https://www.faz.net/-hrx-8ohq8

Uhrentrends : Erbstück statt Elektroschrott

Zeit für Liebe: James Bonds Uhren waren immer stilvoll – trotz allerhand technischen Schnickschnacks. Bild: Picture-Alliance

Die Smartwatch erweist sich gerade als Flop. Uhren, die aussehen, als seien sie ein paar Jahrzehnte alt, sind hingegen top. Über einen Trend für Zeiten, in denen es besser laufen könnte.

          4 Min.

          Tim Stracke ist Vintage-Experte - für Uhren. Dass immer mehr neue Uhren nun so aussehen, als seien sie aus dem letzten Jahrhundert und längst gebraucht, dass sie also mit einem gewissen Vintage-Charakter versehen sind, dazu hat er eine interessante Theorie. „Die extreme Preisentwicklung bei Luxusuhren in den vergangenen Jahren bringt viele dazu, sich eine gebrauchte statt einer neuen zu kaufen“, sagt Stracke. Die gibt es auf Online-Portalen wie Chrono24, dessen Geschäftsführer er ist. „Viele Leute können oder wollen sich die neuen Uhren einfach nicht mehr leisten.“

          Jennifer Wiebking

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Wenn also immer mehr Menschen gebrauchte Uhren statt neuer am Handgelenk tragen, dann bekommen das früher oder später auch die Markenmacher mit. Die Stücke ähneln sich schließlich oft genug: nicht zu auffällige Zifferblätter, Lederarmbänder, ein mechanisches Werk, kleine Komplikationen. „Wenn Vintage auf diese Weise wieder präsenter ist, kann ich mir vorstellen, dass einige Hersteller nachziehen und Uhren anbieten, die zwar neu sind, aber alt aussehen.“

          Tatsächlich sehen jetzt auch neue Uhren alt aus. Sie könnten aus den fünfziger oder sechziger Jahren sein - oder von 2015. Es war das offizielle Geburtsjahr der Smartwatch, wie wir sie kennen, die sich hingegen schon jetzt, ein Jahr später, als Flop erweist. Echtes Interesse würde sich jedenfalls anders abzeichnen: Laut einer Studie des Marktforschungsinstituts International Data Corporation verkauften die fünf größten Hersteller von Smartwatches, zu denen auch Apple gehört, im dritten Quartal des Jahres 2015 zusammen 5,6 Millionen Smartwatches - und 2016 im selben Zeitraum dann gerade mal 2,7 Millionen. Gut, auch der Umsatz mit Luxusuhren stagniert gerade, aber immerhin geht er nicht zurück.

          Gesuchte Entschleunigung

          Das dürfte auch an den Uhren im Vintage-Stil liegen, welche die 30 Jahre alte Berufsanfängerin ebenso trägt wie der Mann über sechzig, obwohl beide die Zeit längst genauso einfach auf dem Handy ablesen könnten. Natürlich gehen diese neuen Armbanduhren richtig. Ihr Äußeres aber suggeriert, sie entstammten einem Zeitalter, in dem man von einer Uhr Sekundengenauigkeit noch nicht erwarten konnte, in dem man aber trotzdem irgendwie gut durchs Leben kam.

          Dass ausgerechnet die Vintage-Uhr nun als top gilt - François Thiébaud, Geschäftsführer von Tissot, hat eine Erklärung für das Phänomen: „Das Problem an der Smartwatch ist einfach, dass es ein Handy für das Handgelenk ist, das hat wenig emotionalen Wert.“ Ganz anders die Vintage-Uhren von heute: Bei Rolex erinnert deren neue Air-King an die fünfziger Jahre, bei Bell & Ross an die sechziger, und man sieht den Trend auch bei Alpina, die nun ihre erste wasserdichte Taucheruhr von 1938 neu aufgelegt haben.

          Apple Smartwatch: Bei vielen Kunden nicht beliebt. Die Uhr ist den meisten zu viel Hightech. Sie bauen keine Beziehung dazu auf. Und sie ist nicht zeitlos. Bilderstrecke

          Ein weiteres Beispiel: das Milanaiseband, das enge Metallgeflecht, mit dem die Marken jetzt noch tiefer in die Mottenkiste greifen. Und das somit auch symptomatisch ist für den jüngsten Karrieresprung der Uhr im Vintage-Stil. Auch die Apple-Watch gibt es mit Armband im Milanaise-Verfahren, es ist eines der schönsten Bänder, die der Tech-Konzern für seine Uhren bereithält. Aber noch schöner wirkt das Milanaise-Verfahren, wenn es so verknüpft ist, dass das Ganze aussieht wie Opas alte Uhr, in den sechziger Jahren gekauft, bis heute getragen. Omega, Tissot, Breitling, Dior, an der Technik arbeiten sich nun etliche Hersteller ab; Hauptsache, das Modell sieht von außen schön alt aus und ist von innen mit, sagen wir, 100 Stunden Gangreserve gepimpt.

          Weitere Themen

          Der Unsichtbarmacher

          FAZ Plus Artikel: Wirecard-Skandal : Der Unsichtbarmacher

          Markus Braun war Mr. Wirecard und der reichste Dax-Chef. Nun ist er in einen beispiellosen Bilanzskandal verstrickt. Irgendwo zwischen der Utopie unsichtbaren Geldes und der Wirklichkeit unregelmäßiger Zahlen hat er sich verzettelt.

          Topmeldungen

          Wirtschaftsminister Altmaier : „Ich bin nicht der Oberlehrer der Welt“

          Muss Deutschland einen Bogen um Länder wie China machen, die Freiheitsrechte verletzen? Nein, sagt Wirtschaftsminister Peter Altmaier. Im F.A.Z.-Interview kündigt er für Deutschland weitere Staatsbeteiligungen an – und ein mögliches Ende der Maskenpflicht.
          Schichtwechsel beim Mercedes-Benz Werk Untertürkheim.

          Wirtschaftskrise : Daimler will noch viel mehr Stellen streichen

          Der Autohersteller Daimler will wegen der Corona-Krise mehr Stellen streichen als bisher bekannt. Mit 15.000 Arbeitsplätzen komme man nicht aus, stellt der Personalvorstand klar. Auch der Verzicht auf betriebsbedingte Kündigungen gerät ins Wanken.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.