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Pariser Modewoche : Einfach loslaufen

In der Stadt: Natacha Ramsay-Levi ließ ihre Models durch Paris spazieren. Bild: Hersteller

Der Pariser Prêt-à-porter ist in dieser Woche vor allem eine Online-Fashion-Week. Mit ihrer Arbeit deuten die Designer umso mehr Richtung Zukunft.

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          Man ist in Paris. Und man ist online. Natacha Ramsay-Levi, Chefdesignerin von Chloé, hat ihre Frauen mitten hinein versetzt ins Stadtleben. Ans Ufer der Seine und an Straßenkreuzungen. Im Hintergrund fahren die türkis-schwarz-weißen Busse vorbei, da stehen Menschen in Daunenjacken mit Maske. Die Chloé-Frauen dazwischen sind selbstverständlich die am besten angezogenen, was nicht bedeutet, dass die Stadt für sie in den weißen Hosen in Pudertönen und weißen Blusen, in den Kleidern mit botanischen Drucken und Slogans nicht der natürliche Lebensraum ist. Die dünnen Frühjahrsstoffe heben und senken sich im Wind. „Wir wollten die Frauen einfach loslaufen lassen“, sagt Natacha Ramsay-Levi nach der Schau, zu der sie einige Gäste auf die Terrasse des Palais de Tokyo geladen hat, und bei der sehr viele mehr im Netz zuschauen.

          Schauen im Risikogebiet

          Jennifer Wiebking

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Paris ist schließlich seit August Risikogebiet, weshalb diese Pariser Modewoche vorwiegend eine Online-Modewoche ist. Und während die Marken schon am Umdenken sind, stellen ihre Designer noch weitere Fragen. „Wie fühlt man sich im Moment? Was ist wichtig?“, sagt zum Beispiel die deutsche, in Paris ansässige Designerin Marie-Christine Statz nach ihrer Präsentation am Mittwoch. Der Anzug gehört zu den elementaren Stücken ihres Labels Gauchere, jetzt kommt er unstrukturierter daher, mit extraweiten Hosen, mit Hybrid-Blazern, die zur Hälfte Capes sind, mit Jacken, mit Raffungen. Denn Statz stellte sich auch diese Frage: „Was macht man für Mode, wenn die Welt nicht mehr so stabil ist?“ Für ihre Arbeit bedeutete es etwa, dass sie für die Strickware nicht nach Italien kam. Dafür machte sie aus der Not eine Tugend und kooperiert nun mit der Berliner Designerin Claudia Skoda.

          Macht Platz: Ein Look von Loewe mit voluminöser Hose
          Macht Platz: Ein Look von Loewe mit voluminöser Hose : Bild: Hersteller

          Und noch eine Frage stellte sich Marie-Christine Statz: „Warum sehen wir in der Mode nicht eher die Frau als das Mädchen?“ Bei ihrer Schau liefen Freunde, jene, die Gauchere auch tragen. Bei der Schau von Chloé waren es sogar Chloé-Mitarbeiterinnen sowie Musikerinnen und Autorinnen.

          Die Idee ist nicht ganz neu, Gucci präsentierte seine Mode im Juli schon an Gucci-Mitarbeitern. Aber in Paris zeigt sich, dass dahinter mehr stecken könnte als ein Einzelfall. „Loslassen und die Frauen anders zeigen“, sagt Natacha Ramsay-Levi am Donnerstag.

          Wie Corona die Mode verändert

          Es ist nur ein Beispiel dafür, wie Corona die Branche verändert. Natürlich ist die Mode schon längst nicht mehr hermetisch abgeriegelt, im Netz kann jeder an den Veranstaltungen teilhaben. Trotzdem blieb die Mode lange Zeit eine Welt der Superlativen, eine, die vorgesehen war für die Jüngsten und Dünnsten. An sie dachte die Mehrheit der Designer beim Entwerfen. Dass ihre Kundschaft häufig dem Teenageralter seit Jahrzehnten entwachsen war, wusste man professionell zu ignorieren.

          Die Mode gibt sich im kommenden Frühjahr also empathischer. Sicher, das könnte schon wieder ein Trend sein, im Sinne des Marketings. Oder es könnte der Beginn einer neuen Herangehensweise sein. „Wir wollten Weiblichkeit auf unterschiedliche Art und Weise zeigen“, sagt Natacha Ramsay-Levi. Ihre Kleider sprechen dabei für sich. Sie rufen buchstäblich „Hope“ und „Yes thank you“, Zitate aus dem Vermächtnis der Pop-Art-Künstlerin Corita Kent, die als Nonne gelebt hat und zu deren Freunden Alfred Hitchcock und Charles und Ray Eames zählten. „Ich hoffe, dass diese Botschaften der Stimmung guttun“, sagt Ramsay-Levi.

          Nicht uniform: Gauchere-Kollektion für das kommende Frühjahr
          Nicht uniform: Gauchere-Kollektion für das kommende Frühjahr : Bild: AP

          Denn da ist wieder diese Frage, was soll Mode heute? In dem Moment erscheint Jonathan Anderson am Freitag zur Präsentation, einer der großen Modemacher der Jetztzeit, der sich besonders wohlfühlt auf dieser Metaebene der Mode. Für das spanische Haus Loewe zeigt er Kleider wie Kunstwerke, verwebtes Leder, Rüschen, die an die Kragen der Mitglieder des spanischen Königshauses im 16. Jahrhundert erinnern. Hier sind es Röcke. Anderson muss für seine Kollektion meterweise Stoff verbraucht haben, denn die Ärmel, Hosenbeine und Kragen sind überdimensioniert. Überall steckt Volumen drin. Für Jonathan Anderson ist es „poetisches Rüstzeug“. Für seine Kundinnen könnte es Mode sein, in der sehr viel Platz für sie selbst ist.

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