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Victoria’s Secret Fashion Show : Auch dicke Engel können fliegen

Von Diversität ist hier nicht viel zu sehen: „Victoria’s Secret“ Models bei der Show 2017 Bild: AFP

Normschöne Engel, die in Unterwäsche über den Laufsteg fliegen – das war lange die Verkaufsstrategie der Dessous-Marke „Victoria’s Secret“. Einen entscheidenden Trend hat das Label jedoch verschlafen. Nun wird die Show ausgesetzt.

          3 Min.

          Wofür ist Victoria’s Secret bekannt? Vor allem für die alljährliche Engelschau, bei der auch deutsche Models wie Heidi Klum oder Toni Garrn mitliefen. Die „Victoria’s Secret Fashion Show“ lief immer nach demselben Schema ab: Frauen, die beinahe überdimensioniert erscheinen, staksen einen Laufsteg hinunter, athletisch wie Rennpferde, ohne ein Gramm Fett am durchtrainierten Körper. Dabei schweben sie so leichtfüßig daher, dass die teilweise wirklich schweren Flügel (bis zu 15 Kilogramm), die sie – nebst knapper Unterwäsche – tragen, so leicht wirken, als wären sie tatsächlich aus Federn. Dazu gibt irgendein Popstar Hits zum Besten, und männliche Sänger schmachten die Engel an. Wie ein Traum aus Federn, wallendem Haar, Muskeln und Sehnen kommen die Engel daher. Zumindest soll die Show das suggerieren.

          Johanna Dürrholz

          Redakteurin im Ressort Gesellschaft bei FAZ.NET

          Am Donnerstag hat Victoria’s Secret die Engelschau für dieses Jahr abgesagt, womöglich gibt es sie nie wieder. Der Konzern verzeichnet schon länger sinkende Verkaufszahlen. Die Absage ist ein weiteres Zeichen dafür, dass man vergeblich nach einem Anschluss an die Öffentlichkeit sucht. Dabei war die Marketingstrategie über Jahre genial: Ein Victoria’s-Secret-Model galt lange als Synonym für Schönheit. In Serien wie „How I Met Your Mother“ ist die After-Show-Party der Schau der „Place to be“ für den ewigen Schwerenöter Barney Stinson.

          Für Konsumenten hieß das: Wer diese Unterwäsche trägt, ist unwiderstehlich sexy. Und für viele Männer, etwa Rapper, die damit prahlen, dass ihre Freundin die Marke trägt, gilt: Die Freundin ist zum Angeben, wenn sie sich in Victoria’s Secret räkelt, der heißesten Unterwäsche der Welt.

          Das deutsche Model Toni Garn 2018 bei der berühmten Unterwäschen-Fashionshow

          Jetzt ist die Stimmung abgekühlt. Die Unterwäsche ist ohnehin nicht die Luxusware, für die manche sie halten. Die Stücke von der Engelschau sind teils Millionen Dollar wert. Die BHs für Erdenbewohnerinnen hingegen (die meist ungeheuer pushen) sind nicht besonders teuer und nicht besonders hochwertig. Herkunft und Herstellung der Textilien werden nicht so recht transparent gemacht. Zwar hat das Unternehmen Limited Brands, zu dem Victoria’s Secret gehört, ein Statement gegen moderne Sklaverei veröffentlicht, nachdem es 2011 Vorwürfe der Kinderarbeit gegeben hatte, die nicht bestätigt wurden. Doch unter welchen Bedingungen und von wem die Wäsche produziert wird, ist unklar.

          Und noch etwas ist passiert: Die Marke hat geschlafen wie ein Engel. Einen der wichtigsten neuen Trends hat sie einfach nicht mitbekommen – vielleicht auch, weil er so gar nicht ins Konzept des makellosen und durchtrainierten Engels passt. Immer mehr Labels setzen auf Diversity, auf Women of Colour, auf verschiedene Körpergrößen – wenn das bei Unterwäsche und Bikinis auch länger dauerte als in der Modeszene. Nicht-Perfektion unter der Kleidung durfte man erahnen, aber lieber nicht sehen.

          Die umschwärmten Models sind auch Vorbilder

          Das hat sich geändert. Spätestens mit der Schau von Savage X Fenty, der Unterwäsche-Kollektion von Rihanna, im September in New York war das klar. Bei diesem Inbegriff einer diversen Schau schwebte nichts, da wackelte alles. Models aller Körpergrößen tanzten und hüpften über den Laufsteg, Frauen mit großen und mit kleinen Brüsten, Women of Colour, athletische Frauen, queere Personen, Schwangere. Alles, was wirklich ist, war auf der großen Bühne zu sehen.

          Rihanna zeigt, wie es richtig geht: Bei der Präsentation ihrer Unterwäschelinie „Savage X Fenty“ sieht man, wie „Diversity“ aussieht.

          Für die Fans von Engeln ist das vielleicht ein Schock. Aber ein heilsamer. Denn die Victoria’s-Secret-Models mussten regelrechte Torturen durchleben, um dem normierten Schönheitsideal (dünn, langhaarig, vollbusig) zu entsprechen. So erzählte Adriana Lima, die insgesamt 17 Mal als Engel über den Laufsteg schwebte, dass sie neun Tage vor dem Event keine feste Nahrung mehr zu sich nehme, nur noch Shakes, und zwölf Stunden vorher auch keine Flüssigkeit mehr. Zwei Youtuberinnen testeten im vergangenen Jahr im Selbstversuch diese Diät. Danach sagten sie, das würden sie ihrem schlimmsten Feind nicht gönnen.

          Natürlich können die Frauen essen, was sie wollen – gerade wenn sie damit gutes Geld verdienen. Doch die weltweit umschwärmten Models sind auch Vorbilder für Mädchen, die dann womöglich auch nur noch Brei essen oder Shakes trinken. Ganz zu schweigen vom gesellschaftlichen Ideal, dass eine Frau möglichst gut auszusehen hat, um als toll und bewundernswert zu gelten.

          Man kann dem Trend zu Diversität in der Mode unterstellen, dass er gerade deswegen von vielen Firmen so begeistert aufgegriffen wird, weil er bedeutet, dass eine ungleich größere, weitgehend unerschlossene Zielgruppe endlich erreicht wird. Doch dahinter steckt auch, dass junge Frauen in aller Welt heute nicht mehr aufschauen wollen zu dünnen, weißen Frauen mit unerreichbaren Maßen. Sie wollen sich nicht mehr ärgern, weil sie Speck oder Cellulite oder Dehnungsstreifen haben, wo bei Adriana Lima nichts ist – sie haben schließlich andere, wichtigere Sorgen. Und sie wollen Frauen sehen, mit denen sie sich identifizieren können. Dazu gehören auch dünne, weiße Frauen – aber eben auch ganz viele andere. Sie wollen selbst definieren, welchen Körper man haben muss, um die heißeste Unterwäsche der Welt zu tragen. Dafür braucht man nämlich nur eins: irgendeinen Körper.

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