Silhouette. Deren Kopien hängen längst bei Modefilialisten wie Zara, Mango oder Cos. Auch die Modestrecken der Hochglanzmagazine bejubeln jetzt das Comeback von weiten Hosen, deren Spektrum von der Schlaghose über die Marlene bis hin zur Culotte in Siebenachtel-Länge – einer Art Hosenrock – reicht.

          Weit und mit Blumenmuster: Grace Coddington, ehemaliges Model und Kreativdirektorin der amerikanischen „Vogue“, bei einer Gala in New York.
          Weit und mit Blumenmuster: Grace Coddington, ehemaliges Model und Kreativdirektorin der amerikanischen „Vogue“, bei einer Gala in New York. : Bild: Reuters

          Vielleicht liegt es an unseren wirtschaftlich und politisch unruhigen Zeiten, dass im Jahr 2015 plötzlich wieder Kleidungsstücke aus den Goldenen Zwanzigern und den rebellischen siebziger Jahren zum modischen Vorbild werden sollen. Die Schlaghose etwa steht wie kein anderes Bekleidungsstück für Freiheit und Anti-Establishment. Die Marlenehose hat ebenfalls eine bewegte Geschichte: Sie revolutionierte in den zwanziger Jahren das Frauenbild. In den Dreißigern schickte es sich dann, auf Schiffsreisen und in den Ferien an der See weite Hosen zu tragen. Marlene Dietrich und Katharine Hepburn verkörperten ein ungewohnt neues Selbstbewusstsein.

          Die Culotte - das Lieblingskleidungsstück von Coco Chanel

          Die Culotte, die Dritte im Bunde, steht ebenfalls symbolisch für die Requisite starker Frauen. Erstmals als Kniebundhose im 17. Jahrhundert aufgekommen, wurde sie zum Lieblingskleidungsstück von Coco Chanel. Mit ihrem verkürzten, weiten Bein ist sie praktisch wie eine Hose und feminin wie ein Rock.

          Vielleicht entspricht dieser Trend aber auch einfach nur dem Zyklus, dass nach mehr als einer Dekade der Skinnyhose vielen Designern der Sinn nach Veränderung steht.

          Die weite Hose passt zudem zu einer neuen modischen Richtung. Für die kommende Herbstmode liegt mehr Schliff in der Luft: Wollmantel statt Daunenjacke, Hemdbluse statt Shirt – Wollhose statt Röhrenjeans. Dieser Trend könnte zur Ablösung des Lässig-Looks mit Skinny-Jeans, Shirt und Lederjacke führen, der mindestens die vergangenen zehn Jahre prägte. Kate Moss wurde mit ihren Size-Zero-Skinnies und ihrer Anti-Haltung jedenfalls zum Idol einer Generation, ihr Look millionenfach kopiert. Der Mythos Skinny war geboren. Als charakteristisches Bekleidungsstück der Punkbewegung wurde diese Hose zum Symbol von Lässigkeit, Rebellion und Jugend.

          Denim-Labels wie Superfine, Acne oder Cheap Monday haben ihren Erfolg allein dieser Hose zu verdanken, die sich wie eine zweite Haut um die Beine schmiegt. Die Designerin Isabel Marant transportierte mit Skinny zu High Heels den typischen Look der Pariserin in die Welt.

          StreetsStyle-Stars sind in Männerhosen unterwegs

          Ob damit jetzt wirklich Schluss ist, ob das Comeback zu mehr Schliff in der Mode auch erwachsenere weite Hosen nach sich zieht, entscheiden aber natürlich nach den Modehäusern, die diese Silhouetten entwerfen, vor allem die Kundinnen. Zumindest Stil-Ikonen wie Leila Yavari, Modechefin des Luxus-Online-Shops Stylebop, oder die russische Modejournalistin und Bloggerin Miroslava Duma sind plötzlich nur noch in Culottes oder Männerhosen unterwegs – so wie gefühlt jeder zweite StreetStyle-Star, dessen Look während der Modewochen in Paris und Mailand im Internet abgebildet wird.

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