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2019 präsentierte Tommy Hilfiger (vorne) seine Kollaboration mit Schauspielerin Zendaya (zweite Reihe rechts). Bild: Helmut Fricke

Kollaborationen in der Mode : Freund statt Feind

Die Mode liebt die Zusammenarbeit, nur nennt man sie dort Kollaboration. Aber warum drückt man das mit diesem hässlichen Wort aus, das historisch so negativ besetzt ist?

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          Das Wort kracht dazwischen, wenn man zum Beispiel gerade dabei ist, sich eine Sonnenbrille auszusuchen. Während man sie im Laden aufsetzt, informiert die Verkäuferin über das, was an dieser Brille so toll sein soll. Unter anderem: „Sie ist aus einer Kollaboration heraus entstanden.“ Die Brillenmarke Viu und das Jeanslabel Closed haben sich zu diesem Zweck zusammengetan. So wie in diesem Herbst die Männermarke Zegna und das Streetwear-Label Fear of God. Die Frauenmarke Philosophy di Lorenzo Serafini und der Mattel-Spieleklassiker Uno. Die Brillenmarke Oakley und der japanische Künstler Meguru Yamaguchi.

          Jennifer Wiebking

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Man könnte die Liste bis zur letzten Seite dieses Magazins fortsetzen. Ob man überhaupt ein Designer sei, wenn man nicht kollaboriere, fragte die amerikanische „Vogue“ im vergangenen Jahr.

          In der Mode stehen die Zeichen auf Zusammenarbeit, wie in der Musik. Dabei fällt immer wieder dieses Wort. Kollaboration hört man nicht nur im Englischen, dort auch oft in der Kurzform collab, im Französischen und Italienischen. Wenn zwei Künstler/Marken/Designer sich auf Zeit zusammentun und gemeinsam etwas erarbeiten, dann wird es häufig auch im Deutschen gebraucht. Man könnte genauso Kooperation sagen. Stattdessen heißt es immer wieder: Kollaboration.

          Kollaboration kommt aus den sozialen Netzwerke

          Jedes Mal durchfährt es einen. Ausgerechnet eine Musik- oder Modeproduktion erinnert an das dunkelste Kapitel der deutschen Geschichte? Kollaboration? Echt? So wie mit dem Feind?

          Zieht auch Influencerinnen an: Caro Daur besucht den Launch der Kollaboration von Karl Lagerfeld und Kaia Gerber 2018.
          Zieht auch Influencerinnen an: Caro Daur besucht den Launch der Kollaboration von Karl Lagerfeld und Kaia Gerber 2018. : Bild: EPA

          Natürlich nicht. Oder nicht ausschließlich. „Das Wort hat zwei Bedeutungen“, sagt die Sprachwissenschaftlerin Konstanze Marx, die an der Universität Greifswald zur Kommunikation im Internet-Zeitalter forscht. Da sei zum einen die Zusammenarbeit mit Kriegsgegnern, die Erstbedeutung. „Für diese Bedeutung gibt es im alltäglichen Sprachgebrauch glücklicherweise keinen Anlass, und so setzt sich eher der Gebrauch von Kollaboration als nicht weiter spezifizierte Zusammenarbeit durch.“ Man arbeitet also kollaborativ. Das sei dann durchaus positiv gemeint. Die Sprachwissenschaftlerin sagt, sie verwende das Wort in seiner Zweitbedeutung selbst regelmäßig. „Es ist ein bildungssprachlicher Begriff, der gerade in der digitalen Lehre eine große Rolle spielt.“

          Das Digitale Wörterbuch der deutschen Sprache zeigt den Unterschied zwischen Erst- und Zweitbedeutung. Tippt man in die Suchmaske der Textsammlungen, die sich aus Belletristik, Wissenschaft, Gebrauchsliteratur und Zeitungen zusammensetzen, „Kollaboration“ ein, finden sich überwiegend Erwähnungen zur Erstbedeutung, der Kollaboration mit dem Feind. Anders sieht es aus, wenn man im Korpus „Blogs“ nach Hinweisen auf „Kollaboration“ sucht. Von Kollaboration als einem „wesentlichen Element“ ist die Rede, wenn es um soziale Netzwerke geht. Kollaboration wird im Zusammenhang mit dem Wort Unternehmenskultur erwähnt. Es fällt der Begriff „Kollaboration 2.0“.

          Auch die Mode ist längst in dieser digitalen Welt zu Hause. Wenn Designer mit ihren Projekten eine kritische Masse erreichen wollen, müssen ihre Einfälle in den sozialen Medien viral gehen. Und das tun sie eher, wenn die Reichweite von vornherein möglichst hoch ist. Zwei Namen, die gemeinsam auftreten, haben da bessere Startbedingungen: Viu und Closed, Zegna und Fear of God. Wenn dann später in dem Sonnenbrillenladen in einer deutschen Großstadt im Beratungsgespräch auf Deutsch der Begriff Kollaboration fällt, dann könnte das ein schönes Beispiel für Internetsprache sein, die ihren Weg auch hierzulande zurück in die analoge Welt findet.

          Der Französismus setze sich in Deutschland nicht durch

          Kollaboration: In anderen Ländern mag das ein selbstverständlicher Begriff sein. Man bedanke sich für die collaborazione, heißt es etwa dieser Tage in Mailänder Straßenbahnen im Hinblick auf das Maskentragen und Abstandhalten. Maria Selig, Professorin für Romanistik an der Universität Regensburg, ist dem Ursprung des Worts nachgegangen. Das Verb collaborer und seine Ableitungen kommen demnach aus dem Mittellatein, also dem Latein des Mittelalters aus der Zeit zwischen dem sechsten und 15. Jahrhundert. „Sie entstanden aus der Kombination des Präfixes con mit dem Verb laborare und waren geläufig als Begriffe in der Güterverwaltung und der Rechtssprache.“ Die Wörter collaborare und collaboratio fielen, wenn das Bestellen eines Ackers gemeint war, der Ertrag einer Ernte, wenn es um Verwaltung ging.

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