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Stilsünden : Woran es der deutschen Mode mangelt

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Ist das das letzte Abendmahl der deutschen Mode? Bild: Helmut Fricke

Wann war der Moment, als die Deutschen ihren Stil verloren? Denn es gab ihn durchaus, den deutschen Höhepunkt des Stil, und er war kein bisschen schlecht.

          Im Januar zeigte Perret Schaad die Herbstkollektion als eine Art letztes Abendmahl. Mitte April gaben Johanna Perret und Tutia Schaad das Ende ihrer Berliner Modemarke bekannt. Viele bedauern das. Nur Wäis Kiani nicht. Daher haben wir die Modeautorin gebeten zu schreiben, woran es deutschem Stil mangelt.

          Wer erinnert sich noch an den Moment, als die deutsche Mannschaft bei der Eröffnungsfeier der Olympischen Winterspiele in Sotschi 2014 einlief, als der Anblick der Outfits des Teams jedem Fernsehzuschauer Tränen der Scham in die Augen trieb? Das deutsche Team trug gestreifte Nylonjacken in knallbunten Kleinkind-Bonbonfarben. Orange, gelb, grün und blau war die lebensbejahende Farbkombi. Dazu trugen die Herren weiße und die armen Damen orange-geblümte Hosen.

          „Das ist eine tolle, farbenfrohe Kollektion. Sportlich elegant, und das wird den Unterschied machen“, sagte Michael Vesper selbstbewusst, der Chef de Mission des Teams in Sotschi. Schuld an dem Elend war das deutsche Bekleidungsunternehmen Bogner. Seit 1936 sind sie schon bei den Winterspielen engagiert, aber was sie der Welt als „deutschen Stil“ präsentieren, wird von Olympischen Spielen zu Olympischen Spielen schrecklicher, es ist eine einzige Demütigung.

          Wann war der Moment, als wir ihn verloren, den Stil?

          Warum ist das so, und warum wird es immer schlimmer mit unserer Ästhetik? Wann war der Moment, als wir ihn verloren, den Stil? Denn es gab ihn durchaus, den deutschen Stil, und er war kein bisschen schlecht.

          Ich wurde in den Sechzigern geboren. Meine Babybilder, auf denen ich in einem eleganten blau-weißen Kinderwagen deutschen Fabrikats sitze, ganz in weiße Baumwolle, Made in Germany, gekleidet, sind umzäunt von Damen in knielangen Pencilskirts und sehr spitzen Pumps, mit hochtoupierten Turmfrisuren und Eyeliner. Wir haben nicht in Manhattan gelebt, sondern in Mainhattan, also in Frankfurt, und mein Vater war auch kein Mad Man, sondern Medizinstudent.

          Und das war eindeutig deutscher Stil, er musste sich kein bisschen hinter anderen Stilen verstecken, ganz im Gegenteil. Der deutsche Stil in den Siebzigern hat mich geprägt. Hätte ich meine Kindheit zu der Zeit in Frankreich oder England verbracht, wäre ich heute nicht dieselbe Person. Die Siebziger waren voll mit deutschem Stil. Wo soll man beginnen? Großblumige Tapeten, Melitta-Filtertüten, Kaffeetafeln mit Streuselkuchen und Bienenstich neben der Hollywoodschaukel, Rosenthal-Geschirr, Pril-Blumen auf den sonnengelben Schränken der Siematic-6006-Systemküche.

          Deutsche Schuhdesigner scheinen Frauen zu hassen

          Die bordeauxroten Slipper von Aigner an den Füßen der Eltern mit passenden Gürteln mit Hufeisenschnalle. Der VW Käfer mit den gelochten Kunstledersitzen, auf denen sich im Sommer das Muster ins nackte Fleisch drückte. Die Langnese-Eistafel und der Salamander-Schriftzug mitsamt Lurchi. Das alles war deutscher Stil, und es sah richtig gut aus.

          Wer in den vergangenen 20 Jahren in einem deutschen Schuhgeschäft versucht hat, Schuhe zu kaufen, wird nicht glauben, dass Damenschuhe bis Anfang der Achtziger in den großen Geschäften der Fußgängerzonen, entworfen in Deutschland, nicht nur comme il faut, sondern auch todchic waren. Damenschuhe heute sind bei uns ein Drama. Deutsche Schuhdesigner scheinen Frauen zu hassen.

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          Aber bleiben wir lieber bei den guten Dingen. Wer hat mehr Großes für den deutschen Stil geleistet als die göttliche Jil Sander? In den Siebzigern eröffnete sie ihren ersten legendären Laden an der Milchstraße in Hamburg, und in den frühen Achtzigern wusste man als Schülerin schon: In einem T-Shirt von ihr fühlte sich das Leben, die ganze Welt, ganz anders an als in einem Kapuzenpulli von Fruit of the Loom, was aber auch nicht schlecht war.

          Wir gelten bei unseren Nachbarn als die „ugly germans“

          Nennt man Jil Sander, muss man auch Wolfgang Joop danken. Es gab in den Achtzigern einige, die Gutes für den deutschen Stil leisteten, auch die unvergessene Caren Pfleger und meine Lieblingsdesignerin Daniela Bechtolf, die leider in finanzielle Schwierigkeiten geriet und ihr Label in den Neunzigern wieder schließen musste. Jil Sander verkaufte ihr Unternehmen, Wolfgang Joop machte nur noch exzentrisches Design, auch über das einst tragbare und dennoch sexy Label Strenesse lässt sich seit dem Ausscheiden von Gabriele Strehle nichts Gutes mehr sagen.

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          Karl Lagerfeld zählt nicht zu deutschem Stil, hat er doch früh erkannt, dass seine Heimat ihm die Bühne, die er anstrebt, niemals bieten kann. Man kann aber sagen: Die Franzosen sollten uns weniger verachten, lebt ihr größtes Modehaus doch vom Stil eines Deutschen.

          Wir müssen ihn zurückholen, den deutschen Stil

          Wir gelten bei unseren europäischen Nachbarn als die „ugly germans“, und wenn man die bunten Bogner-Jacken ansieht, kann man deswegen noch nicht einmal beleidigt sein. Deutsche Designer heißen jetzt Guido Maria Kretschmer und Talbot Runhof - und letztere haben im Sterne-lokal „Tantris“ in München das unschuldige Personal in Kostüme gesteckt, die die deutsche Mannschaft in Sotschi im Vergleich hübsch aussehen lassen.

          Um den entstehenden Spott abzubremsen, wurden Journalisten mit Gratis-Essen dafür belohnt, etwas Nettes über die grausigen Entwürfe zu schreiben. Was eigentlich alles aussagt darüber, wie bei uns Kreativität gefördert wird. Kritik ist unerwünscht, und Publicity wird gekauft. In Zeiten von Instagram kein Problem, gibt es doch genug Airheads, die sich über alles freuen, was sie umsonst bekommen.

          Was in Berlin von deutschen Designern zur Fashion Week gezeigt wird, daran kann sich niemand erinnern, das will auch eigentlich niemand sehen. Und es spielt auch außerhalb der Fashion Week keine Rolle. Oder haben Sie sich schon öfter bei Perret Schaad eingekleidet und sind jetzt traurig, weil es das Label nicht mehr gibt? Eben. Wir müssen ihn zurückholen, den deutschen Stil, wohin auch immer er verschwunden ist. Aber dazu müssen wir erst einmal ein „cleanse“ durchziehen. Und dann wieder ganz von vorne anfangen.

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