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Smoking : Ohne monetäre Zwänge

  • -Aktualisiert am

Klasse statt Masse: Als James Bond wird Pierce Brosnan in „Die Another Day“ keinen billigen Smoking getragen haben. Dabei geht’s auch anders. Bild: www.fotex.de

Wer auf Hochzeiten, anderen Festen oder Bällen tanzt, braucht eine große Garderobe. Das war lange Zeit teuer und galt als schick nur für eine bestimmte Klientel. Jetzt nicht mehr. Den Smoking gibt’s schon für 100 Euro. Taugt der was?

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          Seinen ersten Smoking hatte Ferdinand noch von seinen Eltern bekommen, als er das erste Mal von ihnen auf ein Sommerfest von Freunden mitgenommen wurde. Wie viel er tatsächlich gekostet hatte, erfuhr er erst Jahre später, als er diesen im Zug vergaß. Seine Eltern nämlich sagten: „Pech gehabt“ und weigerten sich, für die kostspielige Schusseligkeit ihres Sohnes aufzukommen. Da am Wochenende aber ein Fest nahte, eilte er durch die Einkaufstraße seiner Heimatstadt und fand nur Exemplare für ein paar hundert Euro aufwärts – deutlich zu teuer für den heute 22 Jahre alten Studenten.

          Vornehm geht die Welt zugrunde – und pleite? Smoking, Hemden mit Vatermörder und Manschetten, dazugehörige Knöpfe, Hosenträger, rahmengenähte Schuhe, ein Cutaway mit farbenfroher Weste für die Hochzeit: wer ein Faible für klassische Herrenmode hat oder, wie Ferdinand, auf vielen Hochzeiten und Festen tanzt, braucht eine große und vielfältige Garderobe.

          Das Interesse daran ist gestiegen. „In den letzten fünf Jahren gab es ein großes Revival bei jungen Leuten“, sagt Bernhard Roetzel. Sie hätten wieder Gefallen an Gesellschaftskleidung gefunden. Roetzel ist Autor von „Der Gentleman“, einem Handbuch der klassischen Herrenmode, das in 18 Sprachen übersetzt wurde. Roetzel, der auch als Stilberater arbeitet, ist ein Verfechter hochwertiger Kleidung.

          Für die breite Masse sind Festanlässe häufiger geworden

          Die geht jedoch meist mit hohen Preisen einher. Nicht nur Ferdinand kann sich die nicht leisten. Da trifft es sich gut, dass im Internet seit ein paar Jahren zahlreiche Shops hervorsprießen, die einem für relativ wenig Geld zu einem adäquaten Auftritt verhelfen. Was darüber hinaus sehr praktisch ist: Neben den hohen Preisen in vornehmen, holzvertäfelten Herrengeschäften, die für die meisten sowieso schon von außen abschreckend wirken, fehlen jetzt auch die unverschämt arrogant guckenden Verkäufer, die einen daran hindern, unverfänglich im Sortiment zu stöbern.

          Früher war die Welt der Gesellschaftskleidung überwiegend der Oberschicht vorbehalten. Nicht nur, weil vor allem sie selbst solch exklusive Festivitäten veranstaltete oder zu solchen eingeladen wurde, sondern weil ein derart großer Kleiderschrank für den Normalsterblichen schlicht zu teuer war. Abgesehen davon, ob man damals überhaupt das nötige Geld aufbringen konnte, stellte sich die berechtigte Frage: Warum sollte man sich einen sündhaft teuren Smoking leisten, wenn man ihn nur einmal in seinem Leben brauchte?

          Die Anlässe für Festgarderobe sind für die breite Masse mehr geworden. Jeder bekommt mittlerweile zu fast allem Zugang. Die Geschichte der Gesellschaftskleidung ist auch ein Spiegelbild der gesellschaftlichen und politischen Umbrüche. Es gab Zeiten, die noch nicht so lange her sind, da wurde ein Mann mit Frack fast verhauen. Im gehobenen Bürgertum und im Adel sei es bis zum Zweiten Weltkrieg durchaus üblich gewesen, zum Abendessen Smoking zu tragen, zu Hochzeiten den Stresemann oder bei Bällen Frack, erzählt Roetzel. In den fünfziger Jahren bis Mitte der sechziger sei man generell korrekt gekleidet gewesen. Egal, ob reich oder arm. „Früher gab es einen Grundkonsens, was die Kleidung anbelangt.“ Erst während der 68er-Revolution habe sich dies verändert. Das Aufbegehren der Jugend gegen die gesellschaftspolitischen Ansichten ihrer Eltern traf auch deren Kleidungsstil. Noch bis in die achtziger Jahre hinein sei über Anzug, Smoking oder andere „spießige“ Kleidung die Nase gerümpft worden. Die heute zwischen 50 und 65 Jahre alten Deutschen seien die „Lost Generation der Abendgarderobe“, sagt Roetzel.

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