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Trend zum Leopardenmuster : Im Gewand der Raubkatze

  • -Aktualisiert am

Leopardenmuster von Kopf bis Fuß im vergangenen Jahr bei Tom Ford Bild: dpa

Mal Billigkitsch, mal Protestsymbol: Das Leopardenmuster war und ist zwiegespalten in seiner Auslegung. In Amerika ist es derzeit wieder in – das liegt auch an Donald Trump und der #metoo-Bewegung.

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          Christian Dior hat einmal gesagt, wenn eine Frau „fair and sweet“ sei, sollte sie kein Leopardenmuster tragen. Das war in den fünfziger Jahren, und selbst wenn sich seither im Hinblick auf Frauenbilder so einiges getan hat, passt das Zitat noch immer. Amerikanische Frauen jedenfalls haben seit dem Präsidentenwahlkampf Donald Trumps, der Nominierung Brett Kavanaughs zum Obersten Gerichtshof und den Enthüllungen der #MeToo-Bewegung wenig Anlass, sich diese Charaktereigenschaften zu eigen zu machen, „anmutig“ und „lieb“.

          Viele von ihnen tragen jetzt Leopardenmuster, auf Kunstpelz, auf Taschen und Stiefeln. Wie lässt sich die Wut auf ein System, das Frauen zu Opfern sexueller Gewalt macht und als Lügnerinnen darstellt, schließlich besser in die Welt tragen als im Gewand einer Raubkatze? „Viele der Errungenschaften der vergangenen zehn Jahre werden jetzt attackiert“, sagt Jo Weldon, die über die Geschichte des Leopardenmusters ein Buch geschrieben hat. „Ich glaube, seitdem denken sich viele: Wir ziehen uns an wie für einen Kampf. Sie wollen sich stark fühlen, oder zumindest so, als würden sie eine Waffe tragen gegen die Macht, die sie nicht haben.“ Für diese Haltung steht das Fleckenmuster des Leoparden. Die Modehistorikerin Sarah Byrd ist ähnlicher Meinung: „Es ist schwer, dabei nicht an den Women’s March, die Pussymützen und die Ideen, die damit zusammenhängen, zu denken.“

          Sich stark fühlen: Eine Demonstrantin beim Women’s March
          Sich stark fühlen: Eine Demonstrantin beim Women’s March : Bild: EPA

          Der Rebellion Ausdruck verleihen

          Es wäre nicht das erste Mal, dass sich eine Protestbewegung des Leopardenmusters bedient, um ihren Unmut zum Ausdruck zu bringen. Bereits in den siebziger Jahren zeigten sich Punk-Ikonen wie Iggy Pop und Debbie Harry in dem damals von den etablierten Modemagazinen oft als Billigkitsch wahrgenommenem Leopardenprint. Unter den männlichen Vertretern des Genres passte das Muster, bis dato den Frauen vorbehalten, gut in das androgyne Kleidungsschema, das sich gegen vorgeschriebene Geschlechterrollen auflehnte, berichtet Weldon in ihrem Buch. Für weibliche Künstlerinnen wie Wendy O. Williams und Nina Hagen symbolisierte der Leopard dagegen Widerstand: „Sie trugen das, um ihrer Rebellion gegen Anständigkeit und guten Geschmack – zwei Begriffe, die damals oft gegen Frauen verwendet wurden – Ausdruck zu verleihen“, schreibt Weldon.

          In Zeiten, da sich Frauen für ihren Protest – oder auch schlicht für ihre politische Opposition – als unanständig bezeichnen lassen müssen, scheint dieser Anlass wieder gegeben, und so macht es Sinn, dass gerade Amerikanerinnen seit zwei Jahren zunehmend zum Leo-Muster greifen.

          Auch Victoria Beckham brachte das Leopardenmuster 2018 wieder auf den Laufsteg.
          Auch Victoria Beckham brachte das Leopardenmuster 2018 wieder auf den Laufsteg. : Bild: Helmut Fricke

          Leopardenmuster kann auch anders

          Dabei wird selbstverständlich nicht jede Anhängerin des Trends automatisch feministische Stilikone sein wollen. Denn das Muster war und ist auch heute stets zwiegespalten in seiner Auslegung, war der Leopard doch schon immer auch ein Zeichen eleganter Grazie. So symbolisierte etwa Jackie Kennedy in den frühen sechziger Jahren mit ihrem echten Leopardenpelzmantel nicht etwa die aufständische Ehefrau, sondern die perfekte First Lady.

          Andererseits: Das Leopardenmuster kann eben auch anders. Dieser Print mag im Laufe seiner Geschichte für genug Leid gesorgt haben, den vielen Echtpelzmänteln sei Dank, aber zumindest in diesem Moment kommt er gerade recht. Protest soll man heute schließlich auch am Leib tragen, wie die vielen Sprüche-T-Shirts es ja ebenfalls zeigen. „Nasty Woman“, „Feminist“ oder „Mother F*cking Girl Power“: Darüber passt ein Leopardenmantel.

          Dazu würde auch ein mutigeres TShirt passen: Ein Mantel mit Leopardenmuster von Tom Ford
          Dazu würde auch ein mutigeres TShirt passen: Ein Mantel mit Leopardenmuster von Tom Ford : Bild: Helmut Fricke

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