https://www.faz.net/-hrx-88uca

Fashion-Industrie : Lebensgefühl in der Seidenbluse

  • -Aktualisiert am

Lässig, nicht zu teuer: The Mercer N.Y. entwirft für Frauen, die tagsüber viel um die Ohren haben - mit Erfolg. Bild: Hersteller

Die deutsche Mode ist in der Krise. Die Bevölkerung gibt zunehmend weniger Geld für Kleidung aus. Aber die Eigenmarken von großen Häusern laufen trotzdem gut. Warum?

          Die Zeiten sind nicht leicht für die deutschen Modemarken. Die Hiobsbotschaften reißen nicht ab. Gerade hat das Luxuslabel Escada verkündet, in den nächsten zwei Jahren zehn Prozent der Arbeitsplätze am Standort Aschheim abzubauen. Seit Jahren kämpft das angeschlagene Modeunternehmen um die Rückkehr zur alten Stärke – bislang ohne Erfolg. Damit reiht Escada sich zwischen den Sorgenkindern ein: Die Marke Laurèl kann ihre Mittelstandsanleihe nicht bedienen, Strenesse sucht seit über einem Jahr händeringend einen Käufer, die Traditionsmarke Rena Lange gibt es seit Anfang des Jahres gar nicht mehr.

          Die deutsche Modelandschaft – ein Schatten ihrer selbst, könnte man meinen. Doch es gibt durchaus Labels, die in Zeiten wie diesen überraschenderweise auf Erfolgskurs sind. Es sind die Eigenmarken großer Häuser wie Peek & Cloppenburg, Appelrath Cüpper oder Kaufhof. So wie in den Supermarktregalen neben den Markenprodukten Ware von „Ja!“ liegt (Rewe), von „Gut & Günstig“ (Edeka), von „Alpenmark“ (Aldi Süd) oder „Alnatura“ (Alnatura), setzen auch Händler auf unkomplizierte Mode mit einem guten Preis-Leistungs-Verhältnis. Statt gigantische Summen in die Werbung zu stecken, investieren sie vor allem in das Produkt. Die Kunden schätzen das Hemd von Review (Peek & Cloppenburg) oder die Jacke von Manguun (Kaufhof) wie die Sahne von Ja! oder das Müsli von Gut & Günstig – ohne oft zu wissen, dass es sich dabei um eine Eigenmarke handelt.

          So betreiben Unternehmen wie Kaufhof oder Peek & Cloppenburg seit Jahren großen Aufwand für ihre Eigenproduktionen. Bei Peek & Cloppenburg gibt es für die jeweiligen Linien eigene Abteilungen mit einem Chefdesigner – so wie bei einer eigenständigen Marke. Und bei Kaufhof ist Wolfgang Joop seit fünf Jahren kreativer Sparringspartner für alle Eigenlabels.

          Über eine Milliarde Euro Umsatz

          Ein anderes Beispiel ist The Mercer N.Y.: Was sich nach der urbanen Metropole am Hudson-River anhört, ein bekanntes Hotel dort heißt tatsächlich so, wird in Wahrheit in Bielefeld entworfen. Dahinter steht die Katag, ein Einkaufsverband, der in Deutschland 350 Modehändler an 1500 Standorten mit in Eigenregie produzierten Kollektionen beliefert, darunter neben The Mercer N.Y. auch Staccato, Basefield, Clarina. Die Chancen stehen also gut, dass selbst jemand, der noch nie von Katag gehört hat, ein Katag-Teil im Schrank hängen hat.

          Mit über einer Milliarde Euro Umsatz ist die Katag eines der Schwergewichte der deutschen Modelandschaft – und agiert, anders als Firmen wie Hugo Boss oder S. Oliver, bevorzugt im Hintergrund. Zu ihren Kunden zählen kleinere und mittlere Geschäfte, Warenhäuser und Fachhändler mit mehreren Filialen, die all diese Eigenmarken kaufen, weil sie ihnen eine bessere Kalkulation bieten als die bekannten großen Marken. Mit der Gründung von The Mercer N.Y. vor drei Jahren erhoffte sich Katag-Chef Daniel Terberger für sein Unternehmen mehr Profil und den Sprung in die Premiumliga. „Wir haben The Mercer bewusst separat von unseren mittelmodischen Linien in einer coolen Atmosphäre präsentiert.“

          In einem Preissegment mit vielen Patienten – von Strenesse bis Laurèl – hat das Label eine Lücke gefunden. Die Rechnung ist aufgegangen. Heute beliefert die Katag mit der Kollektion 120 Kunden, darunter interessanterweise auch jene, die Luxusmode verkaufen, wie das Kaufhaus KaDeWe in Berlin, Lodenfrey in München, den Modeeinzelhändler Michael Meyer aus Düsseldorf. Auch diese Häuser wissen heute ein gutes Preis-Leistungs-Verhältnis und einen verständlichen Mode-Grad zu schätzen. „The Mercer N.Y. ist modisch, aber nicht abgehoben“, sagt Terberger, „die Kollektion trifft das Zeitgefühl einer modernen Frau, die mit beiden Beinen im Leben steht.“

          Weitere Themen

          Käfer in cool Video-Seite öffnen

          Bei Äthiopiern beliebt : Käfer in cool

          In Äthiopien sind gerade Jahrzehnte alte VW Käfer wieder in, die auf alle erdenklichen Arten „gepimpt“ werden. So wird aus dem Auto der Alten ein Fashion Statement – dessen Wert hoffentlich steigt.

          Topmeldungen

          Glitzernde Autoshows wollen die Marketingstrategen der Firmen nicht mehr.

          War’s das mit der IAA? : Dilettanten am Steuer

          Wie ruiniert man eine IAA? Man nehme streitende Konzerne, einen Frankfurter Oberbürgermeister und einen hilflosen Verband. Schadenfreude? Ist nicht angebracht. In Deutschland sollten die Alarmglocken schrillen.

          SPD-Vorsitz : Die Letzten könnten die Ersten sein

          Sie stehen weder für einen Generationswechsel noch für radikale Positionen. Und dennoch kommt das Team Esken und Walter-Borjans beim Kampf um den SPD-Vorsitz gut an.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.