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Die Sonnenbrille : Ein Schatten für mich ganz alleine

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Schöne und prominente Gesichter sind auch für Sonnenbrillen-Firmen gute Werbung: Audrey Hepburn 1960 in „Frühstück bei Tiffany“. Bild: ddp Images

Warum machen Sonnenbrillen ihre Träger eigentlich so cool? Und was heißt das überhaupt, „cool“? Und wieso wollen wir es sein? Und was hat es mit den Brillen zu tun? Unsere Autorin liefert die Antworten.

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          Schon Nero hatte eine. Zumindest so etwas Ähnliches. Der römische Kaiser, sonst eher für sein hitziges Gemüt bekannt, arbeitete mit einer Art prähistorischer Sonnenbrille: Bei Gladiatorenkämpfen soll er sich einen Smaragd vor die Augen gehalten haben, um nicht von der Sonne geblendet zu werden. Auch die Inuit besaßen ein Vorgängermodell unserer heutigen Sonnenbrille, eine Schneebrille, die den Einfall der Sonnenstrahlen reduzierte, indem der Träger nur aus Schlitzen einer zurechtgeschnitzten Seehundsrippe herauslugen konnte.

          Und heute gilt die Sonnenbrille als eines der beliebtesten und meistgenutzten Accessoires überhaupt. Laut einer Untersuchung des Marktforschungsinstituts GfK liegt das Umsatzvolumen der im Optiker-Fachgeschäft verkauften Sonnenbrillen bei 223 Millionen Euro im Jahr 2019, und die Umsätze steigen stetig. Weltweit, so schätzt das Statistikportal Statista, sollten im Jahr 2020 etwa 20 Milliarden Dollar in Sonnenbrillen umgesetzt werden – so lautete zumindest die Annahme vor der Corona-Krise.

          Getönte Gläser kamen zuerst bei Korrekturbrillen zum Einsatz. Auf dem Cover der amerikanischen Vogue debütierte die Sonnenbrille 1925 in Form von „Driving Goggles“, Schutzbrillen zum Autofahren. Und damit ging nicht nur der Sicherheitsgedanke einher, sondern gleich auch eine gewisse Coolness – das Auto versprach Freiheit, Abenteuer, Roadtrips. Die erste serienmäßig hergestellte Sonnenbrille stammt von Bausch & Lomb, einem amerikanischen Hersteller optischer Geräte, aus dem in den dreißiger Jahren die Tochterfirma Ray Ban hervorging, die die bis heute meistverkauften Sonnenbrillenmodelle der Welt herstellt, Aviator und Wayfarer. Bei der Coolness geholfen haben amerikanische Militärpiloten und Hollywood.

          Ziemlich lässig: Der Musiker Heino trägt Sonnenbrille.

          Ray Ban ging 1999 an die italienische Luxottica-Gruppe, die ein weltweites Sonnenbrillenimperium besitzt. 2018 fusionierte die Gruppe mit Essilor, einem französischen Hersteller optischer Linsen. Ein Blick auf die Bilanz des Konzerns, des Weltmarktführers im Vertrieb von Sonnenbrillen, zeigt, dass auch die Branche von Corona in Mitleidenschaft gezogen wurde – wenn es auch schlimmer hätte kommen können: Von Januar bis März sank der Umsatz um insgesamt 10,1 Prozent auf 3,78 Milliarden Euro. Die Sonnenbrille jedenfalls, das erkennt man allein schon am dazugehörigen Emoji, steht für Coolness – man könnte sonst schließlich auch das Schneeflöckchen-Emoji benutzen.

          Die Sonnenbrille verleiht ein gewisses Mysterium

          Um nun das Phänomen der Coolness zu verstehen, muss man ein wenig ausholen. Der Yale-Professor Robert Farris Thompson gilt als eine der Koryphäen auf dem Forschungsfeld der Coolness. In seinem Essay „An Aesthetic of the Cool“ verfolgt er die Etymologie des Wortes durch 36 afrikanische Sprachen. Darin definiert er Coolness als eine „Maske“, als die Fähigkeit, „im richtigen Moment nonchalant“ (also wörtlich „nicht-heiß“) zu bleiben, die Ruhe zu bewahren und keine Miene zu verziehen.

          Wie Thompson kommen auch Dick Pountain und David Robins in ihrem Buch „Cool Rules: Anatomy of an Attitude“ zu dem Schluss, dass das Konzept der Coolness der afrikanischen Kultur entstammt. Für afrikanische Sklaven war Emotionslosigkeit später eine Überlebensstrategie. Auch die schwarze Musik, die in den anglo-europäischen Sprach- und Verständnisraum gelangte, wo sie schließlich von Weißen übernommen und vermarktet wurde, transportierte diese Coolness. Bevor es die Sonnenbrille gab, gab es also Masken – versteinerte Gesichtszüge –, die den Blick verschleierten und dem Träger ein gewisses Mysterium verliehen. Auch die Sonnenbrille versteckt Emotionen, lässt den Träger also weniger hitzig und damit cool wirken.

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