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Requisiten des Islams : Models mit Kopftüchern

  • -Aktualisiert am

Auch Gucci spielt mit dem Kopftuch. Bild: Reuters

Designer zeigen Kopftücher in ihren Kollektionen. Ist die Modewelt im Ernst dabei, sich das Kopftuch anzueignen? Das wirtschaftliche Interesse ist nicht unerheblich.

          Ausgerechnet Versace, könnte man jetzt sagen, die Modemarke, die sich auf alles andere als gemäßigte Mode versteht. Zur Schau der aktuellen Herbst-Winter-Kollektion schickte Donatella Versace im Februar ein paar ihrer Models mit Kopftüchern über den Laufsteg. Damit war die Designerin in Mailand nicht allein, Gucci zum Beispiel zeigte ebenfalls Kopftücher. Auch unter den Hüten und Kappen bei Dior und Marc Jacobs – Kopftücher. Bei Max Mara war das Kopftuch auf dem Laufsteg noch nicht einmal Premiere. Da kennt man sich damit schon aus. Die Requisiten des Islams scheinen generell ein Thema für westliche Mode zu werden.

          Aber gehören sie da auch hin? Der im vergangenen Jahr verstorbene Pierre Bergé war anderer Meinung. Der Geschäftsmann, einst Lebensgefährte von Yves Saint Laurent und Geschäftsführer von dessen Marke, machte seinem Ärger im Jahr vor seinem Tod noch Luft. Damals brachte Dolce & Gabbana als erstes High-Fashion-Label eine Abaya-Kollektion heraus. Bergé empörte sich, Mode stehe für Freiheit, nicht dafür, Frauen zu versklaven und unsichtbar zu machen.

          Ausgerechnet Versace: Kopftuch aus der aktuellen Herbst-/Winterkollektion

          Nicht zu Unrecht wird das Kopftuch mit diesen Eigenschaften in Verbindung gebracht. Zunächst einmal ist das Kopftuch in vielen Ländern Pflicht und bringt meist auch weitere Einschränkungen, Verbote und Zwänge mit sich. Es gibt natürlich Frauen, die es aus eigener Entscheidung tragen. Aber in der Realität sieht es so aus, dass mindestens genauso viele Frauen das Kopftuch tragen müssen, ohne es zu wollen. Sie bekommen es auferlegt, haben keinerlei Entscheidungsmacht und werden somit fremdbestimmt, von Staat, Religion, Familie, Gesellschaft. Das Kopftuch abzulegen kann schwerwiegende Konsequenzen haben.

          Bei Max Mara sah man Kopftücher schon öfter auf dem Laufsteg wie hier im Herbst 2017 in Mailand.

          Heute kann das Kopftuch durchaus Status suggerieren

          Was ist also davon zu halten, wenn Modemacher jetzt Kopftücher auf den Laufstegen zeigen? Ist die Mode im Ernst dabei, sich das Kopftuch anzueignen? Das wirtschaftliche Interesse jedenfalls ist nicht unerheblich. Ein Kopftuch von Gucci wird besonders bei der kaufkräftigen arabischen Klientel einen Nerv treffen. Außerdem muss es heute in der Mode vielfältig zugehen, so wie in der Gesellschaft auch. Wenn niemand ausgegrenzt werden soll, dann muss man auf Mailänder und Pariser Laufstegen auch Kopftücher sehen. Man sieht es auch an den Models: Über die Catwalks geht inzwischen Vielfalt.

          Heute kann das Kopftuch durchaus Status suggerieren. Das zeigt niemand Geringeres als Beyoncé, die nicht einmal muslimischen Glaubens ist. Im Video zu ihrem Lied „Apeshit“ sitzt sie da, die Haare unterm Tuch, und das Tuch ist von Versace. Im Hintergrund ist der Louvre zu sehen. Mehr Vielfalt geht kaum. Sie lehnt an der Schulter von Jay-Z, ihrem Ehemann, aber um auf das Klischee der Frau mit Kopftuch zurückzukommen: Bedürftig sieht sie nicht aus. Eher stolz, unabhängig, erfolgreich. Die amerikanische Musikerin versteht es, das Tuch so zu nutzen, dass es eine Botschaft hat.

          Und wie ist das im wirklichen Leben? Gespräch mit zwei jungen Frauen in Offenbach, beide tragen ein Kopftuch. Natürlich könne ein Hidschab auch Mode sein, meinen die beiden. „Die Deutschen“ seien da allerdings anderer Meinung. Eine typische Frage sei: Ist es darunter nicht heiß? Die ältere der beiden Schwestern sagt, sie trage es, weil es der Prophet predige und ihre Kleidung sie vor den Blicken der Männer schütze. In Kabul, woher sie vor drei Jahren gekommen sind, schaue man leicht bekleideten Mädchen hinterher. Das empfinden sie als störend. Ihnen sei es wichtig, „sauber“ zu sein, ein reines Herz zu haben und so auszusehen. Aber braucht es dafür ein Kopftuch?

          Die Erwartung an die Frauen ist hier das Problem. Ob mit oder ohne Kopftuch: In dieser Kultur sind Zwangsheirat, Unterdrückung, Abhängigkeit und Gewalt verwurzelt, mit strengen Ausgehzeiten, arrangierten Ehen, Kleiderordnungen. Würden sie das Kopftuch ausziehen, wenn sie könnten? Die Jüngere antwortet: „Nein. Wegen meiner Religion.“ Bei der Frage, wie sie einen Jungen kennenlernen, kichern sie, drehen sich weg und halten die Hand vor den Mund. Die Ältere, die gerade eine Ausbildung zur Zahnarzthelferin macht, sagt, sie habe noch nicht darüber nachgedacht. In Deutschland müsse man, so heiße es oft, den Jungen anlächeln. Und das können sie – sie tragen ja keine Burka.

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