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Weiße Schuhe : Gruß aus der Dekade des schlechten Geschmacks

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Weiße Schuhe auf grünem Rasen: Zum Look vom Coachella-Festival gehören die Stücke in diesen Tagen in jedem Fall dazu. Bild: Getty

Gestern Tussi-Treter, heute ein angesagtes Teil: Weiße Schuhe haben in der Mode eine beeindruckend steile Karriere hinter sich. Ist das jetzt ein Trend oder doch nur Trash?

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          Bademeister und Orthopäden mögen von dieser inoffiziellen Stilregel ausgenommen gewesen sein. Aber für alle anderen waren weiße Schuhe bislang ein buchstäbliches No-Go: Damit sollte es wirklich nirgendwo hingehen. Weiße Schuhe schienen irgendwo hängengeblieben zu sein zwischen den achtziger Jahren und der Dorfdisco. Weiße Schuhe galten als billig, als tussig, vielleicht sogar als ordinär. Selbst bei Hochzeiten, der großen Gelegenheit für alles in Weiß, hielten modebewusste Bräute in der jüngeren Vergangenheit großzügigen Abstand dazu. Sie trugen lieber Stilettos in Metallic- oder Make-up-Farben.

          In diesem Frühjahr aber ist alles anders. Plötzlich sieht man sehr viele weiße Schuhe an Orten, an denen Berufsbekleidung eher kein Thema ist. Zum Beispiel in diesen Tagen auf dem Rasen von Coachella, diesem Festival in der südkalifornischen Wüste, bei dem es ursprünglich mal um Musik gehen sollte. Das längst zu einer Bühne für Selbstdarsteller verkommen ist. Bei den weißen Schuhen, die es dort zu sehen gab, die jetzt sicher alle mit Grasflecken übersät sein werden und deshalb schon wieder etwas für die Tonne sind, handelt es sich nicht etwa vornehmlich um Sneaker. Es geht um blitzweiße Stiefeletten, um Pumps und Sandalen, um Schlappen und Pantoletten und Mokassins. Das alles in Weiß.

          Die deutsche Influencerin Caro Daur zum Beispiel postet auf ihrem Instagram-Account aktuell am liebsten weiße Cowboy-Stiefel zum Minikleid. Ihr Kommentar dazu: „Wanna come with me to Coachella?“ Und auch Annette Weber, ehemals Chefredakteurin der „Instyle“ und inzwischen Betreiberin des Online-Portals „Glamometer“, ist auf sehr vielen Bildern mit weißen Stiefeln oder Pumps zu sehen.

          Tatsächlich haben wir es hier mal nicht mit einem Trend zu tun, der auf der Straße entstanden ist. Weiße Schuhe waren stattdessen schon vergangenen Herbst auf den Laufstegen zu sehen. Balenciaga etwa zeigte spitze weiße Sock-Boots, Schuhe, mit denen sowohl die Frage geklärt wäre, welcher Stiefel es sein soll, als auch welcher Strumpf. Gucci kam mit weißen Monks und Pantoletten. Bei Calvin Klein waren es weiße Booties zum Schnüren.

          Auch weiße Schuhe sind wieder im Trend

          Beim Versuch, dem Ursprung dieses Phänomens auf den Grund zu gehen, mag man die Vorurteile kaum vergessen können. Mal abgesehen von den Orthopäden und Bademeistern, sind es nicht vornehmlich Frauen, die im Rotlichtmilieu arbeiten, die solche weiße Stiefeletten zu nackten Beinen tragen?

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          Wer zeitlich ein bisschen weiter zurückgeht, landet im Hinblick auf weiße Schuhe allerdings in den sechziger Jahren. Damals waren sie ganz anders konnotiert, sie galten als Symbol für weibliche Befreiung. 1964 kam André Courrèges auf diesen weißen Lackstiefel, einen Schuh, in dem Frauen, die ihn trugen, aussahen, als kämen sie nicht von dieser Welt. Das Sci-Fi-Teil passte vom Konzept in eine Zeit, als die Faszination Weltraum auf ihrem Höhepunkt war. Und die Schuhe passten stilistisch zu den ultrakurzen Röcken und Minikleidern. Das änderte sich auch nicht, als der Schaft höher wurde und zu der flachen Sohle ein Carré-Absatz hinzukam. Der Go-Go-Boot, sexy, wie er war, sorgte entsprechend für Aufruhr in konservativen Gesellschaftskreisen. Die weißen Stiefel wurden zum Symbol der sich auch über die Kleidung vom Establishment distanzierenden jugendlichen Protestbewegung.

          Anfang der achtziger Jahre kamen dann Plateau-Stiefel, anschließend strahlend weiße High Heels. Dass diese Ära dann später von vielen Frauen zu jener gekürt wurde, in der sie ihre größten persönlichen Mode-Fauxpas begingen, wird auch dem Renommee des weißen Schuhs nicht geholfen haben.

          Wenn jetzt also die achtziger Jahre in der Mode ein Revival erleben, wenn betonte Schultern, asymmetrische Säume und hochtaillierte Jeans wieder ein Ding sind, Elemente, die unverkennbar zur Dekade des schlechten Geschmacks gehören, dann ist es keine große Überraschung, dass auch der weiße Schuhe ein Trend ist.

          Die Mode ist ganz gut in Hirnwäsche, und so sind weiße Schuhe jetzt eben supercool! Etwas nüchterner betrachtet, machen sie trotzdem nicht unbedingt schöner. Da können Modemagazine und Trendportale noch sehr darauf hinweisen, dass Weiß ja genauso wie Schwarz eine Farbe ist, die zu allem passt und mit allem kombiniert werden kann. Eine Erkenntnis, die schon früher hätte ins Spiel gebracht werden können, um den Bannfluch gegen weiße Schuhe aufzuheben. Der sogar dafür verantwortlich war, dass in den neunziger Jahren in der amerikanischen Komödie „Serial Mom – Warum lässt Mama das Morden nicht?“ die wegen mehrfachen Mordes vor Gericht stehende Protagonistin Beverly Sutphin alias Kathleen Turner nach dem mit Freispruch endenden Prozess eine der weiblichen Geschworenen umbrachte, weil sich diese die Unverschämtheit erlaubt hatte, weiße Schuhe zu tragen. Und das, obwohl der amerikanische Feiertag Labor Day, der auf den ersten Montag im September fällt und somit auch für das Ende des Sommers steht, schon vorbei war. In den Vereinigten Staaten gibt es nicht umsonst das Sprichwort: No white after Labor Day. Hierzulande hat man noch eine andere Möglichkeit: Den Trend einfach nicht mitmachen.

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