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Warum geht Tomas Maier? : Diskret ist nicht mehr

War nie ein Mann großer Auftritte vor Publikum: Tomas Maier während der Bottega-Veneta-Schau in Mailand 2016 Bild: Reuters

Nach 17 Jahren verlässt Tomas Maier die italienische Marke Bottega Veneta. Für die Modewelt gleicht die Nachricht einem Erdbeben.

          Es war zu erwarten, und doch hat es alle überrascht: Tomas Maier verlässt Bottega Veneta. Für Normalsterbliche mag das eine Nicht-Nachricht sein. Für die Bewohner des Planeten Mode war es wie ein Erdbeben, als die italienische Marke am Mittwochabend nach 17 Jahren die Trennung von dem deutschen Designer bekanntgab. Und in Florenz, der derzeitigen Hauptstadt dieses Planeten, weil hier gerade die größte Herrenmodemesse stattfindet, der Pitti Uomo, rätseln alle über diese seismischen Verschiebungen.

          Alfons Kaiser

          Verantwortlicher Redakteur für das Ressort „Deutschland und die Welt“ und das Frankfurter Allgemeine Magazin.

          Tomas Maier, der in Pforzheim als Sohn eines Architekten aufwuchs, die Modeschule in Paris besuchte und für mehrere Modehäuser arbeitete, wurde 2001 Chefdesigner von Bottega Veneta – auf Vermittlung von Tom Ford, dem damaligen Mastermind der Gucci-Gruppe, der ihn aus New York kannte. Doch während Ford bald Gucci verließ, blieb Maier so lange wie kaum ein anderer Modemacher bei einer Marke. Von Florida, wo er sein eigenes Bademode-Label betreibt, pendelte er nach Mailand und nach New York, wo ein Bottega-Atelier eingerichtet wurde. Die verstaubte kleine Firma für Lederwaren entwickelte er zu einer Weltmarke für Accessoires, Mode, Inneneinrichtung, Schmuck und Parfum. Im Jahr 2012 stieg der Umsatz auf mehr als eine Milliarde Euro. Dabei schuf Maier Designklassiker wie die Cabat-Taschen aus Leder im handgeflochtenen Intrecciato-Stil.

          Der Modemacher, der vergangenes Jahr 60 Jahre alt wurde, hat auf dem Weg nach oben nur zwei Dinge fallenlassen: das „h“ in seinem Vornamen und die Liebe zu seiner Muttersprache – Interviews gab er deutschen Journalisten nur auf Englisch, was nun als ein frühes Zeichen seiner Entrücktheit verstanden wird.

          Heimlicher Wohlstand ist nicht mehr angesagt

          Die Änderungen in der Modewelt konnte er nicht mehr nachvollziehen. Sein Spruch „When your own initials are enough“, der den Verzicht auf sichtbare Logos begründete, wurde vom neuen Hang zur Selbstdarstellung mit großen Logos überholt. Sein Stil der sinnvollen Reduktion aufs Wesentliche mit sprechenden Drapierungen, feinsten Materialien und ausgesuchten Farben verblasste angesichts der lauter und sportlicher werdenden Konkurrenz. „Stealth wealth“, heimlicher Wohlstand, ist nicht mehr angesagt. Andererseits: Ähnlich diskrete Marken wie Hermès, The Row oder Victoria Beckham haben trotzdem Erfolg.

          Die junge Kundengeneration der Millennials erreichte Tomas Maier mit seinen zeitlos schönen und überaus teuren Produkten jedenfalls nicht mehr. Ein Indikator: Auf Instagram erreicht Bottega 1,3 Millionen Abonnenten, dagegen folgen Balenciaga, der frisch renovierten Schwestermarke im Kering-Konzern, schon 6,4 Millionen Menschen. Und: Wuchs Bottega im Konzern jahrelang am stürmischsten, so sind es nun – jeweils mit neuem Designer – Gucci, Yves Saint Laurent und Balenciaga.

          Claus-Dietrich Lahrs, der Bottega-CEO, der 2016 von Boss kam und spätestens seit seinen Dior-Zeiten weiß, wie wichtig magische Designer fürs Geschäft sind, muss das gleich erkannt haben. Die letzten Kollektionen wirkten verjüngt, mit Strass und Steinchen aber auch auf falsche Art populär. Man kann sich die Diskussionen vorstellen: Lahrs, der den seit Jahren stagnierenden Umsatz beleben will, wird nach mehr Online-Umsatz, mehr Social-Media-Präsenz und jüngeren Produkten verlangt haben. Maier dagegen hielt an seinem konservativen Kurs fest, der ihm immerhin mehr als ein Jahrzehnt lang rechtgegeben hatte.

          Vorgezogener Abschied von treuen Kunden?

          Heute muss ein Designer sich selbst darstellen, um die Marke nach vorn zu bringen. Karl Lagerfeld bei Chanel, Alessandro Michele bei Gucci und Maria Grazia Chiuri bei Dior machen es vor. Auch dafür ist dieser scheue Designer nicht geschaffen: Als sich Tomas Maier nach seiner Schau im Februar in New York unters Modevolk mischte, war das ein Tribut an die Öffentlichkeitsarbeit – er selbst wäre am liebsten schnell verschwunden. Oder war es ein vorgezogener Abschied von treuen Kunden und Begleitern?

          Scheuer Auftritt in New York: Tomas Maier während der Fashion Week

          Schon am Mittwochabend mutmaßte die erste Reihe bei der Modenschau von Roberto Cavalli bei Florenz über einen möglichen Nachfolger. Die wahrscheinlichste Variante: Phoebe Philo, die frei ist auf dem Designermarkt, allerdings mit drei Kindern in London gebunden. Sie hatte Céline mit tollen Taschen zum Erfolg geführt. Es wäre ein Erfolg für Lahrs, wenn er sie verpflichten könnte – zumal Kering dem konkurrierenden LVMH-Konzern eines der besten Talente wegnähme. Wieder wäre es ein kleines Erdbeben auf dem entfernten Planeten Mode.

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